Tann (Rhön)
Interview

In der Rhön verwurzelt: Ex-Fußballprofi Sebastian Kehl über Heimat, Glauben und den BVB

In Dortmund zum Nationalspieler gereift - in der Rhön zu Hause. Im Interview spricht er über Heimat, Fußball und seinen Glauben.
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Wo alles begann: Sebastian Kehl am Sportplatz des SV Lahrbach in der Rhön. Hier hat er als Knirps mit dem Fußballspielen angefangen.Foto: Anand Anders
Wo alles begann: Sebastian Kehl am Sportplatz des SV Lahrbach in der Rhön. Hier hat er als Knirps mit dem Fußballspielen angefangen.Foto: Anand Anders
Sebastian Kehl kommt direkt aus Dortmund. Es ist ein Freitagnachmittag. Ferienzeit. Dann war er auch noch in einen dicken Stau geraten, und jetzt muss er erst einmal durchatmen. Zur Ruhe kommen. Das geht für Sebastian Kehl kaum besser als bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen von Mutter Eva. "Komm, Junge", sagt Vater Dieter, "setz dich erst mal hin." Die Eltern sind Wirtsleute vom alten, vom charmanten Schlag.

Ihr "Landhaus Kehl", das aus einem Gasthof und einem Hotel besteht, hat vor kurzem erst Sebastians jüngerer Bruder Benjamin übernommen. Er hat auch noch einen älteren Bruder: Alexander. Hier in Lahrbach, einem Ortsteil von Tann in der hessischen Rhön, ist Sebastian Kehl zu Hause. In dieser Idylle unweit der Wasserkuppe wuchs der frühere Fußballnationalspieler auf, hier lernte er auch das Kicken - und viel fürs Leben. Vor zwei Jahren hat der ehemalige Kapitän von Borussia Dortmund seine aktive Profikarriere beendet. Jetzt nimmt der 37-Jährige sich Zeit für ein Gespräch über die Rhön, seinen Glauben und darüber, wie das ist: loszulassen.
Herr Kehl, was bedeutet Heimat für Sie?

Sebastian Kehl: Meine Eltern und meine Brüder waren und sind ein ganz wichtiger Teil in meinem Leben. Das Verhältnis ist sehr eng. Wir versuchen weiterhin die großen Feste wie Ostern oder Weihnachten auch trotz der unterschiedlichen Termine immer zusammen zu feiern. Ich fahre gerne in die Rhön und wenn ich in Dortmund sage, ich fahre nach Hause, dann meine ich Lahrbach. Aber natürlich ist Dortmund, die Stadt, in der wir seit 15 Jahren leben und in der unsere beiden Kinder geboren wurden, zu einer Art zweiten Heimat für uns geworden.

Spüren Sie das bei diesen Fahrten in die Rhön, spüren Sie, dass Sie heimkommen?

Es gibt diesen Moment, wenn ich von der Autobahn abfahre und die Straßen enger werden, die Landschaften vertrauter. Da spüre ich, es geht nach Hause. Autobahn ist austauschbar, aber Heimat ist einzig. Vieles hier ist wie früher. Der Sportplatz, die Bushaltestelle, das Garagentor, auf das wir immer gekickt haben. Alles ist sehr familiär hier und die Menschen sind sehr bodenständig. Das ist das, was ich von Grund auf in der Erziehung mitbekommen habe und was mich geprägt hat.

Was schätzen Sie an der Rhön?

Die Menschen. Die Vielfalt. Die Landschaft. Es ist hier wunderbar zum Radfahren, zum Wandern. Leider klingt das Image der Rhön immer noch etwas nach Seniorenausflug. Das stimmt aber längst nicht mehr.

Wie sah Ihre Kindheit aus?

Ich bin in unserem Familienhotel groß geworden. Mein Bruder führt den Betrieb nun schon in der fünften Generation. Es war nicht immer einfach, in der Gastronomie groß zu werden. Wir mussten mitarbeiten vom ersten Tag an. Ich weiß noch, wie ich Bierkästen gestapelt habe, um an den Zapfhahn zu kommen. Wir haben gelernt, dass wir als Familie sehr eng zusammenstehen müssen, wenn wir mit einem gastronomischen Betrieb Erfolg haben wollen.

Sebastian Kehl schlägt vor, dass wir das Gespräch am Sportplatz des SV Lahrbach fortsetzen. Er schwingt sich auf den Beifahrersitz und wir fahren hoch an den Ortsrand. Der Rasen des Fußballplatzes ist sattgrün und gepflegt und menschenleer. Kehl steigt aus, dann sagt er: "Tja, hier hat alles begonnen." Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er vom Opa immer ein paar Pfennige für jedes Tor bekommen hat. Über Stationen in Hannover und Freiburg kam Kehl im Januar 2002 zu Borussia Dortmund und wurde gleich im ersten Jahr deutscher Meister.

Und dann werden Sie das, wovon Millionen Jungs träumen: Fußballprofi. Sie spielen bei Borussia Dortmund und in der Nationalmannschaft. Sie werden dreimal deutscher Meister, Pokalsieger und Vize-Weltmeister, Sie spielen bei der WM im eigenen Land. Wie schwer war es, bei all den süßen Verlockungen, die das Profileben bietet, auf dem Boden zu bleiben?

Ich glaube fest daran, dass es mit der Erziehung und dem Charakter zu tun hat. Es gab auch in meinem Leben Phasen, in denen man es selbst nicht merkt, dass man sich - vielleicht auch aufgrund des Erfolges, des Geldes - ein Stück weit verändert. Aber ich habe hier zu Hause immer ein ehrliches Feedback bekommen. Von meiner Familie, aber auch von meinen Freunden, mit denen ich ebenfalls noch sehr eng verbunden bin. Wir treffen uns regelmäßig einmal im Jahr und spielen unter anderem "Schlag den Kehl". Das ist an die TV-Show von Stefan Raab angelehnt. Es ist ein Wochenende, an dem wir verschiedene Spiele und Wettbewerbe absolvieren und einen Gewinner ausspielen. Hauptsächlich aber geht es darum, viel Zeit miteinander zu verbringen. Die Jungs hätten es mir ins Gesicht gesagt, wenn ich mich dramatisch verändert hätte.

Die Familie hat bei Sebastian Kehl einen hohen Stellenwert, und wer im Rathaus von Tann anruft und fragt nach dem berühmtesten Sohn der Gemeinde, der fühlt sich bestätigt: "Ich will nicht über Sebastian alleine sprechen", sagt Wolfgang Schack, Erster Stadtrat, "denn ich kann ihn nicht von der Familie trennen. Die Kehls sind alle unheimlich nette und tolle Leute, innovativ und harte Arbeiter."

Woher rührt diese Bodenständigkeit?

Ich weiß, wo ich herkomme. Ein respektvoller Umgang, Wertschätzung für Menschen gegenüber, das war mir immer sehr wichtig. Und dieses Verhalten habe ich auch im Verein immer versucht zu leben, alle gleich zu behandeln, ob Zeugwart, Geschäftsstellenmitarbeiterin oder Geschäftsführer. Durch den elterlichen Betrieb habe ich einen offenen Kontakt mit Menschen gelernt. Das prägt. Diese Umgangsformen haben sich bei mir eingebrannt. Ich habe zudem hautnah erlebt, wie hart meine Eltern ihr Geld verdienen müssen. Und wir Kinder haben uns die ersten Pfennige fürs Flaschenschleppen erarbeitet und einen guten Umgang mit Geld gelernt. Geld spielt auch im Profifußball eine immer größere Rolle. Klar, auch ich habe dadurch profitiert. Aber meine Werte habe ich behalten. Darauf bin ich stolz und auch dankbar, dass meine Eltern mich so erzogen haben.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube dabei?

Ich gehe so häufig wie möglich in die Kirche und versuche, meine Kinder katholisch zu erziehen. Die Kirche hat mich geprägt: Ich war Messdiener, habe Messdienerfahrten miterlebt und alle katholischen Feste hier im Dorf gefeiert. Der Glaube gibt mir Halt - auch in schwierigen Phasen, auch wenn es Gott uns manchmal nicht leicht macht, seine Wege zu verstehen. Und ich wollte es gerade im Sport auch nie übertreiben. Vor einem Spiel für einen Sieg zu beten, und da ist vielleicht auf der anderen Seite auch jemand, der das tut?! Und dann?

Sebastian Kehl möchte noch zu einem seiner Lieblingsplätze in Lahrbach: "Komm, wir fahren zum Kugelbaum." Der Kugelbaum ist ein mächtiger, freistehender Bergahorn auf einer Anhöhe. Hier öffnet sich der Blick weit hinein ins hügelige Rhöner Land. Im Osten ist ein ehemaliger Grenzturm zu sehen. Die ehemalige deutsche Zonengrenze ist nicht weit, mit einem seiner weiten Pässe hätte sie Kehl erreicht. Er erinnert sich an die Grenzöffnung 1989 und daran, dass sein Vater noch einen alten Trabi in der Garage stehen hat. Kehl senior sei kein Autofreak, er finde, das sei eben ein Stück deutscher Geschichte. Es ist zu spüren, wie wohl sich Sebastian Kehl hier fühlt unter dem Dach der Äste.

Sie haben nach dem Karriereende alleine eine Weltreise gemacht. Muss man die Welt gesehen haben, um die Heimat zu schätzen?

Ein amerikanisches Sprichwort sagt: The grass is not always greener on the other side. Es gibt viele schöne Orte auf der Welt, und ich habe das Glück gehabt, einige davon bereisen zu können. Aber Heimat ist etwas anderes. Mir war es superwichtig, Distanz zu meiner aktiven Karriere herzustellen. Ich wollte reflektieren, mal innehalten, aber dann auch den Blick wieder nach vorne richten. Das gelingt nur, wenn Abstand da ist. Ich hatte viele wunderbare Erlebnisse auf dieser Weltreise, aber ich war auch froh, als es wieder zurückging. Das hatte mit Heimatgefühl zutun, aber auch mit Deutschland in seiner Gänze. Wir sollten hier dankbar dafür sein, wie gut es uns geht. Das wurde mir bewusst auf dieser Reise.

Sie waren alleine unterwegs. Bewusst?

Ja, ich wollte diese Einsamkeit.
Weil Sie als Mannschaftssportler ständig umgeben waren von Mitspielern, Betreuern, Fans?Ganz genau. Dieses Alleinsein war für mich am Anfang tatsächlich schwierig. Keinen mehr um sich rum und keinen Rhythmus zu haben, komplett selbstbestimmt zu sein. Danach habe ich mich gesehnt, aber es war auch ungewohnt. Es war eine ganz neue Erfahrung, für die ich dankbar bin. Nur so ist es mir gelungen, an ein paar Punkte tief in mir drin und weg von der oberflächlichen Ebene zu kommen. Es wurde mir bewusst, okay, jetzt ist das Leben zu Ende als Fußballprofi, Dinge werden sich definitiv ändern. So habe ich schnell den Blick nach vorne gerichtet, neue Ziele gesucht. Ich habe noch während meiner Reise ein Studium im Bereich Sportmanagement bei der UEFA angefangen, habe Trainerscheine gemacht, war beim DFB in der Akademie tätig und arbeite als Experte fürs ZDF. Es braucht Zeit, um das eine abzuhaken und sich auf etwas Neues einzulassen.

Den Dortmunder Saisonauftakt nach Ihrem Karriereende sollen Sie auf Hawaii verfolgt haben?

Ja, ich bin früh aufgestanden und habe das Spiel am Laptop gestreamt. Es war schon komisch, die Jungs vor der Südtribüne zu sehen. Da wusste ich, jetzt ist es wirklich vorbei. Damit musste ich erst mal klarkommen.

War das Loslassen schwierig?

Ja, absolut. Wenn man so lange als Fußballprofi gespielt, diesen Beruf geliebt und solche Erfolge gefeiert hat, dann fällt es nicht leicht aufzuhören. Dazu diese emotionale Ebene: Fast jedes Wochenende spielst du vor 80 000 Fans im Stadion. Die Anfeuerung, der Applaus, das ist eine Art von Wertschätzung, die du aufsaugst. Aber das Leben danach ist ein anderes. Das Flutlicht geht erst mal aus. Und dann habe ich dieses Studium bei der UEFA mit Auszeichnung abgeschlossen ...

Aber da hat keiner geklatscht?

(lacht)
Nein, so viele haben da nicht applaudiert. Es ist eine andere Art von Applaus, den man sich holt. Als Experte beim ZDF bekommt man auch Feedback, aber anders. Man muss lernen, damit umzugehen. Ich weiß, dass viele nach der Karriere Probleme haben, ihr eigenes Leben zu gestalten. Zum Glück war ich schon früh selbstständig und klar, bin mit 16, 17 Jahren von zu Hause weg und habe mich immer selbst um meine Angelegenheiten gekümmert. Deshalb ist es mir später nicht schwergefallen. Persönlichkeitsentwicklung ist ein großes Problem: Im Profifußball wird dir alles abgenommen, Weiterentwicklung findet in vielen Bereichen gar nicht mehr statt und dann stehst du plötzlich alleine da mit all den Fragen des Alltags. Es besteht ein großer Bedarf, die Spieler auf die Karriere vorzubereiten, aber auch definitiv darauf, was nach der Karriere auf sie zukommt.

Mir kommt die fast schon tragische Entwicklung bei Boris Becker in den Sinn.

Boris war auch eines meiner Idole. Die derzeitige Situation um ihn kann ich aber nur schwer einschätzen. Im Allgemeinen glaube ich, dass Individualsportler noch mehr Probleme nach der Karriere haben, weil das ganze Umfeld nur auf sie ausgerichtet ist. Sie sind von ihrer Persönlichkeit anders geprägt. Als Teamsportler bewegst du dich als Mannschaft, musst dich mehr an Regeln für die Gruppe halten, verfolgst übergeordnete Ziele. Man muss sich einfügen. Der Verein steht über allem, als Spieler ist man ein Teil, schreibt die Geschichte temporär mit, aber irgendwann ist man eben nicht mehr dabei. Das Trikot mit der Nummer 5 trägt jetzt auch ein anderer. Es geht einfach weiter.

Haben Sie das Gefühl, das Optimum aus Ihren sportlichen Möglichkeiten gemacht zu haben?

Ich bin super dankbar für drei Meistertitel, den DFB-Pokal-Sieg 2013, weitere Pokal-Endspiele, Champions-League-Finale, UEFA-Pokal-Finale. Bei der WM 2002 waren wir auch im Finale, es hätten also noch ein paar Titel dazukommen können. Und dann das Highlight, die WM im eigenen Land 2006. Ich hatte eine tolle Karriere, definitiv. Es gab natürlich auch ein paar kritische Momente nach Verletzungen. Durch die schwere Knieverletzung nach der WM 2006 habe ich leider den Sprung in die Nationalmannschaft nicht mehr geschafft. Ich hätte mir eine größere Reise auch vorstellen können und hatte auch Angebote aus dem Ausland - trotzdem würde ich die Erfahrungen bei Borussia Dortmund niemals eintauschen wollen. 2002 deutscher Meister zu werden, dann fast in die Insolvenz zu gehen und später als Kapitän das Double zu gewinnen, das ist schon eine tolle Geschichte.

Sind Sie auch nie mehr gewechselt, weil Sie eine Verantwortung gespürt haben im Klub?

Richtig. Gerade in schwierigen Zeiten wollte ich helfen, dass dieser Verein wieder auf die Beine kommt. Da traten ja richtig Ängste zutage. Was bedeutet das für Mitarbeiter, für Fans, wenn der Verein zugrunde geht? Wenn man sieht, wie viele Arbeitsplätze am Verein hängen, und etwas Empathie entwickelt, spürt man diese Verantwortung.

Viele Profisportler verpassen den Absprung. Auch Sie hätten 2015 noch weiterspielen können. Wie wichtig war es für Sie, das Ende selbst bestimmen zu können?

Ich wollte auf einem sehr hohen Niveau aufhören, noch richtig gebraucht werden und meinen Abschied selbst bestimmen. In meinen Augen ist das eine Kunst. Es gelingt nicht vielen, den richtigen Moment zu finden. Ich kenne einige, die wollen noch kicken, aber finden keinen Verein mehr. Meinen Abschied habe ich bewusst frühzeitig kommuniziert. Klar hat es wehgetan. Aber irgendwann kommt das Ende sowieso.

Nationalspieler, Weltklasse-Niveau. Ängstigt es Sie, dass Sie vielleicht nichts mehr so gut beherrschen werden wie das Fußballspiel?

Das zu akzeptieren, ist eine Herausforderung, absolut. Mit solchen Gedanken halte ich mich aber nicht lange auf. Ich habe Lust, etwas Neues zu machen und blicke nach vorn. Ich will mich entwickeln und habe Lust auf ganz viel Neues.

Das Interview führte Achim Muth
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