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Porträt

Großhumorist Thomas Kapielski ist in Bamberg

Literarischer Hochkomiker, Verfasser eines voluminösen Wirtshausromans und "Ring"-Kompressor: Der Berliner Thomas Kapielski ist ein Multitalent.
Thomas Kapielski auf dem Bamberger Spezial-Keller
 
von RUDOLF GÖRTLER
W enn man den freundlichen älteren Herrn "auf" dem Spezial-Keller sitzen sieht, den Steinkrug mit dem geliebten Saft vor sich, sollte man nicht denken, wie heftig es in Thomas Kapielskis Hirn arbeitet und gärt, das dann solche Sätze z. B. über Wahlen gebiert: "Gelaber ... nichts als sinnleerer, obsoleter, allenfalls wahltaktischer Politkitsch [tritt] ins Licht dieser ohnehin zureichend verfernsehten und medienverquallten Welt."
Doch der Stipendiat des Künstlerhauses Villa Concordia ist kein Kabarettist trotz Sottisen wie "Mutti-Tutti in seifigem Gewande" - über Multi-Kulti im "Zeitalter der Moralpolitik" - oder den Menschen des Ruhrgebiets mit seiner "gänzlich verkitschten, rückwärts gewandten Staublungenromantik". Tief Luft holen. Gut, dass Kapielski Oberfranken so liebt. Denn der Kapielski ist ein feiner Mensch. Das jedenfalls beteuert er selber zwölf Minuten und 56 Sekunden lang im letzten Track seiner Hörbuch-CD "Abstehende Röhren", den er "Werwiewas ist Kapielski?" benamst hat.
Ja, werwiewas ist er? Ist er ein typisches Produkt der Berliner Boheme der 80er? Ein Bildungsbürger, Gelehrter, Wertkonservativer? Ein Professor für Performance, Gottesbeweiser, Fotograf und Objektkünstler, Stammtischsoziologe und Vortragsartist? "Ein verehrungswürdiger Künstler, dem der Ruhm immer wichtiger war als der Erfolg", wie es in der Begründung des "Sondermann-Preises für komische Kunst" hieß, der ihm 2016 verliehen worden ist?
Das trifft die Sache schon eher. Also: Thomas Kapielski, geboren 1951 zu Berlin ins Arbeitermilieu, fabriziert komische Kunst. Seit ungefähr 20 Jahren dominiert wohl die Literatur sein Schaffen, wiewohl er von 1998 bis 2004 eine Performance-Professur in Braunschweig innehatte. Dem konzilianten, gelassenen und charmanten Mann eigentümlich ist die Weigerung, sein bis heute überschlägig einige 1000 Seiten umfassendes literarisches Schaffen zu charakterisieren. Eine "Verknüpfung von Kurzgeschichten" sei in Büchern mit so seltsamen Titeln wie "Aqua Botulus", "Sozialmanierismus", "Davor kommt noch. Gottesbeweise IX-XIII" ausgebreitet. Blogs lange, bevor das Wort die Alltagssprache invadierte? Das mag er nicht. Seine eigene Definition ist schon richtig, nur ein bisschen mager. Seinen Texten - er nahm auch schon mal am Klagenfurter Wettlesen teil - ist ein tagebuchähnliches Skelett unterlegt. Darum, darunter und darüber schlingen sich Anekdoten, Aphorismen, Reflexionen, Referate über zum Teil entlegene Lesefrüchte aus Philosophie und Theologie, Dada mit "Kapielskis internationalem Verkanntentreffen". Wer unbedingt Parallelen sucht: Lichtenbergs Sudelbücher sind nicht allzu weit entfernt und ganz besonders Eckhard Henscheids "Sudelblätter" von 1988. Mit dem Berliner Merve Verlag bzw. dessen Personal war er freundschaftlich verbunden und ergo Autoren wie Jean Baudrillard, Paul Virilio und Michel Foucault zugeneigt, der französischen Postmoderne also. Wem das zu esoterisch klingt, dem sei versichert: Kapielski hat den Sondermann-Preis verdient. Er ist ein Hochkomiker, wie es sie in diesem Land nicht viele gibt. Wobei er vor Kalauern nicht zurückschreckt. "Darf man Nager sagen?" fragt er einmal, "Besitzt Wasser eigentlich den Freischwimmer?" oder postuliert, dass Krebs gut gegen grünen Tee sei. Seine Fotos, die den grauen Alltag dokumentieren, wie über 1000 "zusammengeknipste" Lampen, sind ein eigenes Kapitel. Wagners "Ring"-Tetralogie hat er auf eine Sekunde komprimiert.
So etwas muss dem Multitalentierten angeboren sein, sagt er und kultiviert trockenen berlinischen Humor. Der kann uns Süddeutsche nerven, aber in Gästebücher von Kunstausstellungen "Ditt könn wa och" zu stempeln, eignet anarchische Kreativität. Dabei fing Kapielski nach Abitur und Studium von Philosophie und Geographie zusammen mit Frieder Butzmann eigentlich mit Musik an; es war laut Eigendefinition teutonische Krachmusik im Umkreis solcher Gruppen wie den "Einstürzenden Neubauten". (Heute musiziert er im "Oberkreuzberger Nasenflötenorchester".) Die Jungen Wilden des Neoexpressionismus wurden populär, geschult an Fluxus stieg auch Kapielski in die "Hochstaffelei" ein - für ihn heute noch eine zuverlässige Erwerbsquelle. In seinen Anfängen hatte er journalistische Texte geschrieben, und ihm unterlief mit dem Adjektiv "gaskammervoll" ein Lapsus, der ihn heute noch quält, "an Brinkmann geschulte Schnoddrigkeit".
Oberfranken, speziell Bamberg mit seiner biertriefenden Gemütlichkeit, entdeckte er Ende der 80er Jahre. Fast zwei Dezennien dauerte es, bis er mit "Je dickens, destojewski" einen "Volumenroman" verfasste, der teils in Berlin-Spandau spielt - das Ehepaar Kapielski wohnt in Charlottenburg -, teils in Bamberger Wirtschaften, insonderheit dem "Fässla-(ß)-Spezial" und dem Greifenklau. Begeistert ist er von diesen Lokalen ohne "Saufeteriat". Das Buch ist mit seinen Porträts Berliner und fränkischer Originale ein Wirtshausroman, geschult teils an Henscheids "Trilogie des laufenden Schwachsinns", teils an desselben Autors Idylle "Maria Schnee". Vielleicht auch am delirierenden Personal Dostojewskis?
Mit den Jahren sei er milder geworden, sagt Kapielski, alterskonservativer. Die Form, die Sprache sei ihm wichtiger als der Inhalt. Deshalb verehrt er auch Arno Schmidt. Seine Texte changierten zwischen Dichtung und Wahrheit. Wird er altersmilde auch die modifizierte Überschrift verzeihen? "Solider Biedersinn war allen angemendelt" charakterisiert er die Gäste im "Greifenklau". Biersinn war halt gar zu schön.

Literatur- und CD-Tipps

Ins Kapielski-Universum taucht man am besten ein mit "Sämtliche Gottesbeweise" (Zweitausendeins), bevor man mit den Suhrkamp-Bänden "Mischwald" und "Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen" fortfährt. Dann ist natürlich der Roman "Je dickens, destojewski" ein Muss. Des Autors Lieblingsbuch ist "Ortskunde. Eine kleine Geosophie", Urs Engeler, Basel. Leider vergriffen sind die Hörbuch-CDs "Abstehende Röhren" und "Ringkompressor" (Zweitausendeins).
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