Männertag

Wenn Männer Rat suchen: Spagat zwischen Macho und Familienmensch

Zwischen Haushalt und Karriere: Männer müssen vielen Anforderungen genügen. Nicht alle schaffen das - und suchen Rat beim Männerbeauftragten.
 
von DPA
Wer bei Matthias Becker Rat sucht, braucht Geduld. Schon jetzt ist er bis weit in den Dezember ausgebucht. "Die Nachfrage ist riesig. Ich bin am Anfang regelrecht überrannt worden", bilanziert der Diplom-Sozialpädagoge gut sieben Monate nach seinem Amtsantritt. Becker, der sein Büro im ersten Stock des Nürnberger Rathauses hat, ist seit 1. Mai 2016 der erste kommunale Männerbeauftragte Deutschlands - zuständig für Ratsuchende in der fränkischen Großstadt. Längst kommen aber auch Männer aus Düsseldorf, Passau und Essen zu dem 52-Jährigen.

10 bis 15 Beratungsgespräche führt der "Ansprechpartner für Männer" - so Beckers selbstgewählter Titel - pro Woche. Mehr lasse seine halbe Stelle nicht zu. Dass sich Männer aus allen Teilen der Republik ausgerechnet an ihn wenden und nicht etwa an die Gleichstellungsbeauftragte ihrer jeweiligen Stadt, hat nach Beckers Erfahrung vor allem einen Grund: "Männer wollen einen Mann als Ansprechpartner", berichtet er anlässlich des Internationalen Männertages an diesem Samstag (19. November).

Konfrontiert ist der Männerbeauftragten immer wieder mit den Rollenkonflikten, in denen viele Männer stecken. "Manche würden gerne ganz aus ihrer Rolle als Haupternährer ausbrechen und sich mehr um Haushalt und Kinder kümmern. Sie wissen nur nicht, wie sie das anstellen sollen." Gelinge ihnen der Wechsel, dann stießen sie oft auf verfestigte Rollenklischees und Vorbehalte: "Ein Vater ist in einer Krabbelgruppe unter lauter Müttern ein Exot", beschreibt Becker die Probleme. Väter-Krabbelgruppen gebe es fast keine.

Vor einem schwierigen Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit sieht auch Professor Carsten Wippermann von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München heutzutage viele Männer. Nur wenige sähen sich heute noch - wie einst ihre Väter und Großväter - als "Oberhaupt und Autorität der Familie". Zumindest zu Beginn ihrer Partnerschaft träumten sie von "gleichgestellter Partnerschaft und Elternschaft", schreibt Wippermann in einer Studie für das Bundesfamilienministerium aus dem Jahr 2014.

Das ändert sich nach Wippermanns Untersuchung aber schlagartig beim ersten Kind oder dem vielversprechenden Karrieresprung des Mannes. "Diese Zäsuren führen dazu, dass die gleichgestellte Vision, die sie teilweise vorher schon realisiert hatten, schlagartig in ein traditionelles Rollenmodell kippt." Die Gründe dafür dürften nach Wippermann keineswegs nur bei den Männern gesucht werden, die in späteren Lebensphasen oft enttäuscht feststellen, dass sie von ihren Kindern "kaum etwas gehabt hätten".

In den "Rollen-Spagat" würden sie auch von der vorherrschenden Unternehmenskultur gedrängt: "Vor allem Männer müssen nach wie vor für ihren Arbeitgeber - in weit höherem Maße als noch vor zwei, drei Jahrzehnten - flexibel, mobil und jederzeit verfügbar sein." Verstärkt werde das klassische Männer-Rollenbild aber auch von manchen jungen Frauen: Viele von ihnen suchten - wie einst schon ihre Mütter und Großmütter - einen beruflich erfolgreichen Mann "mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt", der genug Geld verdient, um eine Familie zu ernähren.

Aber auch bei männlichen Jugendlichen sind nach Wippermanns Feststellungen die traditionellen Rollenbilder noch tief verankert. Zwar befürworten sie im Grundsatz eine Gleichstellung von Mann und Frau. "Doch zugleich gehen sie sie selbstverständlich davon aus, dass ihre künftige Lebenspartnerin die Kinderbetreuung übernimmt, irgendwie zusätzlich zur Erwerbsarbeit", berichtet der Wissenschaftler. Und wenn junge Männer an eine Teilzeitstelle denken, dann in der Regel nicht, um mehr Arbeit im Haushalt zu erledigen, "sondern um mehr freie Zeit für sich zu haben."

Aber auch wenn sich junge Männer nach Wippermanns Feststellung immer noch als "Haupternährer" sehen, wächst nach Beobachtungen von Nürnbergs Männerbeauftragter Becker der Wunsch, mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Bei der Umsetzung aber zögerten viele: Sie fürchten, dass sie mit ihrem Wunsch nach einer beruflichen Auszeit bei Chefs und Kollegen auf Unverständnis stoßen. Nach Beckers Erfahrung helfen hierbei oft intensive Gespräche: "Ich rate den Männern: Setzen Sie sich ihren Ängsten auseinander und schauen Sie, wie das andere gemacht haben".
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