Unter Simbabwern gäbe es einen Witz, erzählte die preisgekrönte Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga einmal: In dem südafrikanischen Land herrsche Meinungsfreiheit, aber keine Freiheit nach der Meinung. Für Dangarembga könnte dieser Scherz bald zur bitteren Realität werden.

Der 63-Jährigen wird in ihrer Heimat öffentlicher Aufruf zu Gewalt, Friedensbruch und Bigotterie vorgeworfen, nachdem sie im Juli 2020 an regierungskritischen Protesten teilnahm. Dangarembga muss sich vor einem Gericht in der Hauptstadt Harare rechtfertigen, das direkt dem Präsidenten Emmerson Mnangagwa untersteht. An diesem Montag (27. Juni) soll ein Richter entscheiden, ob das Verfahren eingestellt wird. Falls nicht, drohen Dangarembga mehrere Jahre Haft.

In dem Prozess geht es genau um die Themen, für die sich die mit einem Deutschen verheiratete Autorin seit Jahrzehnten in ihren Büchern und Filmen einsetzt: Diskriminierung, Menschenrechte, Verfolgung und Korruption. Dangarembga war vor zwei Jahren auf die Straße gegangen, um für eine Reform korrupter Institutionen in Simbabwe zu protestieren. Sie wurde verhaftet, kurz darauf auf Bewährung freigelassen und im September 2020 angeklagt.

In Simbabwe hat sich auch nach der Entmachtung des mittlerweile gestorbenen Autokraten Robert Mugabe die Menschenrechtslage nicht verbessert. In einer Erklärung des Europäischen Rats vom Februar wurde die Einschüchterung der politischen Opposition und anderer regierungskritischer Stimmen bemängelt.

Dangarembga ist dafür bekannt, einen unerschrockenen Blick auf schwierige Realitäten zu werfen. Sie nimmt die Überlebenskämpfe einfacher Leute unter die Lupe, thematisiert Rassismus und Gewalt gegen Frauen, spricht sich für gleiche Rechte für alle in einer globalisierten Welt aus.

Bei der Verleihung des PEN Pinter Preises im Juni 2021 wurde sie als «Stimme der Hoffnung, die wir alle hören müssen» gefeiert. Die Jury lobte ihre «Fähigkeit, auch in Zeiten des Umbruchs lebenswichtige Wahrheiten festzuhalten». Wenige Monate später wurde Dangarembga mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Jetzt bangt die literarische Welt, eine Gefängnisstrafe könne die wichtige Stimme Dangarembgas ersticken, zumindest zeitweise. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeigte sich empört darüber, dass die Autorin, die in ihren Werken soziale und moralische Konflikte aufzeige, sich wegen ihres gesellschaftlichen Engagements vor Gericht verantworten müsse. «Der Börsenverein fordert ein verfassungsgemäßes und gerechtes Gerichtsverfahren und versichert Tsitsi Dangarembga volle Solidarität», sagte die Vorsteherin des Vereins, Karin Schmidt-Friderichs.

Dangarembga selbst will sich zu dem Prozess nicht äußern. Sie fürchte, ihre Aussagen könnten als Missachtung des Gerichts ausgelegt werden, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Ihr Ehemann Olaf Koschke beschreibt das Verfahren als «absurd» und «kafkaesk». «Aufgrund von zwei Plakaten, auf denen Reformen gefordert wurden, eine Straftat zu konstruieren, ist ein starkes Stück», sagt er. Seit zwei Jahren lebt Dangarembga unter ständiger Bedrohung, musste bereits 26 Mal vor Gericht erscheinen.

«Es ist sehr deutlich, dass es um Schikane von Regimekritikern geht», meint Koschke. Seine Frau und er seien recht zuversichtlich, dass das Verfahren früher oder später eingestellt werde - auch wenn das noch Jahre dauern könne. Doch die Angst sitzt ständig im Nacken. «Wir müssen mit allem rechnen», sagt Koschke.

Auch Verlegerin Annette Michael blickt «mit Unwohlsein» auf den Prozess. Ihre größte Befürchtung ist, dass Dangarembga tatsächlich in Haft muss - «das wäre eine Katastrophe». Die Autorin kämpfe entschieden für die Verbesserung der politischen Zustände in Simbabwe, «dafür nimmt sie das alles auf sich». Daher stelle sie sich auch diesem Prozess; ihr Land auf Dauer zu verlassen sei für sie keine Option, «davor muss man größten Respekt haben».

Momentan verweilt die Autorin in Europa, mit Stopps in Norwegen und Deutschland. Am kommenden Wochenende (25.6.) ist Dangarembga bei einem Treffen europäischer Literaturhäuser am Berliner Wannsee zu Gast. Ob sie am 27.6. persönlich in Harare vorsprechen müsse, sei noch unklar, so Koschke.

Zu Deutschland hat Dangarembga nach eigenen Angaben seit jungen Mädchenjahren eine enge Beziehung. Mit zehn Jahren stieß sie auf «Das Tagebuch der Anne Frank» und brachte sich daraufhin selbst Deutsch bei. In den 1990er Jahren wandte sie sich verstärkt dem Film zu und zog nach Berlin, wo sie Filmregie studierte. Im Jahr 2000 kehrte sie mit ihrem Mann nach Afrika zurück.

Von deutschen Lesern wurde Dangarembga jedoch erst spät entdeckt. Ihr international gefeierter Roman «Nervous Conditions» erschien auf Englisch bereits 1988, die deutsche Übersetzung «Aufbrechen» kam erst 2019 in die Buchhandlungen. Hier beschreibt Dangarembga am Beispiel einer heranwachsenden Frau den Kampf um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe. Die Frage ist nun, ob sie dies auch für sich selbst realisieren kann.