Update vom 02.11.2022, 20.15 Uhr: Boateng erneut schuldig gesprochen - "keine dubios"

Jérôme Boateng sagt kein Wort, als er das Gericht an diesem Mittwochabend im Dunkeln verlässt. Auch einen jungen Mann, der ihn um ein Foto bittet, weil er sein "größter Fan" sei, lässt er schweigend stehen. Zuvor hat das Landgericht München I ein für ihn wohl niederschmetterndes Urteil gefällt. Es bestätigt nicht nur die Strafe wegen Körperverletzung, die das Amtsgericht in erster Instanz im vergangenen Jahr verhängt hat, es verschärft sie sogar.

120 Tagessätze zu je 10.000 Euro hat Richter Andreas Forstner verhängt. Das sind in der Summe zwar 600.000 Euro weniger als beim ersten Urteil - aber das doppelte an Tagessätzen. 60 Tagessätze zu 30 000 Euro hatte das Amtsgericht verhängt. Wenn die zweite Entscheidung nun rechtskräftig wird, ist der Fußball-Weltmeister von 2014 vorbestraft.

"Für uns ist der Sachverhalt mehr als nachgewiesen", sagt Richter Forstner in seiner Urteilsbegründung. Das Gericht hat keinen Zweifel daran, dass Boateng seine damalige Partnerin in einem gemeinsamen Karibik-Urlaub 2018 geschlagen, verletzt und beleidigt hat - und dass im Streit um ein Kartenspiel auch ein Windlicht in ihre Richtung flog. Verurteilt wird Boateng nun sogar in zwei Fällen wegen Körperverletzung, in erster Instanz nur in einem Fall. Das Urteil ist wohl ein völlig anderes als das, das Boateng und seine Verteidiger sich erhofft hatten. Die Anwälte hatten einen Freispruch beantragt.

Sie gingen vor Gericht davon aus, dass seine Ex-Freundin die Vorwürfe "im Kampf um die Kinder" erfunden und "instrumentalisiert" hat, und beklagten eine Vorverurteilung ihres Mandanten. Boateng sei jemand, "der eigentlich schon verurteilt war, bevor er morgens aufgestanden ist", sagt sein Anwalt Peter Zuriel in seinem Schlussplädoyer. "Eine prominente Person kann sich nicht in derselben Weise verteidigen wie es ein 0815-Mensch tun würde."

Sein Kollege Norman Nathan Gelbart spricht von mutmaßlichen Widersprüchen in der Aussage von Boatengs Ex-Freundin: "Im Zweifel für den Angeklagten", sagt er. "In dubio pro reo." Richter Forstner erwidert: "Für uns gibt es keine dubios und darum gibt es auch nichts pro reo." Nach dem Urteil äußern die Verteidiger sich nicht mehr. Dafür spricht die Anwältin von Boatengs Ex-Freundin, die in dem Verfahren als Nebenklägerin aufgetreten ist. Sie spricht von einer "guten Entscheidung" und von einem Kampf "David gegen Goliath", den ihre Mandantin gegen den reichen und berühmten Ex-Freund habe kämpfen müssen.

Sie hatte sich den Anträgen der Staatsanwaltschaft angeschlossen, die eine Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren und zusätzlich eine Geldauflage von 1,5 Millionen Euro gefordert hatte.Der Vorfall im karibischen Luxusresort sei wohl "nur die Spitze des Eisberges", sagt Staatsanwältin Stefanie Eckert in ihrem Schlussvortrag und spricht von einer von Gewalt geprägten Beziehung zwischen Boateng und seiner Ex-Partnerin. Eckert kritisiert auch die Verteidigung des Fußballers. Seine Anwälte hätten im Verfahren "Dreck über die Geschädigte geworfen", sagt die Staatsanwältin.

Boatengs Verteidiger hatten vor den Plädoyers betont, dass sich die finanziellen Verhältnisse ihres Mandanten geändert hätten. Werbepartner hätten Verträge mit Boateng - zum Beispiel für Brillenwerbung - gekündigt. Darum habe er derzeit nur das Einkommen von Olympique Lyon, wo er unter Vertrag steht. Das seien etwas mehr als 240.000 Euro netto im Monat, davon gingen aber noch Unterhaltskosten für seine drei Kinder ab. Allein für die elfjährigen Zwillingstöchter Boatengs berechneten die Anwälte Unterhaltskosten von 5000 Euro im Monat pro Kind.

Boatengs Verteidiger hatten alles darangesetzt, den Prozess noch nicht am dritten Tag enden zu lassen, stellten einen Beweisantrag nach dem anderen - und sogar einen Befangenheitsantrag gegen Richter Forstner. Der erreichte sein Ziel, das Verfahren am Mittwoch abzuschließen, Stunden später als erhofft. Boateng hat noch die Möglichkeit, das Urteil mit einer Revision zum Bayerischen Obersten Gericht anzufechten, wie eine Gerichtssprecherin sagte. Richter Forstner sagt dem Angeklagten, er solle sich das gut überlegen. "Irgendwann ist halt auch die Verteidigung mal am Ende", sagte er bereits im Laufe des langen Gerichtstages irgendwann. "Das weiß der Herr Boateng als Verteidiger wahrscheinlich auch ganz gut."

Update vom 02.11.2022, 15.10 Uhr: Boateng lehnt Richter ab - Durchsuchung bei Security-Dienst

Fußball-Weltmeister Jérôme Boateng lehnt den Richter in seinem Körperverletzungs-Prozess ab. Seine Verteidiger stellten am Mittwoch vor dem Landgericht München I einen Befangenheitsantrag gegen Richter Andreas Forstner. Der gebe "zu erkennen, dass sich zulässiges Verteidigungsverhalten strafschärfend auswirken kann und wird", sagte Boatengs Anwalt Norman Nathan Gelbert. Der Angeklagte müsse darum davon ausgehen, dass "das Urteil schon feststeht".

Forstner hatte die Verteidiger zuvor aufgerufen, das Verfahren nicht mit zahlreichen Beweisanträgen künstlich in die Länge zu ziehen, und gesagt, Prozessverhalten könne sich auf die Strafzumessung im Urteil auswirken. Das Gericht lehnte den Befangenheitsantrag ab. "Der Antrag dient lediglich der Verfahrensverschleppung", sagte Forstner. "Verfahrensfremde Zwecke" seien damit beabsichtigt. "Rügen Sie das in der Revision und gut ist", sagte Forstner, als die Verteidigung weiter über den Antrag diskutieren wollte. Forstner hatte zuvor betont, er wolle das Verfahren, für das ursprünglich zwei Verhandlungstage angesetzt waren, am Mittwoch, dem dritten Prozesstag zu Ende bringen.

Der 34 Jahre alte Boateng ist angeklagt, weil er 2018 seine damalige Partnerin in einem Karibik-Urlaub beleidigt, geschlagen und verletzt haben soll. Das Amtsgericht München hatte ihn im vergangenen Jahr zu einer Geldstrafe von 1,8 Millionen Euro verurteilt. Weil alle Prozessbeteiligten Rechtsmittel gegen dieses Urteil einlegten, startete im Oktober der Berufungsprozess.

Die Staatsanwaltschaft München I hat zudem in einer großangelegten Razzia Objekte der Sicherheitsfirma durchsucht, die Jérôme Boateng zu seinem Schutz bei Gericht engagiert hatte. Auch der Kleintransporter, mit dem Boateng zu seinem Prozess gefahren worden war, wurde am Mittwoch vor dem Gerichtsgebäude durchsucht, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Anne Leiding, mitteilte.

Die Ermittlungen richten sich nicht gegen Boateng, betonte sie, sondern gegen vier Mitarbeiter des von ihm beauftragten Security-Dienstes. Neben dem Wagen vor dem Münchner Gericht seien außerdem weitere Objekte in Hamburg, Niedersachsen und Brandenburg durchsucht worden. Dabei seien auch die Gegenstände, nach denen die Staatsanwaltschaft suchte, sichergestellt worden. Der Chef der Sicherheitsfirma wurde nach Angaben Leidings befragt. Die Firma sei von nun an auch nicht mehr für den Schutz von Boateng vor Gericht zuständig, das sei nun Sache der Justizwachtmeister.

Hintergrund der Ermittlungen ist ein Zwischenfall mit dem Sicherheitsdienst am zweiten Prozesstag vor knapp zwei Wochen. Eine Zeugin hatte in dem Verfahren angegeben, sie sei beim Hineingehen ins Gerichtsgebäude gefilmt worden und fühle sich bedroht. Justizbeamte stellten daraufhin die Personalien der Personen fest, die mutmaßlich an dem Vorfall beteiligt waren. Die Frau, die vor Gericht angab, gesehen zu haben, wie Boateng seine frühere Freundin in einem Karibik-Urlaub attackiert, geschlagen und übel beleidigt habe, war im Zeugenstand in Tränen ausgebrochen. "Da hat man einfach Angst", sagte sie, "dass man bedroht wird oder seine Familie bedroht wird."

Razzia bei Sicherheitsdienst: Zeugin fühlte sich bedroht

Die Anwälte des Fußballprofis betonten nach der Feststellung der Personalien damals, dass der Sicherheitsdienst, der Herrn Boateng zum Prozessauftakt am Vortag auch schon betreut habe, lediglich "das Umfeld eruiert" habe, um "die Sicherheitslage Boatengs" bewerten zu können. Es habe sich um eine reine "Objektabklärung" gehandelt, und die Zeugin sei nicht gezielt und auch nur von hinten gefilmt worden.

Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen des Verdachtes der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen ein. Daran seien auch der Zoll und die Gewerbeaufsicht beteiligt und dieses sei völlig unabhängig von dem Körperverletzungsverfahren gegen Boateng, sagte Leiding. Allerdings betonte sie auch, dass kein Zeuge Angst haben dürfe, vor Gericht auszusagen.

Update vom 21.10.2022, 18 Uhr: Übergriffige Boateng-Bodyguards sorgen für Unmut

Das Landgericht München I stieg am Freitag ein in die Details jener Karibiknacht im Juli 2018, über die es zwei Versionen gibt - mindestens. In einer dieser Versionen hat der Fußball-Weltmeister von 2014 seine damalige Freundin und Mutter seiner Zwillingsmädchen beleidigt, geschlagen und verletzt. Für diese Version wurde Boateng vom Amtsgericht in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 1,8 Millionen Euro verurteilt. In einer zweiten Version hat er seine damalige Freundin höchstens angeschrien.

"Komm schnell, Jérôme schlägt Sandra (Name geändert)", will die Freundin der Ex-Partnerin, die die Familie in die Karibik begleitet hatte, gesagt haben. "Komm schnell, die beiden streiten sich", will Boatengs Freund, den er mit in den Urlaub gebracht hat, gehört haben.

Von einer Attacke seines Kumpels auf dessen Freundin habe er nichts mitbekommen und er kenne ihn so lange, dass er sagen könne, ein solches Verhalten passe nicht zu ihm: "Ich kann's mir nicht vorstellen, dass er so was macht." Er habe lediglich mitbekommen, dass Boateng nach einem Kartenspiel "mit seinen langen Haxen" an einen Tisch gestoßen sei und darum ein Windlicht zerbrach und dass er später heftig mit seiner Freundin stritt und die beiden sich gegenseitig anbrüllten. Boatengs langjähriger Freund, von dem sowohl das mutmaßliche Opfer als auch deren Freundin sagen, er sei bei dem Windlicht-Vorfall gar nicht dabei gewesen, weil er geschlafen habe, erzählt weitgehend die gleiche Version, die der Fußball-Star selbst in seinem ersten Prozess am Amtsgericht vor rund einem Jahr dargelegt hatte.

In der Version, von der die Zeugin berichtet, zerbrach das Windlicht, weil Boateng es in die Richtung ihrer Freundin trat. Sie erzählt von "mehreren Faustschlägen", mit denen der heute 34-Jährige die Mutter seiner Kinder traktiert haben soll, von heftigen Beleidigungen und davon, dass sie der Frau beistand. "Sie war komplett aufgelöst, hat geweint, hat gezittert am ganzen Körper." Sie habe ihr dann Schmerzmittel gegeben und ihr geholfen, das Auge zu kühlen. Diese Version deckt sich mit der Aussage von Boatengs Ex.

Die Zeugin ist sichtlich nervös und aufgewühlt an diesem Tag und berichtet von einem Vorfall vor dem Gerichtsgebäude: Männer, die sich später als Mitarbeiter eines von Boateng engagierten Sicherheitsdienstes herausstellten, hätten sie beim Hereingehen gefilmt. Dadurch habe sie sich bedroht gefühlt. "Da hat man einfach Angst", sagte sie - "dass man bedroht wird oder seine Familie bedroht wird".

Die Staatsanwältin beantragt die Feststellung der Personalien mit der Begründung, es könne eine Straftat oder die Vorbereitung einer Straftat vorliegen. Wachtmeister stellten die Personalien daraufhin fest. Boatengs Anwälte betonten nach der Feststellung der Personalien, dass ein "Sicherheitsdienst, der Herrn Boateng gestern auch schon betreut hat", lediglich "das Umfeld eruiert" habe, um "die Sicherheitslage Boatengs" bewerten zu können. Es habe sich um eine reine "Objektabklärung" gehandelt und die Zeugin sei nicht gezielt und auch nur von hinten gefilmt worden.

Die Vernehmung der beiden Urlaubsbegleitungen zieht sich hin am zweiten Prozesstag. So sehr, dass sich das Gericht spätestens zur Mittagspause von der Hoffnung, das Verfahren an zwei Tagen abzuschließen, endgültig verabschieden muss. Es gibt aber noch etwas, das Richter Forstner hoffnungsvoll stimmt an diesem Tag. Manchmal gebe es doch Übereinstimmungen in den Zeugenaussagen, sagt er. Die Höhe des Windlichts hätten alle Zeugen gleich beschrieben.

Update vom 21.10.2022, 12 Uhr: Boateng lehnt Vorschlag auf Einigung ab

Der wegen Körperverletzung angeklagte Fußball-Profi Jérôme Boateng lehnt in seinem Prozess einen Vorschlag des Gerichts auf eine Einigung weiter ab. Das Angebot habe weiter Bestand, sagte Richter Andreas Forstner am Freitag vor dem Landgericht München I und fragte, ob der 34-Jährige noch mal über den Vorschlag geschlafen und nachgedacht habe. "Nur geschlafen", sagte sein Anwalt - eine Einigung komme für Boateng nicht infrage.

Den Vorschlag an die Prozessparteien, die Berufung weitgehend zurückzunehmen und nur noch gegen die Rechtsfolgen vorzugehen, also nur noch über die Höhe der Strafe zu verhandeln, hatte der Fußball-Weltmeister von 2014 schon zu Prozessbeginn am Donnerstag abgelehnt. Er könne dies "mit seinem Gewissen nicht vereinbaren" und dem Vorschlag auch aus Verantwortung seinen Töchtern gegenüber nicht zustimmen.

Das Amtsgericht hatte Boateng im vergangenen Jahr in erster Instanz wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 1,8 Millionen Euro verurteilt. Der Richter sah es damals als erwiesen an, dass der langjährige Fußball-Nationalspieler, der heute bei Olympique Lyon unter Vertrag steht, seiner Ex-Freundin während eines gemeinsamen Urlaubs im Jahr 2018 ins Gesicht geschlagen hat.

Weil Boateng, der die Vorwürfe bestreitet, die Staatsanwaltschaft und auch die Nebenklage Berufung eingelegt haben, kam es zur Berufungsverhandlung.

Update vom 20.10.2022, 18:45 Uhr: Boateng-Ex mit emotionaler Aussage - Prozess geht wohl in die Verlängerung

Jérôme Boateng hatte im Berufungsprozess um den mutmaßlichen Gewalt-Exzess gegen seine Ex-Freundin die Aussage verweigert - und komplett ihr das Feld überlassen. So erzählt zunächst nur die junge Frau, mit der Boateng von 2007 bis 2018 eine "On-off-Beziehung" führte, dann am Donnerstag noch einmal stundenlang von diesem offenbar schicksalhaften Abend vor vier Jahren im karibischen Urlaubsparadies. Er begann mit einem Kartenspiel und dann aus dem Ruder gelaufen sein muss.

In einem Luxusressort auf den Turks- und Caicosinseln, in dem sie und Boateng zusammen mit den gemeinsamen Zwillingstöchtern und Freunden ein paar Tage verbrachten, eskalierte die Stimmung - das steht wohl außer Frage. Doch was genau passiert ist, darüber herrscht erklärte Uneinigkeit zwischen den Ex-Partnern.

"Dann hat er mich so ein Stück nach vorne gerissen an den Haaren", sagt die Frau. Boateng habe ihr den Daumen ins Auge gedrückt, ihr mit der Faust in die Flanke geboxt und ihr in den Kopf gebissen, "seine Zähne in meinen Kopf gebohrt". Er habe ihr ins Gesicht gespuckt und sie aufs Übelste beleidigt. Vorher habe er noch eine gefüllte Kühltasche nach ihr geworfen und sie damit am Rücken getroffen.

Sie betont auch, es sei nicht die erste Attacke dieser Art in der rund elf Jahre dauernden Beziehung zwischen ihr und Boateng gewesen: "In der Vergangenheit sind solche Übergriffe oft passiert." Sie sei "daran gewöhnt" gewesen, "dass es Gewaltübergriffe gab, dass es toxisch zuging". Die Beziehung sei "geprägt von Streit, geprägt von Untreue, Gewalt, viel Unsicherheiten, wenig Gesprächen und wenn, dann sehr unreif, sehr manipulativ" gewesen.

Ihr Ex-Freund habe sie sogar dazu bewegen wollen, nicht gegen ihn auszusagen, ihr - teils über Dritte - Geld angeboten, ein Auto, ein Haus in München und regelmäßigen Umgang mit den zehnjährigen Töchtern, die beim Vater leben.

Boateng schüttelt bei der Aussage seiner Ex-Freundin mehrfach den Kopf und spricht immer wieder leise mit seinen Anwälten. Ansonsten schweigt er. Seine Anwälte aber lassen in ihrer Befragung der Ex-Freundin keinen Zweifel an der Version, die sie vor Gericht darstellen wollen, fragen immer wieder nach den insgesamt 18 Familienrechtsverfahren, die es im Streit um das Aufenthaltsbestimmungsrecht und den Umgang mit den beiden Töchtern am Amtsgericht gab. "Sie hat alles erfunden wegen familienrechtlicher Bezüge", fasst Richter Forstner die Argumentation der Verteidigung zusammen.

Für den neuen Prozess waren ursprünglich zwei Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil sollte also eigentlich an diesem Freitag fallen. Weil Boatengs Verteidigung aber beantragt hat, alle Akten aus den Familienrechtsverfahren zum aktuellen Prozess hinzuzuziehen und auch die Nebenklägerin womöglich noch einmal zu befragen, gibt es große Zweifel daran, dass der Prozess wirklich nach zwei Tagen zu einem Ende kommen kann. "Wir haben viel Zeit", sagt der Richter konsterniert. "Wenn es denn sein soll, werden wir uns die Zeit nehmen."

Update vom 20.10.2022, 13:45 Uhr: Boateng schweigt zum Prozess-Auftakt und lehnt Angebot ab

In seinem Berufungsprozess um den Vorwurf der Körperverletzung hat der frühere Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng die Aussage verweigert. "Er bestreitet strafbares Tun, wird sich ansonsten aber nicht zur Sache äußern", sagte sein Anwalt am Donnerstag vor dem Landgericht München I. Boatengs Verteidiger betonten, ihr Mandant habe vor allem vor dem Hintergrund umfangreicher Berichterstattung über ihn im Vorfeld des Prozesses "Anspruch auf ein faires Verfahren".

Das Gericht hatte zuvor angeregt, das Verfahren "möglichst unproblematisch und ohne großen Aufwand", aber dennoch "sachgerecht" zu beenden. So könne man sich ein "umfangreiches und ungutes Verfahren ersparen", sagte Richter Andreas Forstner. Er hatte den Prozessbeteiligten daher vorgeschlagen, die Berufung weitgehend zurückzunehmen und nur noch gegen die Rechtsfolgen vorzugehen. Dann wäre es nicht mehr um den Tatvorwurf gegangen, sondern nur um die Höhe der Strafe.

Boateng hatte diesen Vergleichs-Vorschlag aber abgelehnt. Er könne das "mit seinem Gewissen nicht vereinbaren". Auch wenn die Verhandlung sicher "anstrengend und langwierig" werde, wolle Boateng das Verständigungsangebot nicht annehmen, sagten die Anwälte. Weil es zu einer solchen Einigung nicht kam, steht erneut eine Beweisaufnahme auf dem Programm. Den Anfang machte die Ex-Freundin Boatengs, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftritt und vor Gericht schilderte, wie der Fußballstar in einem Karibikurlaub 2018 auf sie losgegangen sein soll.

"Dann hat er mich so ein Stück nach vorne gerissen an den Haaren", sagte sie. Er habe ihr den Daumen ins Auge gedrückt, ihr in den Kopf gebissen und mit der Faust in die Flanke geboxt. Sie betonte auch, es sei nicht die erste Attacke dieser Art in der rund elf Jahre dauernden "On-Off-Beziehung" zwischen ihr und Boateng gewesen. Sie sei "daran gewöhnt" gewesen, "dass es Gewaltübergriffe gab, dass es toxisch zuging". Boateng schüttelte bei der Aussage seiner Ex-Freundin immer wieder den Kopf.

Originalmeldung: Gewalt-Exzess gegen Ex-Freundin? Fußball-Star Boateng erneut vor Gericht

Die Welt, wie Jérôme Boateng sie auf Instagram zeigt, ist eine glamouröse: Cool, mit Sonnenbrille, posiert er in Lyon oder Mailand. Er springt von einer Jacht ins türkisblaue Meer, jubelt mit dem Champions-League-Pokal oder der Meisterschale in den Händen und zeigt sich mit berühmten Kollegen wie Robert Lewandowski  und Bastian Schweinsteiger.

An diesem Donnerstag aber muss Boateng diese Glitzerwelt einmal zumindest kurzzeitig verlassen für einen Ausflug in die graue Realität des Münchner Strafjustizzentrums: Dann beginnt vor dem Landgericht München I sein Berufungsprozess wegen des Vorwurfs der Körperverletzung im berüchtigten Saal 101, in dem das Amtsgericht ihn im September 2021 zu einer Geldstrafevon 1,8 Millionen Euro verurteilt hatte.

Gewalt-Vorwürfe gegen Bayern-Star: Beide Seiten legen Berufung ein

Der Richter sah es damals als erwiesen an, dass der langjährige Fußball-Nationalspieler, der heute bei Olympique Lyon unter Vertrag steht, seiner Ex-Freundin bei einem gemeinsamen Urlaub im Jahr 2018 ins Gesicht geschlagen hat. Weil dieser Urlaub in einem Luxusresort auf den karibischen Turks- und Caicosinseln stattfand, hat die Justiz das Verfahren, für das zwei Verhandlungstage angesetzt sind, "Karibik" getauft.

Nicht nur Boateng hat gegen das Urteil aus dem vergangenen Jahr Berufung eingelegt, die Staatsanwaltschaft und seine Ex-Freundin, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftritt, auch. "Wir erhoffen uns ein faireres Verfahren", sagt Boatengs neuer Verteidiger Norman Nathan Gelbart der Deutschen Presse-Agentur. Das Amtsgericht hatte eine Geldstrafevon 60 Tagessätzen zu je 30.000 Euro verhängt. Dies ist zwar der höchstmögliche Tagessatz, Boateng ist damit aber nicht vorbestraft. Erst ab 90 Tagessätzen gilt man als vorbestraft.

Die Staatsanwaltschaft, die von gefährlicher Körperverletzung ausgeht, hatte in dem Verfahren eine Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren und eine Geldauflage von 1,5 Millionen Euro gefordert. Boatengs damaliger Verteidiger Kai Walden wollte einen Freispruch durchsetzen. Nach seiner Verurteilung im vergangenen Jahr hatte Boateng seinen Anwalt ausgetauscht. "Die Verteidigung vertritt die Auffassung, dass in dem erstinstanzlichen Verfahren vor dem Amtsgericht München wichtige, Herrn Boateng entlastende Umstände nicht beziehungsweise nicht ausreichend gewürdigt wurden", teilt der neue Anwalt, Gelbart, auf Anfrage weiter mit. "Wir sind optimistisch, dass es in wesentlichen Fragen zu neuen Erkenntnissen kommen wird."

"Neue Erkenntnisse": Boatengs Verteidigung hofft auf Freispruch

Das Bild, das Boatengs Ex-Freundin und Mutter seiner Zwillingsmädchen vor Gericht von ihrem früheren Partner zeichnete, passte so gar nicht zu dem Bild, das die Öffentlichkeit jahrelang von dem Weltklasse-Innenverteidiger hatte, von dem Idol und Fußball-Weltmeister von 2014. Denn es war das Bild eines Gewalttäters. "Mit dem Daumen hat er mein Auge so gegriffen", sagte die Frau damals vor Gericht. "Er hat an meinen Haaren gerissen, mir dann in den Kopf gebissen". Angespuckt habe er sie. Auf die Knie sei sie dann gefallen, bevor er ihr so stark "in die Niere geboxt" habe, dass sie keine Luft mehr bekommen habe. Der Vorfall sei nicht der erste Vorfall dieser Art gewesen, sagte die Frau. Aber der heftigste.

Boateng hatte die Vorwürfe vor Gericht abgestritten und den Vorfall ganz anders geschildert. Geschlagen, so betonte er, habe er seine Ex-Freundin nie. Ein Gutachter aber hielt eher die Version der Nebenklägerin für die wahrscheinliche und dieser Einschätzung folgte dann auch das Gericht. Wie die zweite Instanz das Geschehen einschätzt, soll voraussichtlich am 21. Oktober feststehen. Dann könnte das neue Urteil fallen.