Es hat genug geregnet. Es ist feucht im Wald. Es ist nicht zu kalt. Eigentlich müssten die Pilze wachsen. Wie läuft die Saison? Fragen an den Pilzexperten René Emil Klein.

Wie sieht es aus in den Wäldern? Geht was für Pilzsammler?
René Emil Klein: Wir haben durch die wechselnden Wetterlagen ein sehr gutes Pilzjahr in ganz Franken.

Wir sind also mitten in der Saison?
Das ist so eine Sache. Ich als Pilzsachverständiger sage, dass wir jeden Monat im Jahr, auch in den
kalten Monaten, Pilze sammeln können. Gängige Speisepilze, wie der Austernseitling, wachsen erst mit und nach den ersten Frostperioden.

Aber die meisten Sammler sind doch im Sommer oder Herbst unterwegs.
Stimmt, da gibt es die größte Artenvielfalt. Das beginnt mit den ersten Sommermonaten und erreicht jetzt den Höhepunkt. Pilzsammler werden derzeit mit einer reichen Fülle an Esspilzen belohnt. Die Wetterlage passt. Das bedeutet: viele Aromen, aber auch viele Gefahren.

Gefahren?
Man kann nicht oft genug wiederholen, dass es für fasst jeden Esspilz einen bis mehrere giftige Doppelgänger gibt.

Es gibt ja den blöden Spruch: Pilze kann man alle essen, manche halt nur einmal. Spaß bei Seite. Worauf muss man achten?
Es ist noch viel schlimmer, als es klingt, denn man kann die wirklich giftigen Pilze sogar öfters essen; in manchen Fällen bleibt sogar zunächst unerkannt, dass der Genießende sich bei der letzten Mahlzeit schon tödlich vergiftet hat.

Wie denn das?
Die wirklich giftigen Pilze haben oft längere Latenzzeiten, wie etwa einige Schleierlingsarten. Auch bei einer kurzen Latenzzeit von acht bis zwölf Stunden wird die Vergiftung oft nicht erkannt, zum Beispiel bei den drei giftigen Knollenblätterpilzen. Sobald der Pilzesser körperlich etwas merkt, ist Genesung oft nicht mehr möglich.

Gibt es bei uns viele Giftpilze?
Es gibt in Deutschland einige der giftigsten Pilze der Welt. Der grüne Knollenblätterpilz und seine direkten Geschwister sind tödlich giftig und sehr tückisch. Sie sind variabel in der Hutfarbe und können Speisepilzen sehr ähnlich sehen. Das Schwierigste ist aber, wie schon gesagt, dass die Vergiftung zu spät bemerkt wird.

Reicht beim Zuordnen ein Blick in meinen Pilzführer und in eine Pilz-App auf dem Handy?
Die Pilzführer haben im Grunde genommen die Aufgabe, lediglich einen ersten Einblick in die Pilze zu geben. Selbst wenn die Beschreibungen einfacher und gut zu bestimmender Arten eindeutig sind, so ist der Informationsgehalt nur so gut, wie der Leser damit umgehen kann. Eine Fehldeutung oder Fehlinterpretation ist in manchen Fällen einfach zu schnell passiert.

Das heißt?
Um sich als Anfänger beim Pilze sammeln schwer zu vergiften, muss man weder dumm sein, noch blind. Es reicht, dass sich ganz natürliche, menschliche Denkfehler einschleichen, um den Pilz fehlerhaft zu bestimmen.

Ein Beispiel?
Ich hatte eine Ausstellung und bei einem Pilz sehr häufig die Antwort: "Das ist die Krause Glucke!" Es war aber eine Koralle.

Was tun, wenn ich mir nicht ganz sicher bin?
Wenn ich mir als Pilzsachverständiger nicht ganz sicher bin, nehme ich den Pilz mit nach Hause und bestimme diesen. Oder ich lasse ihn stehen. Diese Empfehlung kann jedem Anfänger geben.

Und was, wenn doch was passiert? Was
mache ich im Erstfall, wenn beispielsweise mein Kind draußen einen Pilz gegessen hat?
Als allererstes Ruhe bewahren, denn die Pilzgifte, die gefährlich sind, brauchen Zeit. Zum zweiten einige Pilze aus dem Umfeld einsammeln und in Alufolie kühl lagern oder einfrieren. Die Pilzfruchtkörper werden für die Diagnostik benötigt. Anschließend den Giftnotruf oder einen Pilzsachverständigen benachrichtigen. Wichtig: Kein Erbrechen hervorrufen, erst abwarten, was der Sachverständige rät.

Ganz andere Frage, kann ich eigentlich
überall auf die Suche gehen?
Man kann in den Wäldern, aber auch auf Wiesen und in Parks und Anlagen Pilze sammeln. Jeder Pilz hat eine Vorliebe für bestimmte Standorte.

In manchen Ländern wie Österreich oder Italien gibt es eine Mengenbegrenzung. Wie sieht es bei uns aus, wie viel darf ich mitnehmen?
Auch wir haben ein Sammelverbot für seltene oder bedrohte Arten. Die Listen sind online zugänglich. Es gibt auch eine bundesweite Sammelbegrenzung von einem Korb - pro Person, pro Tag. Das heißt aber nicht, dass jedes Familienmitglied einen Korb voll mitnehmen darf. Die Sammelbegrenzung besagt pauschal, dass eine Familie mit rund acht Personen einen Korb Pilze an einem Tag sammeln darf. Das Sammeln fürs Gewerbe ist nicht erlaubt.

Wie kann ich zum Experten werden?
Um sich als Sachverständigen bezeichnen zu können, muss man Fortbildungen besuchen, mit Prüfung. Das heißt, dass man viel lernen muss. Als Sachverständiger trägt man eine große Verantwortung.

Wie bereite ich Pilze am besten zu?
Pilze kann man grillen, rösten, backen, als Pilzmehl verwenden, trocknen, einfrieren. Manche Pilze kann man silieren oder vergären lassen.

Zum Beispiel?
Man kann den Pfifferling gut braten und einfrieren, aber trocknen lässt der Pilz sich nur unter erheblichen Geschmackseinbußen. Im Gegensatz zum Beispiel zum Steinpilz. Der entwickelt sein volles Aroma beim Trocknen.