Berlin
Atombomben

Gestiegenes Risiko durch Atombomben: Die Gefahr liegt bei uns unter der Erde

Lange galten die Atombomben in Deutschland als Relikte des Kalten Krieges. Nun ist nukleare Abschreckung wieder aktueller denn je . Die Gründe im Überblick.
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Die Bomben in Büchel haben jeweils eine Sprengkraft von der Bombe in Hiroshima. Symbolfoto: Dana/dpa
Die Bomben in Büchel haben jeweils eine Sprengkraft von der Bombe in Hiroshima. Symbolfoto: Dana/dpa
Büchel besteht aus 442 Häusern, in denen 1154 Menschen leben, die 752 Autos fahren. Es gibt drei Gaststätten, eine freiwillige Feuerwehr, eine katholische Kirche und einmal im Jahr ist Kirmes. Der kleine, windige Ort in den Hügeln der Vulkaneifel ist auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere auch. Wäre da nicht etwas, das es nirgendwo sonst in Deutschland gibt: Rund 20 Atombomben. Die Bomben von Büchel heißen B61-4, sind 3,58 Meter lang, sehen aus wie kleine Raketen und haben eine Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen, jede für sich eine Sprengkraft der Bombe von Hiroshima.


Metallbunker mit Bomben nur einen Kilometer vom Dorfkern entfernt


Die Bücheler nennen die tödlichsten Waffen in ganz Deutschland nur spöttisch "die 20 Eier". Offiziell gibt es sie gar nicht. Jeder weiß aber, dass sie streng bewacht von einer US-Spezialeinheit in Metallbunkern auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr lagern, der nur einen Kilometer vom Dorfkern entfernt liegt. Niemand bezweifelt oder dementiert das.

Vom Ortsschild kann man die "Tornado"-Kampfjets, die im Ernstfall die Bomben abwerfen sollen, starten und landen sehen. Hören kann man sie überall in Büchel. Oft donnern sie zigmal am Tag in die Luft.

Die Atombomben gehören ungefähr so lange zu dem Dorf in Rheinland-Pfalz wie Willi Rademacher. Der parteilose Bürgermeister ist heute 62. Fast sein ganzes Leben hat er in Büchel verbracht. Neben den Bomben. Angst haben sie ihm nie gemacht. "Das ist hirnrissig, was hier für ein Thema um die 20 Eier gemacht wird", sagt der ehemalige Bundeswehrsoldat. Viel gefährlicher seien die Gewehre, die Granaten und Raketen, die nach Syrien oder in andere Krisenregionen geschickt würden. "Dort sterben jeden Tag Menschen. Da wird nicht drüber gesprochen. Über die Eier, die hier bisher sicher lagern, darum wird ein großer Aufstand gemacht. Das ist für mich nicht nachvollziehbar."


Flugplatz der Bundeswehr gilt als größter Arbeitgeber - wenig Proteste

So wie Willi Rademacher denken viele in Büchel. Der Flugplatz ist mit rund 2000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Region. Nervig ist allenfalls der Fluglärm, aber auch daran haben sich die Anwohner gewöhnt. "Wir regen uns da nicht sonderlich auf. Es gehört zum Geschäft Flugplatz hinzu", sagt Rademacher. Angst hat man in Büchel allenfalls davor, dass der Flugplatz dicht macht, wenn die Atombomben abgezogen werden.

Wenn man einen Gegner der Bomben finden will, muss man acht Kilometer weiter fahren, nach Leienkaul. Dorthin ist die Apothekerin Elke Koller 1985 aus Norddeutschland gezogen. Von ihrem Haus kann sie nachts die Lichter des dreieinhalb Kilometer entfernten Towers sehen. Lange Zeit hat die heute 74-Jährige nichts von den Bomben gewusst. Als 1995 ein "Spiegel"-Artikel darüber erschien, war sie geschockt - und begann, Proteste zu organisieren. Gegen die Beteiligung Deutschlands an nuklearen Abenteuern, für eine Welt ohne Atombomben, aber auch für die eigene Sicherheit.
1996 fand die erste Demonstration statt. Koller wurde angefeindet. "Das war am Anfang ganz extrem", sagt sie. In der Apotheke bekam sie hin und wieder von Kunden zu hören: "Von Ihnen lasse ich mich nicht bedienen, Sie wollen mir ja den Arbeitsplatz wegnehmen."
Es solidarisiert sich kaum jemand aus der Gegend offen mit ihr. "In der evangelischen Kirchengemeinde habe ich zwei, drei Mitstreiter, aber das war es dann auch", sagt sie. Die Demonstranten, die im Sommer fast täglich an dem Verkehrskreisel vor dem Stützpunkt protestieren, kommen von weiter her.


Tabuthema: Nukleare Waffen

Auf das Gelände zu kommen, ist für Journalisten nicht so einfach. Eine erste Anfrage lehnt die Luftwaffe mit Hinweis auf die Jamaika-Sondierungsgespräche in Berlin ab, in denen die nukleare Abschreckung ja Thema sei. Im "politischen Raum" - sprich im Ministerium - halte man einen Besuch deshalb für unpassend. Aber auch nach Abbruch der Sondierungsgespräche muss das dpa-Reporterteam draußen bleiben: Eine zweite Anfrage wird mit Hinweis auf einen "bevorstehenden Kontingentwechsel" beim Einsatz der "Tornados" in Jordanien abgelehnt. "Das wird definitiv in diesem Jahr nichts mehr", werden wir in einer Mail vertröstet.

Selbst wenn man auf das Gelände kommt, ist ein Thema von vorneherein tabu: Die "nukleare Teilhabe" Deutschlands. Der abstrakte Begriff aus dem Nato-Vokabular steht dafür, dass Deutschland sich seit 60 Jahren aktiv am atomaren Schutzschirm des Bündnisses in Europa beteiligt. Weitere US-Atombomben sind in Italien, Belgien, den Niederlanden und der Türkei stationiert. Die deutsche Teilhabe besteht darin, dass nach einem Einsatzbefehl des US-Präsidenten und Bestätigung der Nato-Zentrale die "Tornados" die Bomben einklinken und über dem Ziel abwerfen.


Gefahr für eines Atomkrieges so hoch wie seit Kaltem Krieg nicht mehr

Lange Zeit galten die Bomben als Relikte des Kalten Krieges, die eigentlich nicht mehr gebraucht werden. In den 80er Jahren waren noch 7000 der weltweit 70 000 Atomwaffen in beiden Teilen Deutschlands stationiert. Heute sind nur noch die in Büchel übrig.
Seit ein paar Jahren erlebt die nukleare Abschreckung aber wieder eine Renaissance. Die Gefahr eines Atomkriegs wird von Experten so hoch eingeschätzt wie seit den Hochzeiten des Kalten Krieges nicht mehr.

Vier Gründe für die gewachsene Gefahr:

- Nordkorea treibt sein Atom-Programm unbeeindruckt von internationalem Druck und massiven Drohungen aus den USA voran. In diesem Jahr summieren sich die Raketentests auf 19 und die Atomtest auf sechs.

- Das Atomabkommen mit dem Iran wankt. 13 Jahre verhandelten die fünf Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Deutschland mit Teheran, um eine iranische Atombombe zu verhindern. Jetzt stellt US-Präsident Trump die historische Vereinbarung von 2015 in Frage. Hält sie, könnte sie ein Vorbild für Nordkorea sein. Zerbricht sie, könnte das eine Kettenreaktion der nuklearen Aufrüstung auslösen. Dann könnte auch Saudi-Arabien bald die Atomwaffen haben.

- Im Zuge der Ukraine-Krise sind die Spannungen zwischen Russland und der Nato massiv gewachsen. Öffentlich wahrgenommen werden vor allem die konventionelle Aufrüstung, zusätzliche Manöver und Truppenstationierungen. Aber auch im nuklearen Bereich tut sich einiges. Die USA und Russland werfen sich gegenseitig vor, gegen das Verbot landgestützter Mittelstreckenraketen zu verstoßen, das am 8. Dezember 30 Jahre alt wird. Es gilt als Startsignal für die nukleare Abrüstung. Platzt es, könnte das eine neue Aufrüstungsspirale in Gang setzen.

- Alle Atommächte investieren in die Modernisierung ihrer Waffen. Alleine die Ausgaben der USA dafür werden für die nächsten zehn Jahre auf 400 Milliarden US-Dollar (336 Milliarden Euro) geschätzt.
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