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Buch

"Franz Josef Strauß hat seinen Kopf riskiert"

Als Pressesprecher von Franz Josef Strauß hat Godel Rosenberg die Israelpolitik des bayerischen Ministerpräsidenten begleitet.
Godel Rosenberg (r.) diente neun Jahre dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß als Pressesprecher.  Foto: privat
 
von CHRISTOPH HÄGELE
Von 1979 bis zu dessen Tod im Jahr 1988 diente Godel Rosenberg dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß als Pressesprecher.

Von seinen bewegten Jahren mit Strauß schreibt Rosenberg in seinem Buch "Strauß und sein Jude" (Allitera Verlag, 164 Seiten, 19,90 Euro). Das Buch ist eine respektvolle, aber keineswegs unkritisch geratene Verbeugung vor Strauß und dessen Verdiensten um die bayerisch-israelischen Beziehungen.
Aus seinem Buch trug der 1946 in Polen geborene Rosenberg Ende September auch bei den ersten Jüdischen Kulturtagen in Bamberg vor. Seit 2009 leitet Rosenberg die bayerische Auslandsrepräsentanz in Tel Aviv. Derzeit bereitet er eine Reise bayerischer Autozulieferer nach Israel vor. "Israel hat Technologien für das Auto der Zukunft", sagt er.


Ihr Buch heißt "Strauß und sein Jude". Hat denn Ihr Jüdisch-Sein eine Rolle bei der Zusammenarbeit mit Strauß gespielt?
Godel Rosenberg: Im politischen Alltag eher nicht. Meine jüdische Herkunft spielte im Grunde immer dann eine besondere Rolle, wenn der Nahe Osten und Israel auf die politische Agenda rückten.

Hat Ihnen Strauß also aufgrund ihres Jüdisch-Seins eine besondere Expertise in Sachen des Nahen Osten zugesprochen?
Gewiss, und er lag damit sicher auch nicht falsch. Wir waren gemeinsam zweimal in den 80er Jahren auf "Staatsbesuch" in Israel. Meine Eltern sind Überlebende des Holocaust. Ich habe deshalb und auch aufgrund meiner Ausbildung von Anfang besser als viele andere verstehen können, was die Gründung des Staats Israels für die Juden in aller Welt bedeutet: die Wiedergeburt eines Staates, in dem sie sich bei allen bekannten Problemen endlich sicher und zu Hause fühlen können.

Interessierte sich Strauß für Ihre Familiengeschichte?
Strauß wusste, dass meine Eltern aus Warschau stammen und rechtzeitig nach Beginn des 2. Weltkrieges unter größter Lebensgefahr fliehen konnten. Sie haben den Krieg überlebt und 1946 Zuflucht in der amerikanischen Besatzungszone gesucht und gefunden: das war Bayern, wo ich aufgewachsen bin.

Wie wichtig waren Strauß die Beziehungen zu Israel?
Strauß hat als Bundesverteidigungsminister erstmals 1957 Shimon Peres getroffen, der im Auftrag der Regierung David Ben-Gurion auf der Suche nach Waffenlieferanten für den bedrohten Staat Israel war. Das Treffen fand bei den Schwiegereltern von Strauß in Rot am Inn statt. Nach dem Sinai-Krieg 1956 musste sich Israel besser bewaffnen und suchte nach Partnern, die es dabei unterstützen. Man darf nicht vergessen, dass seinerzeit die USA noch kein Verbündeter Israels gewesen ist. Das änderte sich erst unter Präsident John F. Kennedy.

Aber Strauß hat geliefert?
Peres bat Strauß um Hilfe und Strauß hat versprochen, zu helfen. Ausgehandelt wurden die Rüstungslieferungen mit Zustimmung von Kanzler Konrad Adenauer. Strauß setzte sich über einige gesetzliche Vorgaben hinweg, umging auch den Bundestag. Aber Adenauer war informiert. Zum Glück sind all diese Aktionen erst viel später bekannt geworden. Sie hätten Strauß politisch den Kopf gekostet.

Warum ist Strauß dieses Risiko eingegangen?
Strauß hat aufgrund seiner hohen Bildung Israel schnell als ein Land begriffen, das mit Deutschland, Europa und der westlichen Welt viele gemeinsame Werte teilt. Israel war und ist ein westlich geprägtes Land, eine Demokratie, ein Rechts- und Sozialstaat, der einzige in der gesamten Nahost-Region und das einzige OECD-Mitglied, die kleine Gruppe, der wirtschaftlich erfolgreichen Demokratien. Israel war für Strauß damit immer auch ein wichtiges westliches Standbein im Nahen Osten. Natürlich hat auch die Geschichte zwischen 1933 und 1945 eine nicht unwesentliche Rolle gespielt.



Strauß hat das Selbstverständnis der CSU entscheidend mit dem Satz geprägt, dass es rechts von ihr keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe. Wie viel Verantwortung trägt Horst Seehofer daran, dass dieser Satz mit dem Aufkommen der AfD nicht mehr gilt?
Zunächst einmal ist dieser Satz in einer Zeit geprägt worden, in der es rechts von der CSU nur die NPD gegeben hat und das war nur eine Episode in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das hat sich mit der AfD offensichtlich geändert. Die Ausgangslage ist für Horst Seehofer also ungleich schwerer, weil das auslösende Problem ein deutsches und europäisches Problem ist. Ich sehe weniger bei ihm Versäumnisse als bei Frau Merkel.

Welche?
Ihre Entscheidung die Tore fast unkontrolliert zu öffnen war ein Fehler. Sie ist zu idealistisch vorgegangen und überfordert deshalb viele ihrer Mitbürger und Wähler. Man darf nicht vergessen, dass hier fast eine Million Menschen innerhalb kürzester Zeit gekommen sind, die aus anderen Kulturkreisen stammen, mit anderen religiösen Überzeugungen und Leitbildern aufgewachsen sind. Das ist ein großes Problem, das Frau Merkel viel zu wenig thematisiert und kommuniziert hat.

Macht Ihnen der Zuzug von mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen Angst, gerade auch als Jude?
Nein, Angst ist immer ein schlechter Berater. Aber ich mache mir als Jude, der in Deutschland aufgewachsen ist, große Sorge. Die meisten Flüchtlinge kommen aus jenen Ländern, die Israel ablehnen, bekämpfen. Damit wird der Nahost-Konflikt unmittelbar nach Deutschland getragen. Welche Auswirkungen das auf die jüdische Minderheit in Deutschland hat, wird die Zukunft erweisen. Aber es gibt aufgrund der ersten Erfahrungen Grund sich zu sorgen. Ich fühle mich in Israel sicher. Die 1,8 Millionen Araber in Israel sind meine Mitbürger, ich lebe mit ihnen, gehe täglich mit ihnen um. Dieses keineswegs unproblematische Verhältnis ist in 68 Jahren seit der Gründung des Staates gewachsen, aber wir haben noch viel Integrationsarbeit zu leisten.

Kann Deutschland etwas von Israel lernen?
Israel spricht eine klare Sprache zu seinen Freunden und Feinden. Israel ist das Land der Juden und das soll es auch bleiben. Die Werte des Judentums festgeschrieben in der Bibel bilden das Fundament, die Israel zu einem in jeder Hinsicht erfolgreichen Staat mit heute 8,5 Millionen Bürgern gemacht haben. Israel hat Menschen aus 70 Ländern aufgenommen und integriert. Alle drei großen monotheistischen Religionen werden täglich gelebt, in Jerusalem, Nazareth und auch im eher säkularen Tel Aviv. Das hat es in dieser offenen, lebensfrohen Form in der Geschichte des Nahen Ostens noch nie gegeben. Ich will nichts beschönigen: das Land hat auch innerhalb seiner Grenzen noch viele Probleme wie den Ausbau der sozialen Gerechtigkeit, aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Was genau kann Deutschland davon lernen?
Ich vermisse in Deutschland die Wertediskussion und damit meine ich die Werte, die Deutschland seit 1949 groß, erfolgreich und zum Vorbild für viele gemacht hat. Warum wollen denn die meisten Flüchtlinge nach Deutschland? Wegen der demokratischen Grundordnung, der gelebten Freiheit, des erarbeiteten Reichtums, alles erwachsen aus den Werten der Bibel und des gelebten Christentums. Das muß aber auch verteidigt werden.

Was hat Sie dazu bewogen, die deutsche gegen die israelitische Staatsbürgerschaft zu tauschen?
Ich habe beide Staatsangehörigkeiten aufgrund des Verlaufs meines Lebens. Ich bin stolz auf meine 50 Jahre als Deutscher, Bayer, der in München aufgewachsen ist. Aber ich will als Jude nicht mehr Minderheit sein, nirgendwo auf der Welt: Deshalb lebe ich in Israel, wo meine Familie ihre jüdische Identität ausleben kann. Dazu gehört auch, dass unsere drei Kinder den Wehrdienst in Israel leisten beziehungsweise geleistet haben.

Woran haben Sie in Deutschland gespürt, einer Minderheit anzugehören?
Es waren viele Kleinigkeiten, die sich summiert haben. Als Schüler musste ich beispielsweise immer die Klasse verlassen, wenn Religion auf dem Stundenplan stand. Die Klassenkameraden waren katholisch, ich war der Minderheiten-Jude. Oder auch die Erfahrung, immer wieder auf meinen Namen angesprochen und die Geschichte meiner Familie erzählen zu müssen. Ich habe als Jude in Deutschland ein gutes, erfolgreiches Leben geführt. Alles was ich gelernt und erfahren habe verdanke ich Bayern, Deutschland und Europa. Zu Hause aber fühle ich mich heute in Israel.

Dennoch kommen Sie regelmäßig zurück nach Deutschland.
Ich leite die bayerische Auslandsrepräsentanz in Tel Aviv und bin deshalb mit dem Freistaat eng verbunden. Bayern hat frühzeitig erkannt, dass Israel insbesondere im hi-tech-Bereich weltweit eine führende Rolle spielt und hat 2009 eine eigene Repräsentanz eröffnet. Derzeit bereite ich mit den Kollegen in München eine Reise bayerischer Autozulieferer nach Israel vor. Israel hat hier Innovationen und Technologien für das Auto der Zukunft anzubieten. Meine Aufgabe ist es Türen zu öffnen, Brücken zu bauen, damit die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Bayern, Deutschland und Israel noch enger werden. Dafür bin ich dankbar, mitspielen zu dürfen.

Das Gespräch führte Christoph Hägele.
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