Der Wiederaufbau des von der Flutkatastrophe zerstörten Ahrtals geht der Opposition viel zu langsam. Die Landesregierung bittet angesichts des Ausmaßes der Zerstörung und der Wiederaufbau-Ziele um Geduld. Einige "Meilensteine" seien aber schon erreicht.

Etwas mehr als eine halbe Milliarde Euro Wiederaufbauhilfe sind ein Jahr nach der Flutkatastrophe mit mindestens 135 Toten im nördlichen Rheinland-Pfalz für Private und Unternehmen bewilligt. Diese von der Landesregierung genannte Zahl wird von der Opposition als viel zu niedrig kritisiert. Denn im Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern sind insgesamt rund 15 Milliarden Euro für das Bundesland vorgesehen, davon etwa 14 Milliarden für das Ahrtal. Dieses Geld ist nicht nur für Private, Unternehmer und die Landwirtschaft, sondern etwa auch für Kommunen und andere Träger der öffentlichen Infrastruktur vorgesehen.

Wiederaufbau im Ahrtal: Was wurde im ersten Jahr aufgebaut? 

"Zusammen mit den Betroffenen, den Kommunen, dem Landkreis, Freiwilligen und professionellen Helfern und Helferinnen aus der Region und ganz Deutschland haben wir schon viel erreicht", sagt Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Die Landesregierung rechnet aber auch noch mit einer Reihe neuer Anträge von Kommunen, Privatleuten und Unternehmen.

Was wurde im ersten Jahr nach den monatelangen Aufräumarbeiten aufgebaut? Ein Überblick:

1) Kommunale Infrastruktur:

Die insgesamt von der Naturkatastrophe betroffenen sieben Landkreise und die Stadt Trier hätten zusammen mehr als 4500 Einzelmaßnahmen für den Wiederaufbau der kommunalen Infrastruktur angemeldet, davon 2600 im Ahrtal, sagt Innenminister Roger Lewentz (SPD). Sie reichten von der Sanierung eines Jugendheims bis zur Erneuerung eines Sportplatzes. Für den kommunalen Wiederaufbau seien rund 4 Milliarden Euro vorgesehen, davon 3,8 Milliarden Euro für den Kreis Ahrweiler. Zu den Zielen, nachhaltig und modellhaft aufzubauen, gehöre auch, die 87 zerstörten Sportstätten so aufzubauen, dass sie besser sind als vor der Katastrophe.

2) Verkehr:

Sechs Wochen nach der Katastrophe waren alle Ortschaften im Ahrtal wieder an das klassifizierte Straßennetz angebunden und erreichbar, wie Dreyer betont. Denn: Die Straßeninfrastruktur war im Ahrtal und seinen Nebentälern nach einer Erhebung des Verkehrsministeriums auf mehr als 70 Kilometern zerstört. Der Lückenschluss beim Tunnel Altenahr soll noch in diesem Jahr fertig werden.

3) Brücken:

Mehr als 100 Brücken wurden dem Verkehrsministerium zufolge bei der Flutkatastrophe beschädigt oder komplett zerstört (10). Bei etwa 30 Brücken war die Zerstörung "substanziell" und mehrere der 100 Bauwerke bestünden eigentlich aus mehreren Brücken. Fünf Behelfsbrücken sind im Ahrtal errichtet worden, für drei Brücken werden derzeit Ingenieursaufträge vergeben. Der Neubau einer der beiden B9-Brücken bei Sinzig, die den Raum Koblenz mit der Region Köln/Bonn verbinden, wurde Ende Dezember begonnen. Die Verkehrsfreigabe soll im Spätsommer erfolgen.

4) Bahn:

Rund vier Monate nach der Flutnacht konnte die Ahrtalbahn wieder auf dem wichtigen Pendler-Teilstück zwischen Remagen nach Ahrweiler fahren, wie Dreyer sagt. Auch die Eifelstrecke zwischen Trier und Köln kann wieder abschnittsweise genutzt werden. "Wir gehen davon aus, dass die gesamte Eifelstrecke bis Ende 2023 wieder in Betrieb genommen werden kann." Bis 2028 sollen die Dieselloks in der Eifel und auf den rund 30 Kilometern im Ahrtal vollständig elektrifiziert werden.

5) Neue Wohnflächen:

In Ahrbrück werden mit rund 4,1 Millionen Euro rund 150 neue Wohneinheiten sowie Gewerbeflächen durch die Umwandlung eines ehemaligen Fabrikgeländes geschaffen. Das Angebot soll für das ganze Ahrtal gelten, denn einige Flächen dürfen nicht mehr bebaut werden. Die Bauarbeiten können voraussichtlich 2024 beginnen, wie die Organisatoren sagen.

6) Abwasser:

Um die Abwasserreinigung wieder zu gewährleisten, mussten sechs provisorische Kläranlagen errichtet werden. Künftig soll es noch zwei zentrale in Sinzig und Dümpelfeld geben. Die neue Kläranlage in Sinzig gilt nach den Worten von Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) als eine der modernsten in Deutschland.

7) Heizen:

Rund 100 Tage nach der Flutkatastrophe wurde die schwer beschädigte Gashochdruckleitung wieder in Betrieb genommen. Nahezu alle der zerstörten Ölheizungen würden durch neue Heizsysteme ersetzt, sagt Dreyer. Ein Vorbild der Nachhaltigkeit: Im Dorf Marienthal soll ein Warmwassernetz im November in Betrieb gehen. Dabei will eine Bürgergenossenschaft mehr als 30 Haushalte an die künftige Heizungsanlage mit Solarthermie und Holzpellets anschließen. "Marienthal könnte der erste Ort im Ahrtal mit einer klimaneutralen Wärmeversorgung sein", sagt Eder.

8) Kitas und Schulen:

An 17 Schulen und 11 Kitas im Ahrtal sind große Schäden entstanden. Trotzdem konnten alle Kinder direkt nach den Sommerferien wieder in die Schule gehen, sagte Dreyer. Zunächst an anderen Standorten, mittlerweile aber auch wieder in ihre eigene, teilweise aber noch mit Behelfslösungen. Ausnahmen seien der beiden Förderschulen und die Grundschule Dernau. Diese Grundschule zieht in den kommenden Sommerferien in Container in Dernau-Marienthal. Für die beiden Förderschulen werde es im kommenden Schuljahr eine vorübergehende Container-Lösung geben.

Alle kleinen Kinder könnten wieder in Kitas gehen, an einigen Standorten würden dafür noch Container genutzt.

9) Krankenhäuser:

Fünf Krankenhäuser und zwei Rehakliniken wurden bei der Sturzflut beschädigt. Sie werden instandgesetzt - ausgenommen das Krankenhaus Trier-Ehrang, dessen Träger sich dagegen entschieden habe.

10) Psychosoziale Unterstützung:

Hauptanlaufpunkt ist seit November 2021 ein neues Traumahilfezentrum. Unter Federführung des Opferbeauftragten Detlef Placzek wird derzeit eine langfristige psychosoziale Nachsorgestruktur aufgebaut.