Sich mit Gruftis zu verabreden, ist gar nicht so leicht. Mit Reportern reden, da sind sie zurückhaltend. Und abends treffen, wenn es noch hell ist - schwierig. Aber so seltsam sind die gar nicht. Nur schwarz. Und selbst das ist irgendwie nur äußerlich. Mit ihren schwarzen Klamotten, Reifröcken, auftoupierten Haaren und dicht geschminkten Gesichtern.

So gehen sie zum wöchentlichen Tanz in Zapfendorf. Mitten in dem Dorf bei Bamberg, direkt an der Hauptstraße, liegt seit Ende der 1990er Jahre einer ihrer fränkischen Szenetreffs. Schwarze Räume, der rote Stoff der Bänke ist abgesessen, kaltes Büfett, Apfelschorle 2,30 Euro, dazu Grablichter auf den Tischen. "Ist in bei uns", sagt Hexie (27) und lacht unter ihrer Generalsmütze. Bis vor vier Uhr morgens wummert die Musik aus dem Dunkel mitten in die dörfliche Sonntagsruhe. Drinnen so was Ähnliches wie Tanz. Eine Art Stehblues mit - je nach Rhythmus - leichtem bis heftigem Wehen von Oberkörper und Armen. Manchmal völliger Stillstand. Als ob die Tänzer im Stehen schweben, durch unsichtbare Wattebäusche gebremst. Oder geschützt?

"Jeder hat hier seinen Grund, von der Welt Abstand zu nehmen", sagt Daniel Koziol (31). Und welcher ist seiner? Der Ingenieur ist seit seiner Jugend in der schwarzen Szene. Er kommt aus Coburg, wohnt in Sulzbach-Rosenberg und arbeitet in Nürnberg. Wenn er durch Nürnberg geht, weichen sie ihm aus. Fast jeder schaut. Schwarzer Hut, schwarzes Hemd, schwarze Hose, langer schwarzer Mantel, lange Haare, langsamer Gang. Wie in Watte. Die Kindheit war nicht einfach, die Muskeldystrophie macht sein Leben nicht einfacher. Acht Operationen, Beinschienen. Daniel erzählt wie jemand, der nicht zu jammern braucht, weil er das hinter sich hat. Und jetzt auf einer sicheren Seite ist.

Und dort tanzt er, auch wenn er es büßen muss. Die Muskeln zittern. Ein Bier würde helfen, den Kreislauf puschen. Aber seine "Herzensdame" trinkt keinen Alkohol. Also bleibt er bei Apfelschorle. Das gehört sich so. So will es die Wattebausch-Etikette. Man grüßt sich höflich, entschuldigt sich. Keine Rempler, keine Pöbler, keine Volltrunkenen, keine plumpe Anmache. Auch wenn die Frauen "kess angezogen" (Daniel) sind.

Ulrich Herwig (42), der Betreiber des schwarzen Tanzschuppens, weiß das zu schätzen. Sicherheitspersonal wie bei anderen Discotheken "brauch' ich nicht". Ein paar hundert Schwarze zählt er zu seinem Kundenkreis.
Selbst auf ihrem größten Familientreffen, dem Wave-Gothic-Treffen in Leipzig mit mehr als 20.000 Gruftis, gibt es keine Vorfälle. Das gefällt auch Harald aus Bad Berneck. Schwarz die Hose, die Schuhe, die Weste, rot das Hemd. Mit seinen 43 Jahren ist der drahtige Zahntechniker nicht der Älteste in Zapfendorf. Es ist die Art, "wie die Leute miteinander umgehen", sagt er. Seit Jahren zieht es ihn deshalb in die Szene. Ein Späteinsteiger. Die Damen dürfen Prinzessinnen sein, die Kerle spielen die edlen Ritter, sagt der Kulturwissenschaftler Alexander Nym (36), selbst seit 20 Jahren ein Schwarzer. "So etwas wie Anstand zählt." Aber auch wenn es altmodisch klingt, vielleicht ist es einfach nur romantisch. Oder weltabgewandt?

"Nein, gar nicht", sagt Susanne Kuhles und lacht sich - wie passend unpassend das in der schwarzen Szenerie klingt -, sie lacht sich tot. 40 Jahre alt, Lehrerin in Würzburg, voll sprühender Energie, nix von Wattebausch. Auch wenn ihr Kleiderschrank nur die Auswahl zwischen "Schwarz, Schwarz oder Schwarz" lässt. Sie ist mit dieser Farbe erwachsen geworden und steht dazu. "Man ist doch gefestigt." Ihren Unterricht hält sie in Schwarz.

An die Blicke in der Stadt hat sie sich gewöhnt. Manchmal genießt sie es. Ansonsten: "Wir leben ein ganz normales Leben." Mit ihrem Partner Hans Hofmann (38), Ingenieur, lange Haare, der geht auch in Schwarz zur Arbeit. "Warum nicht?" Die Wohnung der beiden ist so wenig aufregend wie die der allermeisten. Drei Zimmer in einem Würzburger Wohnblock. Küche, Wohnzimmer mit Couch, Arbeitszimmer. Schön sauber alles, aufgeräumt. Und alles gestrichen in - hellen Farben. "Nein, wir schlafen nicht in Särgen", sagt Susanne. Und sie lacht sich wieder tot. Aber "das Schwarze" müsse schon sein. Und es ist nicht nur eine Frage der Erscheinung.

"Wir lehnen alles ab, was Mainstream ist", sagt Daniel. Sagt auch Susanne. Und ihr Partner Hans. Und der Kulturwissenschaftler. Und viele andere. Daniel würde nie auf den Fußballplatz gehen. Nie Radiosender wie Bayern3 hören. Nie dahin gehen, wo viele Menschen sind. Er sucht die Wattebäusche, die Ruhe. Wenn es sein muss, auch auf Friedhöfen. Aber es ist nicht die Suche nach einer heilen Welt, denn Tod und Vergänglichkeit ist doch in unserer Musik, sagt Julian, der große 20-jährige Pharmazie-Student aus Erlangen. "Wir lehnen nur die schlechten Sachen der Draußenwelt ab." Welche? "Die Oberflächlichkeit und die Intoleranz."

Vielleicht ist es gerade die schwarze Toleranz oder die gesellschaftskritische Grundhaltung, die die Szene so offen macht für viele Strömungen. Für viele Strömungen, die eben der kritisierten Gesellschaft den Zerrspiegel vorhalten. Als Kampfansage. Als Ablehnung der politisch korrekten Haltung. Als Ausrufezeichen, das "ich bin nicht brav" heißt. Oder einfach als Überbleibsel. Eines radikalen Wunsches nach Individualismus, der von den Punks übriggeblieben ist.

"Wir müssen alle immer wieder raus"


Aus dem Punk ist die schwarze Szene - vereinfacht gesagt - hervorgegangen. "Unter dem bunten schwarzen Schirm", sagt der Kulturwissenschaftler, sind viele Gruppierungen. "Subszene in der Subkultur", heißt das im Soziologensprech. Dark Wave, Neofolk, Industrial, Mittelalterleute, Metal, Elektro - das meiste benannt nach der Musik, die sie hören. Aber auch die Sado-Maso-Szene zählt dazu. Und Leute in Uniformen. Und seit neuestem der Cyber Goth: Leute, die mit Knicklichtern in den Haaren einlaufen oder Gasmasken tragen. Auch die japanische Comic-Kultur hält Einzug: Patrick kommt in einer Manga-Aufmachung: Der 20-jährige Chemie-Student aus Nürnberg trägt ein weißes enges Hemd, japanischer schmaler Schnitt und einen schwarzen Mundschutz. In den langen schwarzen Haaren hinten ein Zopf. Und heute Abend will er "einfach nur tanzen". Er selbst nennt sich "androgyn". Er zählt zu den Jüngeren. Wenn er lacht, dann lacht er. Und er lacht viel und laut. Bei den Schwarzen fühlt er sich - in Watte? Zuhause und angenommen. Seit Jahren. "Schon immer."

Draußen in der Welt, zurück am Nürnberger Bahnhof, wirkt er in seinem Manga-Auftritt, sagen wir, angreifbar. Und Daniel schauen sie wieder groß an. Zapfendorf, das "ist eine total andre Welt, total", hatte er gesagt. Das Problem: "Wir müssen alle immer wieder raus."