Bamberg
Interview

Neue Musik: "Ein Reichtum wie noch nie vorher"

Seit 2011 zeichnet Markus Elsner für das Programm der alle zwei Jahre stattfindenden Tage der Neuen Musik in Bamberg verantwortlich.
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Janne Valkeajoki ist ein Akkordeon virtuose und spielt bei den 16. Tagen der Neuen Musik in Bamberg Foto: Archiv
Janne Valkeajoki ist ein Akkordeon virtuose und spielt bei den 16. Tagen der Neuen Musik in Bamberg Foto: Archiv
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Der Dirigent und Musiker Markus Elsner (47) ist Leiter des renommierten Ensembles Zeitsprung für zeitgenössische Musik. Seit 2011 zeichnet er für das Programm der alle zwei Jahre stattfindenden Tage der Neuen Musik in Bamberg verantwortlich.

FT: Der gemeine Hörer oder auch das durchschnittliche Klassik-Publikum assoziieren mit zeitgenössischer Musik äußerst komplexe, undurchdringbare Klänge und schalten erst einmal auf Abwehr. Ist das immer noch so?
Markus Elsner: Das kommt sehr darauf an. Wenn man sich selbst seit Jahren damit beschäftigt und tief in die Materie eingetaucht ist, wird man immer wieder damit konfrontiert, dass für mit zeitgenössischer Musik gar nicht vertraute Klassik-Hörer das sehr fremde und unzugängliche Klänge sind. Allerdings merke ich auch in den letzten Jahren, dass Menschen sich darauf zubewegen. Menschen, die sonst in "normale" klassische Konzerte gehen. Das ist auch mein Ziel. In den letzten Jahren hat sich die Stilistik vom sehr Verkopften stark wegbewegt. Jeder wird bestätigen, dass die junge Komponistengeneration unglaublich frei mit den Stilen umgeht, auch durchaus Elemente aus der U-Musik mit reinnimmt. Es gibt aber immer noch Komponisten, die hoch komplex schreiben und dabei auf eine besondere sinnliche Art das Publikum auch erreichen können. Man muss sich auf diese Musik einlassen, wird aber dann damit belohnt, dass man Klänge entdecken kann, die etwas mit einem machen, was gewöhnliche klassische Musik nicht kann. Es ist erst mal eine fremde, aber es ist eine Sprache, die man schneller begreifen kann, als viele denken.

Früher herrschten in der Avantgarde-Szene zum Teil extreme Meinungen, ein Cliquenwesen und Abgrenzungsbedürfnis wie nach 1945, denken wir an Pierre Boulez" abfällige Urteile über Strawinsky. Existiert dieses elitäre Bewusstsein noch, im Elfenbeinturm sitzend für eine kleine Elite zu komponieren?
Ich kenne einige wenige vor allem Komponisten der älteren Generation, wo das noch so ist. Solche Komponisten spielen heute kaum mehr eine Rolle. Sie wollen Publikum erreichen. Die große Diskussion war ja schon in den Siebzigern, ob man "subjektiv" schreiben darf, sich von der reinen Form wieder wegbewegen nach Klängen und Gefühlen, und das ist jetzt schon eineinhalb Generationen her. Für die junge Generation spielt das überhaupt keine Rolle mehr. Wir würden uns freuen, wenn wir Menschen in der Breite erreichen und dann auch nicht denken, wir seien jetzt zu kommerziell geworden. Ich kenne aber noch Vertreter dieser alten Schule, die dann auch entsprechende Urteile über Kollegen fällen. In meiner Programmauswahl spielt das keine Rolle.

Im von Ihnen zusammengestellten Programm der 16. Tage der Neuen Musik finden wir Klassiker wie Steve Reich, Luigi Dallapiccola oder Helmut Lachenmann. Das ist fast schon wieder "Old School". Gibt es so etwas wie eine Tendenz, eine kompositorische Mode, der die Jüngeren folgen?
Genau das macht die jetzige jüngere Generation aus, dass eigentlich alles erlaubt ist. Man kann sich stilistisch da inspirieren lassen, wo man sich wiederfindet, und seine eigene Sprache daraus bauen. Das ist mir sehr wichtig. Ich suche eigentlich immer nach Leuten, die Persönlichkeit mitbringen. Das kann auch Musik sein, die ich dann sperrig finde, aber in der einer seinen ästhetischen Weg sucht und auch findet. Und noch einmal: Was die Quellen der Inspiration angeht: Das kann heute wirklich alles sein von den Beatles über Lachenmann bis Metallica oder Jazz. Neue Musik hat heute einen Reichtum an Stilistik wie noch nie vorher, weil die ganze Musikgeschichte zur Verfügung steht und weil es diese Sperren im Kopf heute nicht mehr gibt, dass man bestimmte Dinge nicht dürfe. Mir hat der Komponist Winfried Hiller erzählt, der jetzt schon über 70 ist, dass sein Lehrer zu ihm gesagt hat, er dürfe keinen Dur-Dreiklang schreiben, wenn er ihn nicht ironisch meint. Diese Zeiten sind endgültig vorbei, eigentlich schon seit 40, 50 Jahren.

Also "anythinggoes". Aber ist da nicht der eigene Anspruch aufgegeben worden? Avantgarde war ja auch mit Protest, mit gesellschaftlichem Fortschritt assoziiert, denken wir an Adorno, an Luigi Nono oder Hans Werner Henze. Ist von diesem politisch-kritischen Geist noch etwas übriggeblieben?
Ich würde sagen ja, es kommt auf den einzelnen Künstler an. Wir haben gerade in Bamberg an der Villa Concordia den Benjamin Scheuer, im Festival nicht vertreten, der durchaus auch politische Statements trifft. Er hat eine unglaubliche Lockerheit, mit der er sich in den Stilen bewegt, und ist für mich ein Beispiel für diese jungen Komponisten, die keine Scheuklappen mehr haben. Er hat seinen eigenen Stil gesucht und in weiten Teilen auch schon gefunden. Ich glaube auch nicht, dass wir etwas verloren haben, weil diese Engstirnigkeit nicht mehr existiert. Gerade bei einem Festival wie Bamberg lohnt es sich schon fast nicht mehr darüber zu diskutieren, eher bei den sehr traditionellen Festivals wie Donaueschingen oder Darmstadt. In Bamberg kann man auch von der Größe her überhaupt nicht den Anspruch haben, die heutige Avantgarde abzubilden. Für mich stehen die Künstler im Mittelpunkt. Ich lade immer zuerst Künstler ein, und dann überlegen wir, was wir machen.

Welches Publikum erwarten Sie in Bamberg? Muss man eine musikalische Ausbildung genossen haben?
Nein, überhaupt nicht. Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Konzerte so zu präsentieren, dass man sie auch genießen kann, wenn man nicht Noten lesen kann und wenig Vorbildung hat. Man muss sich in diese Musik reinhören und wird auch immer mal wieder Stücke hören, mit denen man überhaupt nichts anfangen kann. Das geht dem Fachmann so wie dem Laien. Aber man wird dadurch belohnt, dass man Stücke und Klänge entdeckt, die unsere heutige Welt in einer Art und Weise abbilden, wie es klassische Musik gar nicht kann. Dafür muss ich vielleicht in Kauf nehmen, dass ich mich durch einige Stücke wühlen muss, die mich nicht so berühren. Das ist das Abenteuer bei solchen Konzerten.

Reden wir vom Geld. Könnte zeitgenössische Musik ohne staatliche Subventionen überhaupt existieren?
Niemals. Das ist auch ein Grund, warum in Deutschland so viel Avantgarde in den letzten 100 Jahren stattgefunden hat, weil einfach Strukturen hier sind, wo wir auf Kommerzialität nicht angewiesen sind. Das muss man jetzt nicht ausreizen, dass man sagt, wir sind stolz drauf, wenn nur 50 Leute kommen, aber es muss möglich sein. Wenn wir darauf angewiesen wären, viel Geld einzuspielen, das sieht man in den USA zum Beispiel, könnten die Künstler nicht mehr so frei arbeiten, wie sie es jetzt bei uns können. Selbst wenn ein Auftragswerk ein völliger Reinfall wird, geht das Festival daran nicht pleite. Das ist eine Grundvoraussetzung, damit große Kunst entstehen kann. Man könnte es vergleichen mit der Entwicklungsabteilung in einem großen Unternehmen. Da erwartet auch keiner, dass sie Gewinn abwirft.

Die junge Generation hat außer Popmusik kaum mehr andere Hörerlebnisse. Kann man diese jungen Leute für zeitgenössische Musik gewinnen, und wenn ja, wie?
Kann man absolut. Das geht schon bei Kindern los. Ich habe ja immer auch ein Kinderprogramm integriert, seitdem ich das Festival leite. Kinder sind ja unglaublich offen. Erfahrungsgemäß geht es nur darum, ob die Musik Substanz hat oder nicht. Wir haben immer mit einer Klasse des Clavius-Gymnasiums zusammengearbeitet. Es ist spannend, manche können etwas mit dieser Musik anfangen, manche nicht, aber ich würde nicht sagen, dass diese Generation schwieriger zu erreichen ist als frühere. Ich glaube, dass man mit vielem, was heute in der zeitgenössischen Musik passiert, einen 15-Jährigen viel eher erreicht als einen 50-Jährigen, der Operetten hört.

Welches Konzert bei diesen 16. Tagen der Neuen Musik würden Sie besonders empfehlen?
Das kann ich nicht sagen, weil die vier Konzerte so unterschiedlich sind. Das hängt ganz stark davon ab, wer fragen würde.

Unter den beiden artists in residence ist ein finnischer Akkordeonist, eine spannende Auswahl.
Janne Valkeajoki ist ein unglaublich guter junger Musiker. Ich halte ihn für einen der spannendsten Musiker in seinem Alter. Das Akkordeon an sich ist ein Instrument, das von den Komponisten sehr viel verwendet wird. Von allen Instrumenten, die im 20. Jahrhundert von der Neuen Musik entdeckt wurden, ist es dasjenige, das sich am meisten durchgesetzt hat.

Das Gespräch führte Rudolf Görtler.


Die Konzerte und Karten:
Eröffnung Do., 9. 11., 19 Uhr, Johanniskapelle, Ob. Stephansberg 7a: Sophie Lücke und Janne Valkeajoki; Viera Janárceková: Neues Werk (UA)
Stillschreiend anders Fr., 10. 11., 20 Uhr, Johanniskapelle: Gitarrenduo steuber.öllinger
... per una voce Sa., 11. 11., 19 Uhr, Villa Concordia: Musik für Frauenstimme und Orchester
Abschlusskonzert So., 12. 11., 19 Uhr, Villa Concordia: Bamberger Musiker, Schüler des Clavius-Gymnasiums, Festival-ensemble
Karten bvd, Tel. 0951/9808220, E-Mail info@bvd-ticket.de
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