Bayreuth
Exklusiv-Interview

Daphne Wagner: "Ohne uns gäbe es die Stiftung nicht"

Wagner-Urenkelin Daphne Wagner erklärt, warum sie und ihre Geschwister juristisch gegen die jüngsten Veränderungen bei der Richard-Wagner-Stiftung vorgehen wollen.
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Wagner-Urenkelin Daphne Wagner Foto: PatrickMcGinley
Wagner-Urenkelin Daphne Wagner Foto: PatrickMcGinley
Letzte Woche wurde in Bayreuth der langfristige Mietvertrag für das Festspielhaus unterzeichnet. Dass jetzt die Millionen für die Sanierung fließen können, ist nur die eine Seite. Die andere bedeutet, dass die Richard-Wagner-Stiftung, der das Festspielhaus als einziges Vermögen gehört, kurzerhand entmachtet wurde - und mit ihr die Stifterfamilie und die Stadt Bayreuth. Die Schauspielerin Daphne Wagner (65), eine Tochter Wieland Wagners und neuerdings Stiftungsratsmitglied, erläutert ihre Sicht.

Sie sind seit Ende Januar Mitglied des Stiftungsrats der Wagner-Stiftung, als Einspringer für Ihre verstorbene Schwester Iris.
Daphne Wagner: Es ist mir sehr schwer gefallen, aber einer muss es ja machen von unserer Familie. Nike hat mit dem Bonner Beethoven-Festival viel zu tun, mein Bruder ist vielbeschäftigter Architekt in Mallorca - und ich war einfach auch näher dran, weil ich in München lebe.

Ihre erste Stiftungsratssitzung am 20. März haben Sie gleich wieder verlassen. Warum?
Weil ich am Morgen aus der Zeitung erfahren durfte, dass am Tag vorher, hinter verschlossenen Türen, in der Regierung von Oberfranken die Unterschriften unter den Mietvertrag für das Festspielhaus bis 2040 geleistet wurden. Das bedeutet, dass damit die Stifterfamilie draußen ist und in der Stiftung nichts mehr zu sagen hat. Und die Stadt Bayreuth ist in ihrem Einfluss gewaltig beschnitten. Soll ich, habe ich da gesagt, mir jetzt anhören, wie viel Glühbirnen im Festspielhaus verschraubt werden?

Was hat es mit dem Mietvertrag auf sich?
Das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Seit 2008 sitzen meine Cousinen Eva und Katharina da oben im Festspielhaus praktisch ohne gültigen Mietvertrag. Toni Schmid, der Strippenzieher im bayerischen Kunstministerium, hat immer wieder versucht, die Stiftungssatzung auszuhebeln, weil an den Mietvertrag die Entscheidung über die Festspielleitung gekoppelt ist. Man kann diese ausführliche Regelung, die bestimmt kein Detail ist, in der Stifungsurkunde nachlesen.

Warum haben Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe, die Geschäftsführerin der Stiftung, und Regierungspräsident Wilhelm Wenning als Vorsitzender des Stiftungsvorstands den Mietvertrag trotz Bedenken unterschrieben?
Weil sie sonst Regressklagen am Hals gehabt hätten, nach dem Motto, das Festspielhaus kann nicht saniert werden. Da geht es um sehr viel Geld! Mindestens 30 Millionen soll die Sanierung kosten, obwohl keiner genau weiß, ob das wirklich so dringend notwendig ist. Schließlich haben die "Freunde von Bayreuth" seit Jahrzehnten Millionen und Abermillionen in Baumaßnahmen investiert. Wie auch immer: Damit hat Toni Schmid die beiden gewissermaßen erpresst. Er konnte sagen, die öffentlichen Gelder fließen nicht, wenn ihr nicht unterschreibt. Schon das ist abstrus, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Was ist denn noch abstrus?
Das Gutachten, das Frau Merk-Erbe bei der Stiftungsaufsicht in der Regierung von Oberfranken anfragte, stellt klar, dass der Mietvertrag mit der Stiftungssatzung nicht vereinbar ist. Daraufhin wurde die übergeordnete Stiftungsaufsicht aktiv - und die sitzt ausgerechnet in dem Ministerium, wo der Satzungsbruch ausgeheckt worden ist. Das kann doch nicht wahr sein! Selbst wenn in Bayern die Uhren anders gehen, sollte man zumindest versuchen, sie anzuhalten.

Sie werden klagen?
Der Wieland-Stamm wird entsprechende Schritte unternehmen. Es geht nicht darum, wieder einen Familienstreit loszutreten, über den sich dann Bunte, Gala und Konsorten auslassen, es geht nicht darum, dass Nike mit Gerard Mortier bei der Wahl 2008 keine einzige Stimme bekam und dass Katharinas Vertrag jetzt bis 2020 verlängert werden soll. Wir sind inzwischen alle zwischen 65 und 70, uns betrifft das sowieso nicht mehr!
Uns ist die Sache wichtig, es geht um Bayreuth, um die Festspiele, nicht um Positionen. Es geht darum, dass man so nicht mit einer Stifterfamilie umgehen kann, zu der selbstverständlich alle gehören, auch unsere Cousinen Eva und Katharina. Ohne uns, ohne die Stifterfamilie gäbe es die Stiftung gar nicht. Wir wollen nur, dass alles rechtens ist. Schon die Nichtverlängerung von Eva ist letztlich ein Satzungsbruch.

Toni Schmid hat mehrfach erklärt, dass die Co-Festspielleiterin von sich aus ihre Amtszeit nicht mehr verlängern wollte.
Nein, das stimmt nicht. Er hat sie schon im Dezember einbestellt und vor vollendete Tatsachen gestellt. Und dass sie sich mit einem Beratervertrag künftig um die Wagner-Verbände kümmern kann, die übrigens auf Anordnung von oben - vermutlich von Toni Schmid, dem geheimen Festspielrat - ihre Kartenprivilegien verloren haben. Perfider geht's nicht.

Zumal auch das Alter ein Argument gewesen sein soll. Eva Wagner-Pasquier wird siebzig sein, wenn sie aufhört, immerhin sechs Jahre jünger als Heinz-Dieter Sense, seit 2013 der dritte Geschäftsführer der Festspiel-GmbH.
Dass Herr Sense überhaupt kaufmännischer Geschäftsführer wurde, hat mit Christian Thielemann zu tun. Er hat ihn nach Bayreuth gebracht, er kennt ihn schon aus seiner Zeit an der Deutschen Oper Berlin. Thielemann wird einen neuen, besser bezahlten Beratervertrag bekommen - da hält bestimmt Angela Merkel die Hand drauf - und er lässt bereits an der Semperoper für die Bayreuther Festspiele vorsingen. Und ob Katharinas Vertrag 2020 nochmal verlängert wird, weiß man nicht.

Das alles ist politisch gewollt.
Schon August Everding wollte Bayreuth kassieren, dank Toni Schmids Machenschaften hat die staatliche Machtübernahme, wie es scheint, endlich geklappt. Aber es sind nicht die Bayern alleine, da hängt der Bund genauso mit drin. Die Politiker winken doch alles durch. Sie sagen: Läuft doch, geht doch, eine Premiere im Jahr, man läuft über den roten Teppich, was will man mehr, alles bestens.

Wenn es so leicht ist, eine Stiftungssatzung aus den Angeln zu heben, könnte das Folgen haben.
Genau deshalb sollte man das noch einmal überdenken. Wenn das tatsächlich durchgeht, ist das für das gesamt Stifterwesen ein Exempel - und eine Katastrophe. Da werden sich doch nicht wenige potenzielle Stifter fragen, machen wir das überhaupt noch, wenn wir wenig später Knall auf Fall weg sind vom Fenster? Gehen wir dann nicht lieber nach Österreich, in die Schweiz oder sonst wohin stiften? Genau das muss vor Gericht geklärt werden - selbst wenn Toni Schmid glaubt, am längeren Hebel zu sitzen.

Seine Geheimdiplomatie funktioniert.
Es ist doch seltsam, dass die Süddeutsche Zeitung zu diesem skandalösen Vorgang nicht einmal eine Agenturmeldung gebracht hat. Wenn die Bayern Bayreuth annektieren, erscheint dort keine Zeile!


Richard-Wagner-Stiftung und Festspiel-GmbH
Die Wagner-Stiftung ist unter anderem Eigentümerin des Festspielhauses, das sie an den oder die Festspielunternehmer vermietet, den oder die sie laut bisheriger Satzung auch ernennen darf. Mit der Unterzeichnung des neuen Mietvertrags für die Bayreuther Festspiel-GmbH bis ins Jahr 2040 gab es sowohl bei der Stiftung als auch bei der Betreibergesellschaft entscheidende Satzungsänderungen: Jetzt sollen bei der Berufung des Festspiel-Geschäftsführers nicht mehr der Stiftungsrat die Wahl und im Zweifelsfall auch ein Expertengremium das letzte Wort haben, sondern nur noch der Verwaltungsrat der Festspiel-GmbH. Für dessen vier, bisher gleichberechtigten Gesellschafter gelten neue, dem Finanzeinsatz gemäße Verhältnisse: Bund und das Land haben mit 58 Stimmen die Mehrheit, die "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" 29 und die Stadt Bayreuth nur mehr 13. Die Festspiele sind somit mehrheitlich unter staatlicher bzw. politischer Kontrolle.

Eine Stellungnahme des Bayerischen Bildungs- und Wissenschaftsministeriums können Sie hier nachlesen.
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