Bamberg

Donald Trump und die blinden Seher

Obwohl "Am Königsweg" mit bekannten Thesen jongliert, macht das E.T.A.-Hoffmann-Theater aus Elfriede Jelineks Stück eine hochtourige Sause.
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Paul Maximilian Pira bekommt das Wesen des Königs einfach nicht zu fassen.  Fotos: : Martin Kaufhold
Paul Maximilian Pira bekommt das Wesen des Königs einfach nicht zu fassen. Fotos: : Martin Kaufhold
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Flehend suchte Stephan Ullrich den Blick der Souffleuse. Gleich mehrmals hatte der Schauspieler in den massiven Textlandschaften von Elfriede Jelineks Stück "Am Königsweg" die Orientierung verloren. Was an anderen Theaterabenden den Eindruck des Publikum getrübt hätte, ließ sich am Freitag mit der nötigen - und durch Ullrichs ansonsten couragierten Auftritt auch gerechtfertigten! - Nachsicht sogar zur hintersinnigen Kommentierung des aufgeführten Stücks verklären.

Denn so wie es Ullrich plötzlich die Sprache verschlagen hat, so hatte es angesichts der Präsidentschaft Donald Trumps auch Menschen in aller Welt die Sprache verschlagen. Und wo Ullrich nachsprach, was ihm die Souffleuse an Worten auf die Bühne warf, so spricht auch Elfriede Jelinek nach, was andere Trump-Kritiker vor ihr schon ausgesprochen haben.


Witzchen über die Frisur

Atemlos und in eher lose aneinandergereihten Szenen arbeitet sich Jelinek in ihrem Stück "Am Königsweg" an Donald Trump ab. In den Mund nehmen mussten die Schauspieler seinen Namen in der 90-minütigen Inszenierung aber kein einziges Mal. Lediglich von einem ominösen "König" war in der ausverkauften Studiobühne die Rede, was Jelineks Stück wohl ins Allgemeingültige heben sollte.

Wo der Name "König" fiel, hätte auch anderes Führungspersonal der rechtspopulistischen Internationalen adressiert sein können: Putin und Erdogan, der Ungar Orban oder der FPÖ-Vorsitzende Strache aus Jelineks österreichischer Heimat. Unter Glucksen wusste das Bamberger Publikum jedoch jedes Witzchen über eine spektakulär verunglückte Friseur, jedes sexistische Zitat, jeder die Vernunft beleidigende Tweet dem US-Präsidenten zuzuordnen.

Ihr wohliges Glucksen richtete sich in der Logik von Jelineks Stück zwangsläufig gegen die Zuschauer selbst. Immerhin gehört die österreichische Nobelpreisträgerin selbst zu den bürgerlichen Selbstanklägern, die nach jedem neuerlichen Geländegewinn der Rechtspopulisten hart über sich Gericht sitzen.


Der König blendet sich

Zu hochmütig und den sogenannten einfachen Menschen entfremdet - so lautet ihr Urteil gegen sich selbst. "Wir haben nun nichts mehr zu sagen. Das ist unsere Strafe", klagen stellvertretend die drei in quietschgrünen Ganzkörperanzügen steckenden Schauspieler Anna Döing, Paul Maximilian Pira und Stephan Ullrich.

In ihrer schuldbewussten Schicksalsergebenheit erinnerten die drei an die blinden Seher der griechischen Mythologie. In deren Zitatenschatz fanden Regisseur Daniel Kunze, Dramaturgin Victoria Weich und Bühnenbildner Adrian Ganea mit dem sich selbst blendenden König ein weiteres starkes Bild für Jelinkes Thesen.
Das reduzierte Bühnenbild selbst zitierte mit drei grünüberzogenen Stellwänden und ein wenig Pappmaché das Höhlengleichnis Platons. Die Menschen, so ließe sich der Gedankengang des griechischen Philosophenkönigs auf das Zeitalter des Donald Trumps übertragen, sind an tiefer Erkenntnis allenfalls oberflächlich interessiert. Lieber halten sie das für wahr, was gemäß der Binnenlogik ihrer abgezirkelten Filterblasen und Echokammern immer wieder aufs Neue als wahr bestätigt wird.

Regisseur Kunze erweiterte Jelineks Kritik der Meinungseliten zur allgemeinen Kritik der Medien, wenn er dümmlich fragende Journalisten bloßstellt oder niederträchtige Facebook-Kommentare an die Höhlenwand projizieren ließ. "Merkel muss gesteinigt werden" war dort zu lesen und einiges an Sexistischem, Rassistischem und Antisemitischen mehr.


Dokument der Ratlosigkeit

Analytisch hat "Am Königsweg" dem nichts hinzuzufügen, was in dem Jahr seit Trumps Wahlsieg eine Vielzahl glänzender Artikel und Kommentare nicht schon durchgespielt hätten.
Auch Jelineks Milde gegenüber der von Kapitalismus und Globalisierung um Job und Würde gebrachten weißen Arbeiterschaft gehört zu den Standards der Trump-Kritiker. Sie alle eint die Ratlosigkeit, gerade auch der eigenen Sprecherposition gegenüber.

Mit Hilfe seiner herrlich aufgekratzten Schauspieler und intelligent eingesetzter Videoinstallationen überführte Kunze dieses bleierne Gefühl der Vergeblichkeit immerhin in eine knallbunte, in ihrem hysterischen Chaos auch unterhaltsame Sause.
"The winner takes it all", dieser von Anna Döing auf der Bühne inbrünstig intonierte Evergreen rückte die Machtverhältnisse am Ende aber wieder gerade: Seine Gegner mögen kritische Theaterstücke über ihn schreiben. Gewonnen aber hat Donald Trump. Er regiert.
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