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Nackte Tatsachen beim Trank der Unsterblichkeit
Peter P. Pachl hat E.T.A. Hoffmanns Oper "Der Trank der Unsterblichkeit" ausgegraben und am Theater Erfurt uraufgeführt - über 200 Jahre nach der Komposition des Singspiels.
"So nackt war Theater in Erfurt noch nie" titelte Sensation heischend vorab eine Boulevardzeitung. Und Intendant Guy Montavon verteidigte den entsprechenden Einsatz einer Statistin als "ästhetische künstlerische Darstellung" und nicht als pfiffigen Werbegag. Tatsächlich ist von beidem etwas dran. Es hätte die drei barbusigen Haremsdamen und die splitterfasernackte vermeintliche Tote nicht unbedingt gebraucht, aber sie erhöhen zweifelsfrei den augenzwinkernden Reiz dieses ungewöhnlichen Opernabends.
Ungewöhnlich ist "Der Trank der Unsterblichkeit" schon deshalb, weil seine Uraufführung gut 200 Jahre zu spät kommt. Reichsgraf Julius von Soden, der 1802 und 1804 die Theater in Bamberg und Würzburg gründete, verfasste das Libretto 1806 und gab es zur Vertonung an einen Bewerber auf die Musikdirektorenstelle in Bamberg: E.T.A. Hoffmann (1776-1822) schloss die Komposition 1808 erfolgreich ab, wurde daraufhin engagiert und zog nach Bamberg.
Der Rest ist Geschichte.
Frühromantisch im Geiste Mozarts
Das frühromantische Singspiel im Geiste Mozarts blieb unaufgeführt und landete in der Staatsbibliothek Berlin, wo der aus Bayreuth stammende Opernregisseur Peter P. Pachl den ungehobenen Schatz ausgrub. Er besorgte die Herausgabe der Partitur und mit seinem einfallsreichen Ausstatter Robert Pflanz die Inszenierung am Theater Erfurt, die am Samstag ihre Uraufführung feierte.
Was wörtlich genommen werden darf, denn das Publikum zeigte sich bis auf ein paar obligatorische Buhrufer durchaus angetan von diesem Werk, das schon durch den großen Anteil von Sprechtexten und melodramatisch vertonten Stellen aus dem heute gewohnten durchkomponierten Rahmen fällt. Die Musik der fast vergessenen vieraktigen Oper besteht aus einer Ouvertüre und 18 Nummern, darunter Arien, ein Duett, Chöre und Ensembles.
Sie erinnert an Mozarts "Zauberflöte" und vor allem an die ebenfalls im Orient spielende "Entführung aus dem Serail".
Unsterblichkeit als Irrweg
Im "Trank der Unsterblichkeit" dreht sich alles um den orientalischen Edelmann Naramand, der nach dem ewigen Leben strebt und ein hohes Amt ausschlägt, das ihm der hier so genannte Schach von Persien anträgt. Erst der titelgebende Trank führt ihm vor Augen, dass er sich mit seinen angeblich hehren Zielen nicht im mit vielen Haupt- und Nebenfrauen garnierten Paradies, sondern auf einem Irrweg befindet.
Dass Naramands abenteuerliche Zeitreise das Publikum gut unterhält, liegt in erster Linie daran, dass die Inszenierung die Handlung von vornherein ironisch bricht.
Gleich zu Beginn fühlt man sich optisch versetzt in einen Karl-May-Film, dessen Kernsatz "Tugend ist unsterblich" beziehungsweise "Liebe ist unsterblich" lautet. Namarand und sein Diener Hassem erinnern zunächst an Old Shatterhand und Hadschi Halef Omar, der Einsiedler und die Priester sind phantasievoll kostümierte, mit Regenschirmen bewaffnete Indianer-Robinsons. Auch bei den Haremsdamen wird kaum ein Klischee ausgelassen.
Perserkatzen in Hülle und Fülle
Ob jeder Zuschauer mitkriegt, dass sich alles auf dem Boden des seit 1989 existierenden, inzwischen mehrfach verfilmten Computerspiels "Prince of Persia" abspielt, sei dahingestellt. Aber das ist angesichts der kunterbunten und abwechslungsreichen Bilderwelt, die unter anderem mit bekanntlich langlebigen und breakdancenden Perserkatzen ausstaffiert ist, zweitrangig.
Wer sich dann noch den Kater Murr mitdenkt, liegt goldrichtig.
Zum Schluss geht eh alles gut. Nach rund zweieinhalb Stunden (mit Pause) gibt es ein Happyend mit Augenzwinkern und ohne schalen Nachgeschmack, wiewohl elegant und eher nebenbei auch angedeutet wurde, was in diesem Stück an brandaktuellen und hochexplosiven Themen so steckt. Eine gelungene Uraufführung, die die Handlung mit vielen überraschenden Anspielungen erzählt, allerhand Hoffmanneskes inklusive. Nur bei der Kürzung der Sprechtexte hätte der Regisseur entschieden mutiger sein dürfen.
Uwe Stickert besticht mit Höchstleistungen
Die 38 Musiker im Orchestergraben unter der Leitung von Samuel Bächli, die von Andreas Ketelhut einstudierten Choristen und zwölf Solisten werfen sich mit Verve und Spielfreude ins Geschehen - allen voran Uwe Stickert als Namarand, der gefühlt Dreiviertel aller Auftritte bestreitet, mit einer Tenorstimme, die
neben ihrer Strahl-, Durchhalte- und Ausdruckskraft auch durch Farbenreichtum besticht.
Stickert, der aktuell in Nürnberg in der mörderischen Arnold-Partie in Rossinis Wilhelm-Tell-Oper als bannender Sängerdarsteller zu erleben ist, überzeugt gerade auch deshalb, weil er Ernst und Ironie der Inszenierung mit jeder Faser seines gewichtigen Körpers auslebt. Der Tenor in der Tonne ist ein herrlicher Witz, zumal er vor seinem heißen Bad erstmal entkleidet wird - und in seinem fleischigen Trikot für mich mit links all die halb- und ganz nackten Damen schlägt, die danach noch kommen.
Termine und Karten
Weitere Vorstellungen am 2., 4., 13., 19. und 25. Mai sowie 3., 10. und letztmalig am 23. Juni. Karten-Telefon 0361/2233155. Mehr Informationen gibt es auf der Homepagedes Theaters. Die Uraufführungsinszenierung aus Erfurt wird auch im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater gastieren, und zwar erstmals am 6. Oktober, zur Tagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.







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