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Energie

Verdämmt in alle Ewigkeit? Energiesparen, aber richtig

Der Ölpreis ist im Keller, der Winter noch eine lahme Ente. Da redet kaum jemand über den größten Energieverbraucher im Land: die heimische Heizung. Hier steigt der Verbrauch, obwohl Millionen Häuser dick in Styropor eingepackt werden. Mit Risiken und Nebenwirkungen.
Ein Arbeiter befestigt eine Styroporplatte zur Wärmedämmung an einer Hausfassade in Straubing. Foto: Armin Weigel/dpa
 
von GÜNTER FLEGEL
Die Bundesbürger sind gegen die Energiewende? Die Proteste gegen Windräder und Stromleitungen und der Unmut über steigende Strompreise täuschen. Die Energiewende ist vielen ein Herzensanliegen, gerade in den eigenen vier Wänden.

Zuhause schlummert das mit Abstand größte Energiesparpotenzial: Die heimische Heizung ist mit einem Anteil von 40 Prozent am gesamten Energieverbrauch in der Bundesrepublik der größte Batzen beim Energieverbrauch (und damit auch der größte Umweltsünder). Umgerechnet 1000 Milliarden Kilowattstunden Energie werden jährlich benötigt, damit es kuschelig warm wird - das ist die Leistung von 100 Kernkraftwerken wie Grafenrheinfeld.

800 Millionen Quadratmeter Styropor

Hier kann also gewaltig gespart, der eigene Geldbeutel geschont, das Weltklima gerettet und das eigene Gewissen beruhigt werden. Und das auch noch so einfach: Deutschland dämmt: Viele Maler und Verputzer haben sich auf die Wärmedämmung spezialisiert, in den Baumärkten sind Styroporplatten, Mineralwolle, Dämmputze und Schaum aus Dosen ein Renner.

Knapp 800 Millionen Quadratmeter Fassadendämmung wurden nach Branchenangaben in den letzten 20 Jahren in der Bundesrepublik verlegt, genauer: an die Häuser gepappt. Den Landkreis Haßberge könnte man mit diesen Mengen komplett zudecken. Ist diese Energiewende gelungen? Glücklich gedämmte Häuser müssten mit weniger Energie auskommen; doch das Gegenteil ist wohl der Fall: Der Verbrauch von Haushaltsenergie ist 2013 im Vergleich zum Vorjahr nicht gesunken, sondern gestiegen - auch, wenn man Temperaturschwankungen herausrechnet.

Demografischer Effekt?

Die Fakten: Die Bundesbürger verbrauchten im letzten Jahr 3,9 Prozent mehr Energie als 2012, teilt das Statistische Bundesamt mit; am stärksten kletterte der Verbrauch von Heizenergie (plus 4,6 Prozent) und Warmwasser (3,9 Prozent). Der Verbrauch von Erdgas stieg 2013 gegenüber dem Vorjahr um 8,6 Prozent besonders kräftig.

Als Hauptgrund für diese Entwickler machen die Statistiker den demografischen Wandel aus: Die Haushalte werden immer kleiner, viele Menschen leben alleine; mit der Zahl der Haushalte steige der Energieverbrauch. Hinzu komme ein "Gewöhnungseffekt": Die Energiepreise stagnieren, der Druck, Heizenergie zu sparen, lässt nach. Dritter Faktor ist die Psychologie: Wer sein Haus gedämmt hat, dreht die Heizung möglicherweise stärker auf als vorher; kuschelig warme 24 statt 21 Grad bedeuten einen Mehrverbrauch von 30 Prozent.

Die Wahrheit ist freilich politisch unkorrekt: Viele Dämmsysteme halten nicht, was sie versprechen; das Drei-Liter-Haus ist vielfach ebenso wie das Drei-Liter-Auto ein Marketingschlagwort. "Die oftmals versprochenen Einsparungen sind möglich, aber das ist Theorie, in der Praxis gelingt das nur unter den günstigsten Bedingungen", sagt der Bamberger Energieberater Christian Nawrath. Er rät insbesondere bei der Sanierung von Altbauten zu einer gründlichen Analyse durch Experten und zur einer realistischen Kosten-Nutzen-Abwägung: Bei Fassadendämmung und Fensteraustausch sind schnell 50.000 Euro fällig; die Energieeinsparung muss dann schon markant sein, um die Kosten zu amortisieren.

Draufzahlen?

Ist die Dämmung ein Draufzahlgeschäft? Für Wirbel sorgt in Fachkreisen eine von der staatlichen Förderbank KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) selbst in Auftrag gegebene Studie zum Kosten-Nutzen-Effekt der Wärmedämmung. Das Schweizer Institut Prognos ermittelte Zahlen, die den von Skeptikern wie Konrad Fischer aus Hochstadt bei Lichtenfels kritisierten "Dämmwahn" zu belegen scheinen: Laut Prognos werden die Kosten der energetischen Wohnraumsanierung bis zum Jahr 2050 insgesamt 838 Milliarden Euro betragen. Die Heizkostenersparnis werde aber nur bei 361 Milliarden Euro liegen. Der Aufschrei in der Dämmbranche war groß, das Dementi der KfW folgte sogleich: Bei den Kosten seien auch Maßnahmen enthalten, die für den Gebäudeunterhalt sowieso anfallen wie neuer Putz und Anstrich; die reine Wärmedämmung sei weitaus kostengünstiger, ein Spareffekt somit also gegeben, insbesondere bei steigenden Energiepreisen.

Immer noch falsch, sagt der Architekt Karim El Ansari im hessischen Dillenburg. Er hat eine wegweisende Gerichtsentscheidung durchgeboxt: Bei der Sanierung von zwei älteren Häusern wurde der Planer von der Wärmeschutzverordnung befreit. "Wir konnten nachweisen, dass die vorgeschriebene Dämmung nicht einmal ansatzweise wirtschaftlich wäre", sagt Ansari . Die "optimale" Dämmung eines Mehrfamilienhauses hätte 30 000 Euro gekostet, aber nur Heizkosten von 700 Euro im Jahr gespart; "43 Jahre überlebt nicht einmal der Dämmstoff".

Falsche Versprechen?

50, 70, ja 90 Prozent Energieeinsparung: Mit solchen Verlockungen werben Industrie, Handel und Handwerk für die Wärmedämmung. Gut für die Umwelt, gut für den Geldbeutel - angesichts der in die Jahre gekommenen privaten Bausubstanz in Deutschland ist ein Milliardenmarkt entstanden.

Fakt ist: Die in den 60er und 70er Jahren gebauten Häuser stammen aus der Zeit des billigen Öls und wurden nicht mit dem Blick auf Energieeinsparung konstruiert. Überdimensionierte Heizungen mit veralteter Technik blasen mehr Wärme in die Luft als in die Bude; 30 bis 40 Prozent der Wärme eines Wohnhauses gehen im Heizsystem und durch den Kamin flöten; weitere Schlupflöcher für die Wärme sind das Dach und die Fenster. Die Fassade selbst alter Stein- oder Fachwerkhäuser lässt vergleichsweise wenig Wärme entweichen - trotzdem "stürzt" sich die Dämmbranche vor allem auf dieses Bauteil, und da wird am meisten "Unfug" getrieben, wie der Hochstadter Architekt Konrad Fischer sagt. Er gilt als Hecht im Karpfenteich der Baubranche, zieht auf einer eigenen Internetseite und in zahllosen Interviews schon seit Jahren gegen den, wie er sagt, "Dämmstoffwahn" zu Felde.

Fischer sieht das Grundübel darin, dass die Werte, die in die immer strenger werdende Wärmeschutzverordnung Eingang finden, "niemals gemessen wurden, sondern immer gerechnet werden" - im Labor, am grünen Tisch, ohne Bezug zur Realität.

Die Sonne heizt mit

Fischer zitiert Untersuchungen an einer Reihe "optimal" gedämmter Ziegelfassaden in Hamburg. Die so modernisierten Häuser verbrauchten hinterher mehr Energie als vorher, "weil niemand berücksichtigt hat, dass sich die ungedämmte Steinfassade durch die Sonneneinstrahlung aufheizen kann".

Grundsätzlich, so meint Fischer, werde der Energieverbrauch älterer Häuser absichtlich schlecht gerechnet und umgekehrt der Spareffekt geschönt. So komme es zu den "90-Prozent-Versprechen".

Die Folgen übertriebener (und noch nicht einmal unsachgemäßer) Dämmung sieht man vielerorts: Der chemische Putz auf den Kunststoffdämmungen wird grün, weil sich Algen auf den kühlen und feuchten Fassaden wohlfühlen.

Das eigentliche Übel sieht man nicht: Hinter der Dämmung staut sich oft Feuchtigkeit, Schimmel kann sich bilden, im Hausinneren führt die feuchte Luft zu einem unerwünschten Klimawandel: Es wird mehr gelüftet und mehr geheizt, und jeder Spareffekt der Dämmung, wenn es ihn überhaupt gegeben hat, ist wieder dahin. Fischers Thesen sind umstritten, aber er stellt sich der Kritik: www.konrad-fischer-info.de



So wird richtig gedämmt

Beratung Selbst gemachte Dämmerei mit Styropor aus dem Supermarkt ist reine Geldverschwendung. Jedes Haus ist anders, die Dämmung muss von einem Fachmann durchgerechnet werden. Ein Gespräch mit einem Energieberater vor Ort ist der erste Schritt.

Heizung Besonders viel Energie verpufft durch veraltete Heizungsanlagen. Ein seriöser Energieberater schaut sich beides an, Heizung und Dämmung, und erstellt ein Gesamtkonzept. Wird das Haus klug gedämmt, muss die Heizung kleiner dimensioniert werden.
Dach Hier geht die meiste Wärme verloren, die die Dämmung des Daches oder der obersten Geschossdecke bringt den größten Effekt.

Kellerdecken Kalte Füße sind nicht nur unangenehm; die relativ leicht nachträglich und auch eigenhändig montierbare Dämmung der Kellerdecken spart auch bares Geld.

Verhalten Heizen ist wie Autofahren: Wer das Gaspedal durchdrückt, braucht unverhältnismäßig mehr Energie. Und in einer "Sauna" wohnt es sich auch ungesund.