Freiburg im Breisgau
Pädophilie

Mutter vermietet Sohn an Pädophile - warum griff das Jugendamt nicht ein?

Die eigene Mutter bietet ihren Jungen im Internet an - wer zahlt, darf das Kind für seine Sexfantasien missbrauchen.
Artikel einbetten Artikel drucken
Die eigene Mutter bietet ihren Jungen im Internet an - wer zahlt, darf das Kind für seine Sexfantasien missbrauchen. Polizei - Symbolfoto: Christopher Schulz
Die eigene Mutter bietet ihren Jungen im Internet an - wer zahlt, darf das Kind für seine Sexfantasien missbrauchen. Polizei - Symbolfoto: Christopher Schulz


Wie eine Ware soll ein kleiner Junge von seiner Mutter im Internet angeboten worden sein: für perverse Spiele, für jeden, der zahlt. Immer wieder reisen pädophile Männer in den Raum Freiburg. Was sie dem Neunjährigen seit 2015 angetan haben sollen, macht selbst erfahrene Ermittler sprachlos. Schier endlos müssen dem Opfer seine Qualen vorgekommen sein. Niemand hilft zunächst, niemand will das Leid des Schülers mitbekommen haben. Erst nach einem anonymen Hinweis kann das Martyrium des Jungen im vergangenen Herbst beendet werden.

Trotz Hinweisen auf die sexuelle Gefährdung eines Neunjährigen aus der Region Freiburg ist der Junge nicht dauerhaft aus seiner Familie geholt worden. Bereits im März habe die Polizei den zuständigen Behörden von einer möglichen Gefahr für das Kind berichtet, wie der Pressesprecher des Landratsamtes Breisgau-Hochschwarzwald, Matthias Fetterer, am Freitag mitteilte.

Das Familiengericht habe den Schüler allerdings wieder nach Hause geschickt - warum, wisse er nicht. Auch eine spätere Entscheidung des Oberlandesgerichts habe an dem Beschluss nichts geändert. Erst im September 2017 sei der Junge dann endgültig aus seiner Familie geholt worden, nachdem die Polizei auf den möglichen sexuellen Missbrauch des Kindes verwiesen habe.

Auch als kleiner Junge wurde er schon vom Jugendamt betreut. "Dabei ging es um Hilfen zur Förderung der persönlichen Entwicklung des Kindes", wie das Landratsamt mitteilte. Der Junge wurde den Angaben nach bereits im Kindergartenalter betreut. Was genau darunter zu verstehen ist, konnte Fetterer, nicht sagen.


Das eigene Kind beschützen, umsorgen, bedingungslos lieben: Was für viele Mütter selbstverständlich ist, scheint der 47-Jährigen fremd. Auch die Frau lebt nach Angaben der Ermittler ihre schmutzigen Fantasien an ihrem Jungen aus - zusammen mit ihrem zehn Jahre jüngeren Partner. Der Mann ist einschlägig vorbestraft. Beide sollen das Kind sexuell misshandelt sowie Männern aus dem In- und Ausland für Vergewaltigungen überlassen haben. Für mehrere Tausend Euro konnte man das Opfer buchen, auch für mehrere Tage.

"Das Kind wurde im Internet europaweit angeboten für sexuelle Handlungen gegen Geld", sagt der Sprecher der Freiburger Staatsanwaltschaft, Michael Mächtel. Seine Behörde hat den Fall mit den erschreckenden Dimensionen am Donnerstag öffentlich gemacht. Acht Verdächtige, darunter die Mutter und ihr Lebensgefährte, sitzen in Untersuchungshaft.

Niemand will die mindestens zwei Jahre dauernden Übergriffe auf den Jungen bemerkt haben. "Es gab keine Anzeichen", sagt die Sprecherin der Polizei Freiburg, Laura Riske. In der Schule habe es keine Auffälligkeiten gegeben - es wurden der Polizei zumindest keine gemeldet. Auch Nachbarn oder andere bekamen demnach nichts mit. Erst durch den anonymen Hinweis stießen die Ermittler nach eigenen Angaben auf internationale Geschäfte von Pädophilen.

Angeboten wurde der Junge wie Ware, so die Ermittlungen. Buchen, zahlen, vergewaltigen. "Die Täter reisten teilweise über mehrere Hundert Kilometer an, um die Verbrechen zu begehen", sagt Mächtel. Einer von ihnen kam aus Spanien, ein anderer aus Norddeutschland. Ihre perversen Taten im Großraum Freiburg sollen sie auch gefilmt haben.

Für die widerwärtigen Deals nutzen die Verdächtigen unter anderem das sogenannte Darknet, wie das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart erklärt. Das ist ein verborgener Teil des Internets - womöglich blieben die Taten deshalb so lange unentdeckt.

Die Mutter, bestätigt die Freiburger Polizei, sei zuvor nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, war für die Behörden ein unbeschriebenes Blatt. Die Frage, ob das Jugendamt einen Blick auf die Familie hatte, bleibt am Freitag unbeantwortet. Die Behörde wolle sich zu dem Thema öffentlich derzeit nicht äußern, sagt ein Sprecher. Der Junge ist nach den Festnahmen in staatlicher Obhut und damit in Sicherheit.

Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten der Behörde oder anderer Dritter gebe es nicht, sagt Staatsanwalt Mächtel. Beschlagnahmte Filme und Datenträger werden von der Polizei untersucht, auch um womöglich weitere Taten aufzudecken.

"Über das Internet sind Pädophile gut vernetzt. Sie nutzen die Anonymität des Netzes, um sich auszutauschen", erklärt ein Sprecher der Zentralstelle für Internet-Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main.

Immer wieder stoßen deutsche Ermittler auf systematischen sexuellen Missbrauch, der vor allem über das Internet verabredet wird. Im vergangenen Jahr war die Polizei gegen die europaweit größte Kinderporno-Plattform "Elysium" vorgegangen. Opferschutzverbände verlangen, dass der Kampf gegen Kindesmissbrauch verschärft wird. Sie fordern unter anderem mehr Ermittler.

Zu tun hat es die Polizei nach eigenen Angaben immer wieder mit Mehrfachtätern. Auch in diesem Fall: Einige der Verdächtigen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft Freiburg wegen schwerer Misshandlung von Kindern vorbestraft.

Unter ihnen ist ein 43-Jähriger aus Schleswig-Holstein. Er reiste der Polizei zufolge extra nach Karlsruhe, um den Neunjährigen zu vergewaltigen. Die Ermittler kennen den Mann: Er war laut Staatsanwaltschaft vom Landgericht Kiel wegen Kindesmissbrauchs zu fünf Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt worden, büßte seine Haftstrafe ab und stand seit 2015 unter sogenannter Führungsaufsicht der Behörden. Im Internet war er dennoch aktiv.
Noch keine Kommentare