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Interview

Dadaramm, dadaramm - Chachacha!

Ainars Rubikis ist ein Dirigent, der bei den Proben mitsingt, manches erzählt und viel mitswingt. Mit seinen eingängigen Sprachbildern schafft er es, dass die Bamberger Symphoniker auch bei Haydns Militärsymphonie nicht nur exerzieren.
Dirigent Ainars Rubikis beim InterviewFoto: Barbara Herbst
 
Vor einem Jahr kannte ihn hier noch niemand, inzwischen ist Ainars Rubikis zum vierten Mal da: Im Frühjahr hat er den 3. Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker gewonnen, im Sommer dirigierte er bei der Biennale Bamberg die Kammermusikversion von Gustav Mahlers "Lied von der Erde", im Herbst war er Assistent von Georges Prêtre bei dessen Symphonikerkonzert für die Mailänder Scala, jetzt im Winter folgen seine nächsten Debüts. Heute Nachmittag leitete er sein erstes Jugendkonzert, morgen Abend sein erstes Abonnementkonzert, am Sonntag in Fürth das erste Gastspiel. Der 32-jährige Künstler aus Riga hat mit dem Orchester ein Programm einstudiert, das ihm aus ganz unterschiedlichen Gründen liegt.

Was hat sich seit dem Wettbewerb geändert in Ihrer Karriere?
Ainars Rubikis: Alles! Es betrifft nicht nur die Karriere, mein ganzes Leben hat sich verändert. Ich kann mich nur dem anschließen, was schon Gustavo Dudamel gesagt hat: Durch den Wettbewerb in Bamberg ist für mich alles anders geworden - das musikalische, das künstlerische und das private Leben. Vorher hatte ich in Lettland nur hin und wieder ein Engagement oder Projekt und war höchstens zwei, drei Wochen im Ausland. Seit dem letzten halben Jahr war ich, wenn es hoch kommt, einen Monat zuhause.

Was gefällt Ihnen an diesem Leben?
Ainars Rubikis: Es ist aufregend, ständig neue Menschen, andere Musiker und Musik kennenzulernen, die ich noch nicht gemacht habe. Alles, was ich nach dem Gewinn des Wettbewerbs dirigiert habe, war doch neu für mich! Es überrascht mich manchmal selber, was ich von dieser Musik schon weiß und was ich aus den Noten herauslesen kann. So ging es mir zum Beispiel im Dezember in Heidelberg mit Tschaikowskys "Nussknacker"-Suite. Fast jeder kennt diese Musik und glaubt zu wissen, wie sie klingen muss. Aber als ich die Partitur aufgemacht habe, sind mir plötzlich Dinge aufgefallen, die man in den meisten Aufführungen eben nicht hört. Vor allem der berühmte Blumenwalzer klingt ganz anders, wenn man ihn genau so macht, wie ihn Tschaikowsky geschrieben hat.

Sie befinden sich also mitten in einem intensiven Lernprozess.
Ainars Rubikis: Erst wenn man sich konkret mit den Partituren auseinandersetzt, kann man erfahren, was ein Komponist wollte. Mit Tschaikowsky zum Beispiel sollten wir vorsichtiger umgehen. Alles, was man bei ihm braucht, steht in den Noten. Wenn wir noch unsere Gedanken und Gefühle draufpacken, beginnt seine Musik, ein bisschen altmodisch, ein bisschen süßlich zu werden.

Sie haben nicht nur Tschaikowsky in Heidelberg dirigiert. Wo waren Sie noch?
Ainars Rubikis: Ich hatte ein sehr schönes Projekt mit Gidon Kremers Kremerata Baltica in Riga und in Lockenhaus. Mit diesem Kammerorchester habe ich bereits Ende Juni 2010 bei einem Festival in Sigulda zusammengearbeitet und wurde für meine Interpretation der Metamorphosen von Richard Strauss sogar für den lettischen Grand Prix nominiert. Dabei wollte ich das Stück gar nicht dirigieren! Schon als ich das erste Mal mit Gidon Kremer zusammentraf, hat er mir die Metamorphosen angeboten und ich lehnte dankend ab. Beim nächsten Mal sagte ich wieder, dass ich dafür noch nicht reif genug sei und die Musik auch nicht verstünde. Erst beim vierten Mal habe ich schließlich - mit dem Hinweis: Nur auf Ihre Verantwortung! - ja gesagt. Bei einem Kurzurlaub in Griechenland saß ich dann, weil es viel zu heiß war, in meinem Hotelzimmer, studierte die Partitur und fand plötzlich einen Zugang und vor allem viele Fragen.

Die meisten Dirigenten kommen aus dem Orchester, Sie kommen vom Gesang her. Was ist dadurch anders?
Ainars Rubikis: Was diese Kollegen mir voraus haben, ist oft das größere Repertoire, sind die praktischen Erfahrungen als Orchestermusiker und die bessere Kenntnis von Instrumenten. Das Thema meiner Abschlussarbeit im Studium war die Zusammenarbeit von Dirigenten und Komponisten in der zeitgenössischen Musik, ich habe also zwangsläufig jede Menge an einschlägigen Büchern und Briefwechseln gelesen. Und dabei ist mir ein Satz von Bruno Walter wichtig geworden, der sinngemäß sagte, dass man Musik zuerst mit seinem eigenen Instrument erfahren sollte - mit der eigenen Stimme. Das natürliche Instrument des Menschen ist seine Stimme - und nicht die Violine, nicht die Posaune, nicht die Trompete. Weil ich vom Gesang herkomme, von meinem natürlichen Instrument, kann ich vielleicht besser verstehen, wie in der Musik phrasiert wird. Jonathan Nott hat das übrigens sehr sinnfällig durchdekliniert - von jeder einzelnen Note innerhalb eines Taktes bis hin zur vollständigen Symphonie. Genau um das zu verstehen, singe ich die Noten.

Und dann?
Ainars Rubikis: Entstehen viele Fragen, entstehen unter anderem Bilder. Bei der Vorbereitung des jetzigen Konzerts versuchte ich zum Beispiel, mir den Gnom aus den "Bildern einer Ausstellung" genauer vorzustellen: Was bedeutet er, wie ist er zu charakterisieren? Und dann habe ich ihn mit einer gequetschten, ziehenden Stimme gesungen. Natürlich kann man ganz trocken zu einem Instrumentalisten sagen: Spielen Sie das bitte kürzer, länger, lauter, weicher und so weiter. Aber wenn man den Musikern bestimmte Eigenschaften vorgibt, schaffen sie es, eben nicht nur ein Forte zu spielen, sondern einen bestimmten Charakter zu spiegeln. Es gibt, um es anders zu sagen, für einen lauten Klang viele unterschiedliche Möglichkeiten. Da muss man manchmal wie ein Schauspieler sein.

Und wie ein Tänzer. Sie singen und erzählen nicht nur, Sie sprechen mit Gesten und ihrem Körper. Bis die Musiker, wie eben auf der Probe, mit ihnen regelrecht losfliegen.
Ainars Rubikis: Ein Freund hat mir erst vor ein paar Tagen gesagt, dass ich auf dem Podium um keinen Deut anders bin als im richtigen Leben. Und ich muss hinzufügen: Was ich mache, habe ich vielleicht in erster Linie in der Theaterkantine gelernt. Das mag seltsam klingen, ist aber wahr. Denn dort, in der Kantine, sieht man den Sängern und Schauspielern am besten an, was für Kämpfe sie ausfechten müssen über eine Idee, welche Konflikte sie haben, bis sie einen Kompromiss finden. Viele Bilder, die ich sehe, kommen von da her.

Was sehen Sie bei John Adams "Short Ride in a Fast Machine"?
Ainars Rubikis: Da ist natürlich der Name Programm. Türen zu und ab geht's! Der Grundgedanke ist schon da, man muss ihm bloß noch folgen. Was ich besonders gern mache, denn mein Vater hat meinem Bruder und mir seine Leidenschaft fürs Autofahren vererbt.

Und Haydns Militärsymphonie?
Ainars Rubikis: Vor Haydn habe ich mich lange gefürchtet! Erst durch Bamberg bin ich mit ihm warm geworden. Seitdem ich begriffen habe, dass Haydn für das Orchester und für den Dirigenten so etwas wie Medizin, wie eine Kur ist, seitdem ich weiß, dass es Quatsch ist, wenn man versucht, Beethoven, Haydn und Mozart auf erste, zweite und dritte Plätze zu verteilen, seitdem Haydn für mich mit Beethoven und Mozart auf Augenhöhe steht und nur anders ist, aber genauso gut, liegt er mir auch am Herzen - besonders mit seinen Scherzen.

Fehlen noch die "Bilder einer Ausstellung".
Ainars Rubikis: Vielleicht habe ich dieses Werk gewählt, weil ich irgendwie doch ein Kind geblieben bin und gerne noch an Märchen und an Wunder glaube. Wir Erwachsenen wollen eher ernst sein und ernst genommen werden. Heute, wo überall von Krise und Depression die Rede ist, wo alles dunkel, nur schwarz und weiß ist, wo viele ihren Glauben an Gott verloren haben, ist es umso wichtiger, wenigstens im Konzertsaal, in der Musik die Farben des Lebens aufblühen zu lassen. Es gibt so viele wunderbare Dinge, die wir Großen fast vergessen haben. Mit diesem Stück wird es einfach, das Kind in einem selber wieder rauszulassen. Dann kommt auch die eigene Phantasie plötzlich schneller in Gang. Und dann kann es passieren, dass die Baba-Jaga nicht aussieht wie eine alte Vettel mit Hexenbesen, sondern auf einem Motorrad sitzt.

Macht es einen Unterschied, wenn Sie ein Jugendkonzert spielen?
Ainars Rubikis: Grundsätzlich sage ich immer ja zu Konzerten für Kinder und Jungendliche, denn wir brauchen ein neues, jüngeres Publikum, wir brauchen neue Generationen an Besuchern. Manchmal sind solche Konzerte für mich sogar einfacher, denn ich kann in der gleichen Sprache sprechen wie die Leute im Saal. Das ist in der Oper oder in einem normalen Konzert schon anders. Vor einem überwiegend jungen Publikum, wenn man die gleiche Wellenlänge hat, kommt es viel schneller zu einem gegenseitigen Energieaustausch zwischen Musikern und Zuhörern.

Was ist Ihr Ideal bei einem Dirigenten?
Ainars Rubikis: Das ist schon deshalb so schwierig zu beantworten, weil es von mehreren Faktoren abhängt - zum Beispiel, um welche Musik es stilistisch geht. Und dann gibt es noch den Faktor Zeit. Ich bin zum Beispiel ein großer Anhänger von Leonard Bernstein, aber wenn ich seine Aufnahmen höre, sind sie eben nur für seine Zeit gut - und nicht für heute. Seitdem ich mich intensiv mit der Wiener Klassik auseinandersetze, mit Beethoven, Mozart und Haydn, ist mir aufgefallen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Orchester immer größer und gleichzeitig die Tempi immer langsamer geworden sind. Inzwischen gibt es aber eine Fülle von wissenschaftlichen Editionen und Urtexten, wo man genau ablesen kann, wie das ursprünglich gemeint war und hört eine Einspielung aus den 50er Jahren mit einem schrecklich langgezogenen Andante bestimmt mit einem anderen Ohr. Das Nachdenken geht immer weiter. Ich habe im Herbst erstmals Beethovens 9. Symphonie dirigiert, mit den Duisburger Philharmonikern. Als ich in Essen mit den Solisten probte, sangen sie zunächst so, wie es eben heute üblich ist. Ich forderte sie auf, nach dem zu suchen, was eigentlich im Text und in den Noten steht, nach den Gedanken, die dahinter stecken. Und wir merkten plötzlich, wie aktuell diese Symphonie auch heute noch ist. Wenn man auf der Straße geht, ist es doch ganz selten, dass man den Impuls bekommt, jemanden anzulächeln. Und nur einer von hundert wird vielleicht zurücklächeln. Genau hier fängt unsere Aufgabe an.

Haben Sie in Ihrer jungen Karriere schon nein gesagt?
Ainars Rubikis: Ja, in letzter Zeit gleich viermal. Entweder weil mir die Musik nicht gefiel oder weil ich zu kurzfristig einspringen sollte. Und einmal hat mir meine Agentur auch ganz einfach abgeraten. Natürlich kennt man sich dort in der Branche viel besser aus als ich, und man hat dort einen weiterreichenden Blick für meine Karriere, als ich ihn haben kann. Denn ich sehe in erster Linie auf die nächsten Monate, auf das nächste Jahr - und nicht weiter. Meine Agentur hat hingegen meine Zukunft im Auge. Ich habe inzwischen sogar gelernt, im meinem Privatleben nein zu sagen. Das macht vieles einfacher. Denn wann immer man schnell ja sagt, hat man garantiert das Denken dabei vergessen.


Konzerte und Karten
Zum Jugendkonzert (mit "Short Ride in a Fast Machine" von Adams und der Symphonie Nr. 100 von Joseph Haydn) heute um 17 Uhr gibt es noch Karten an der Tageskasse, beim Abonnementkonzert am Samstag um 20 Uhr (Einführung um 19.15 Uhr im Hegelsaal und mit den "Bildern einer Ausstellung" von Mussorgsky/Ravel als weiterem Programmpunkt) kann man nur noch auf Rückgaben hoffen.