Saarbrücken
Justizopfer

Sexueller Missbrauch der Pflegetochter: Zwei jahre unschuldig im Gefängnis

Norbert K. saß zwei Jahre im Gefängnis - zu unrecht. Der neu aufgerollte Fall gibt ihm nun Hoffnung auf Schmerzensgeld.
Artikel einbetten
Norbert K.  kann wieder auf Schmerzensgeld hoffen. Zwei Jahre seines Lebens saß er zu Unrecht hinter Gitter. Foto: Kaja Sponholz / dpa
Norbert K. kann wieder auf Schmerzensgeld hoffen. Zwei Jahre seines Lebens saß er zu Unrecht hinter Gitter. Foto: Kaja Sponholz / dpa
Seit Jahren kämpft Norbert K. um Schadenersatz. Jetzt deutet sich an, dass das Oberlandesgericht in Saarbrücken dem 74-Jährigen Schmerzensgeld zusprechen wird - weil er offensichtlich ein Justizopfer ist. "Das Thema grobe Fahrlässigkeit scheint klar zu sein", stellte der Vorsitzende Richter am Donnerstag bei der Berufungsverhandlung fest.

Zuvor hatte der Rechtspsychologe Max Steller seine Stellungnahme zu einem früheren Gutachten vorgelegt, das K. zwei Jahre lang hinter Gitter gebracht hat. Der Richter machte zudem klar, dass er dem Einwand der Verteidigung, der Fall sei verjährt, wohl nicht folgen wird.


Sexueller Missbrauch an seiner Pflegetochter

Im Mittelpunkt stand an diesem Verhandlungstag die Frage, ob eine Homburger Psychologin in ihrem Glaubwürdigkeitsgutachten zur Belastungszeugin gravierende Fehler gemacht hat. Auf der Grundlage ihrer Expertise war der frühere Bundeswehrbeamte K. im Mai 2004 vom Landgericht Saarbrücken wegen schweren sexuellen Missbrauchs seiner damaligen Pflegetochter zu drei Jahren Haft verurteilt worden.

Die Gutachterin hatte die Aussagen des lernbehinderten Mädchens als "mit hoher Wahrscheinlichkeit glaubhaft" eingestuft. Fast zwei Jahre saß K. unschuldig im Gefängnis, bevor das Urteil in einem Wiederaufnahmeverfahren aufgehoben wurde.

Der Sachverständige Steller, mit dem das Gericht nach Ansicht des Richters "eine exzellente Gutachterwahl" getroffen und nun "in jedem Fall eine ordentliche Entscheidungsgrundlage" habe, stellte der Arbeit der Kollegin ein vernichtendes Urteil aus. "Es tut mir leid, das so grob zu sagen", räumte Steller ein, aber er habe "erhebliche ergebnisrelevante Mängel" bei der Beurteilung festgestellt. "Auf allen Ebenen fehlen Argumentationen, was dafür und was dagegen spricht." Die Schlussfolgerung, dass die Zeugin eine hohe Glaubwürdigkeit habe, stimme nicht mit dem Bericht überein. Stellers Einschätzung des Gutachtens: "grob fahrlässig".


Verteidiger der Psychologin wägt weitere Schritte ab

"Endlich sieht man ein Ende der Fahnenstange. Jetzt bleiben eigentlich nicht mehr viele Möglichkeiten, ein anderes Urteil zu fällen", bilanzierte K. im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der Verteidiger der Psychologin, Stephan Krempel, räumte nach dem Bericht des Sachverständigen ein: "Über diese Qualifizierungen kommen wir nicht weg." Je nach Entscheidung überlege er aber, eine Revision oder Nichtzulassungsbeschwerde einzulegen, weil er die Ansprüche nach wie vor für verjährt halte.

Das Landgericht hatte seine Mandantin 2015 bereits zu 50.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil das Gutachten wissenschaftliche Standards nicht eingehalten habe. Dagegen hatte sie Berufung eingelegt. K. und seine Anwältin Daniela Lordt fordern 80.000 Euro Schmerzensgeld. Das Urteil soll am 23. November verkündet werden.
Noch keine Kommentare