München rüstet sich fürs Oktoberfest. Nach zwei Jahren Pause soll auf der Theresienwiese wieder gefeiert werden - wie immer: mit Millionen Gästen. Es dürfte auch ein Fest für das Coronavirus werden. Die Wiesn wird - so die Expertenmeinung - die Infektionszahlen hochtreiben.

So richtig wird die Welle wohl erst danach kommen. Aber dass sie kommen wird, bezweifelt kaum jemand. Millionen Gäste, teils aus fernen Ländern, werden in München zum Oktoberfest erwartet - Ansteckungen mit dem Coronavirus sind vorprogrammiert. Zweimal war das Fest wegen der Pandemie schon abgesagt worden. Das Virus ist immer noch da, die Inzidenzen sind teils höher als in den vergangenen beiden Jahren. Trotzdem soll gefeiert werden - wie früher und ohne Corona-Maßnahmen.

Auflagen wären aufwendig und hinderlich

Schließlich: Eine Maske wäre beim Biertrinken hinderlich, und Hunderttausende Gäste pro Tag zu testen und zu kontrollieren - das wäre ein enormer Aufwand. Vor allem aber rechtfertigen die Vorgaben aus Berlin derzeit keine Einschränkungen. Auch im neuen Entwurf für das Infektionsschutzgesetz sind Volksfeste erlaubt. Allerdings warnen Experten schon seit einiger Zeit vor einem möglichen Superspreading-Event.

"Natürlich wird es dazu führen, dass eine Erhöhung der Fallzahlen auftreten wird", sagt Johannes Bogner, Leiter der Sektion Klinische Infektiologie am LMU-Klinikum der Uni München. "Es ist sehr gut dokumentiert, dass nach lokalen Ereignissen eine messbare Zunahme an Erkrankungsfällen zu Buche schlägt. Das wird auch für das Oktoberfest zu erwarten sein", sagt der Mediziner. "Besonders am Biertisch, wo man stundenlang mit anderen eng zusammensitzt, wird eine Ansteckung sehr leicht möglich sein."

Die Süddeutsche Zeitung hatte anhand der Infektionszahlen nach Volksfesten - etwa Frühjahrsdult Landshut und Bergkirchweih in Erlangen - gezeigt: Jeweils danach stieg in den Landkreisen die Siebentage-Inzidenz sprunghaft an. Zuletzt schnellten im Landkreis Kulmbach nach dem Bierfest die Zahlen nach oben. Die Inzidenz lag teils über 1400, die Region war damit zeitweilig bundesweiter Inzidenz-Spitzenreiter.

Bereits andere Volksfeste sorgten für Wellen

Derzeit richten sich viele Blicke nach Straubing. Dort war bis Montag mit rund 1,3 Millionen Besuchern das Gäubodenvolksfest über die Bühne gegangen. Am letzten Tag des Festes lag die Inzidenz in Stadt und Landkreis nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) noch im bundesdeutschen Durchschnitt. Doch auch bei den anderen Volksfesten kam die Welle erst danach. In Straubing schwillt sie bereits an: Am Mittwoch lag die Stadt laut RKI bereits bei einer Inzidenz von 512,5 und der Landkreis Straubing-Bogen bei 457,0.

Dabei trifft es wohl nicht nur die Volksfestbesucher. Das Virus bleibt nicht auf dem Festgelände, sondern ist mit den Festgästen in der Stadt unterwegs - in U-Bahnen, Supermärkten und Restaurants.

Während viele Münchner in Vorfreude schon Lederhose und Dirndl aus dem Schrank geholt haben und auf den Straßen ein Wiesn-Flair verbreiten, sind andere gar nicht begeistert von der Entscheidung der Stadt, das Fest stattfinden zu lassen. Sie sehen sich zwangsweise einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Ihnen rät Bogner zum verstärkten Tragen von Masken auch im Alltag in der Wiesn-Zeit.

"Muss Risiko in Kauf nehmen": Schwere Verläufe drohen eher weniger

Trotz der absehbaren Wiesn-Welle sehen Mediziner keinen Grund, das größte Volksfest der Welt abzusagen, das wegen seiner Internationalität noch eine größere Verbreitungswirkung haben könnte.

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"Wenn man sich für die Wiesn entscheidet, muss man ein gewisses Infektionsrisiko in Kauf nehmen", sagte Ulrike Protzer, Leiterin der Virologie an der TU und am Helmholtz-Zentrum München, kürzlich der Süddeutschen Zeitung. "Eines Tages muss man zum normalen Leben zurückkehren, und das geht mittlerweile auch, wenn man dabei vernünftig ist."

Ähnlich sieht es der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der TU München, Christoph Spinner, der zum Boostern rät. "Die Optimierung des Impfschutzes, beispielsweise durch einen zweiten Booster zwei bis vier Wochen vor der Wiesn, kann das Infektionsrisiko noch einmal merklich senken." Denn: "Für diejenigen, die auf die Wiesn gehen: Die Übertragungswahrscheinlichkeit dort ist hoch."

Nicht mehr so schlimm wie in den Vorjahren: Neue Varianten eher auszuschließen

Dass die Wiesn einen neuen Erreger hervorbringen könnten oder bis dahin eine neue Variante von anderswo herkommt, erwarten Experten nicht. "Es ist unwahrscheinlich, dass es bis dahin eine neue Variante gibt", sagt Bogner. Er geht davon aus, dass zur Wiesn-Zeit in München weiter die Omikron-Subtypen BA.4 und BA.5 vorherrschen - und damit die Gefahr schwerer Verläufe gegenüber den Vorjahren geringer ist.

"Das ist eine komplett andere Erkrankung als die Wuhan-Erkrankung und die Alpha- und Delta-Erkrankung. Die Omikron-Erkrankung, mit der wir es jetzt zu tun haben, hat ganz erheblich an krankmachender Kraft verloren", sagt Bogner. Zudem gebe es durch überstandene Infektionen und Impfungen bei vielen eine gute Immunitätslage. "Deshalb wird zwar die Krankheitszahl hoch sein nach der Wiesn, aber es wird kein Katastrophenszenario geben."

Engpässe in den Münchner Kliniken seien aber möglich. Eventuell müssten nicht lebensnotwendige Eingriffe verschoben werden. Im schlimmsten Fall müssten Notfall-Patienten aus München in andere Kliniken verlegt werden. Aber: "Die politisch Verantwortlichen haben sich gut überlegt, dass die Wiesn stattfindet."

Mediziner mit eindringlicher Warnung an Risikogruppe

Mediziner empfehlen vorerkrankten Menschen mit Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 allerdings, auf den Wiesn-Besuch zu verzichten oder sich zumindest nur im Freien aufzuhalten.

Eine Folge der Wiesn-Welle könnten auch Personalausfälle während des Festes sein. Dabei ist Personal gerade überall knapp. Dennoch sind bei den Wirten keine Klagen über fehlendes Personal mehr zu hören, die Wiesn ist ein lukrativer Arbeitsplatz. Und München hat laut Wiesnchef Clemens Baumgärtner (CSU) mit rund 700 Sicherheitsleuten auch ausreichend zusätzliche Kräften angeheuert.

Die Stadt hatte zeitweilig über Corona-Auflagen nachgedacht. "Wir haben eine ganze Reihe von Szenarien geprüft, wie das zu bewerkstelligen wäre", sagte Baumgärtner kürzlich. Das sei aber technisch und logistisch nicht umzusetzen gewesen; die Kosten hätten im niedrigen zweistelligen Millionenbereich gelegen.

Experte glaubt nicht an Gefahr durch Einschleppung

Dass ausländische Besucher das Virus verstärkt einschleppen, glaubt Baumgärtner nicht. Rund 60 Prozent der Gäste seien aus München und Umland, 20 Prozent aus dem restlichen Bayern und Deutschland, 20 Prozent aus dem Ausland. Auswärtige, die sich anstecken, können freilich das Virus heimtragen - und dort für Ansteckungen sorgen.

Zum Weiterlesen: Diese praktische Neuerung erwartet eine bestimmte Personengruppe auf der Wiesn

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