Augsburg
Geisterfahrer

Meine Begegnung mit dem Geisterfahrer - Erfahrungsbericht über einen tödlichen Unfall

Es ist der Albtraum jedes Fahrers, wenn einem auf der eigenen Spur ein Fahrzeug entgegenkommt. Unserem Autor ist das passiert, drei Menschen starben.
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Bei diesem Geisterfahrer-Unfall im Jahr 2000 starben auf der A8 Höhe Augsburg drei Menschen. Kurz zuvor war unser Autor Josef Karg dem Falschfahrer begegnet. Foto: Alexander Kaya
Bei diesem Geisterfahrer-Unfall im Jahr 2000 starben auf der A8 Höhe Augsburg drei Menschen. Kurz zuvor war unser Autor Josef Karg dem Falschfahrer begegnet. Foto: Alexander Kaya
Begonnen hat die Geschichte damit, dass es an diesem Abend später geworden war als an Wochentagen üblich. Es hatte keinen besonderen Grund. Einfach aus Augsburg ein Trip nach München, essen gehen, zurück nach Hause, so wie wir uns das öfters gegönnt haben in der Zeit, als wir noch keine Kinder hatten. Es war der 22. März, eine trockene, bewölkte Nacht vor knapp 18 Jahren. Viel Verkehr gab es nicht auf der A 8. Wir waren fast daheim. Nichts deutete auf das hin, was uns gleich den Atem rauben sollte.

Am Horizont näherten sich zwei Scheinwerfer. Befremdlich war das nicht, warum auch? Wir plauderten gut gelaunt über unsere Urlaubspläne. Plötzlich wurde uns klar, dass die zwei Scheinwerfer nicht auf der anderen Seite unterwegs waren, sondern uns auf der damals noch zweispurigen Autobahn geradewegs entgegenkamen. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, als schon ein Wagen auf der linken Spur haarscharf an uns vorüber schoss.


Wie vom Autopiloten gesteuert

Dann war es totenstill. Wir schrien nicht auf vor Angst, wir gerieten nicht in Panik. Da war nur Leere im Kopf und ein seltsames Pulsieren. Ich nahm sofort den Fuß vom Gas. Unser Fahrzeug rollte wie vom Autopiloten gesteuert auf die Ausfahrt Augsburg-Ost zu und dort irgendwo hin, wo man schnellstmöglich halten konnte. Ich weiß noch, wie der Motor tuckerte, meine Knie schlotterten und das Herz wie verrückt schlug. Niemand sagte etwas. Langsam formte sich ein Gedanke: "Überlebt!" Meine Partnerin sah mich an. "Was war das?", fragte sie, obwohl sie genau wusste, was da eben passiert oder besser gesagt glücklicherweise nicht passiert war. Das Wort Geisterfahrer nahm niemand in den Mund.

Im Schleichgang fuhren wir nach Hause - als könne man damit das Risiko eines Unfalls verringern. Wir waren wie paralysiert. Die Erinnerungen an die Nacht danach sind wie ausgelöscht. Hatten wir Albträume? Panikreaktionen? Ich kann es nicht mehr sagen. Dieser Teil der Geschichte ist für immer im Unterbewusstsein verschwunden. Ich habe mich in den Jahren danach immer wieder mit dem Thema Geisterfahrer beschäftigt und dabei gelernt, dass eine solche Reaktion, ein solches Verhalten nicht verwunderlich ist. Schließlich ist die Begegnung mit einem Geisterfahrer eines der schlimmsten Schreckensszenarien, die auf der Straße möglich sind. Oft endet so etwas tödlich. Wir hatten Glück.


Kein Massenphänomen

Tote und Verletzte durch Geisterfahrer sind kein Massenphänomen auf deutschen Straßen. Analysiert man die Statistik der Verkehrsunfälle, stellt man fest, dass im Jahr etwa 3000 Falschfahrer im Rundfunk gemeldet werden. 2200 Warnmeldungen betreffen Autobahnen. Etwa 20 Personen kommen infolge von Falschfahrten auf Autobahnen ums Leben, heißt es beim Autoclub ADAC. Nicht viel, gemessen an der Gesamtzahl der Unfalltoten.

Und doch ist es eine bedenklich hohe Zahl. Sie bedeutet: Im Schnitt achtmal am Tag sind auf deutschen Straßen Geisterfahrer unterwegs. Lassen sich solche Fahrten verhindern? Experten sind sich uneins. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die schon getestet wurden, doch ein richtig probates Mittel wurde bislang nicht gefunden.


Auffällige Warnschilder

In Österreich etwa versuchte man es mit auffälligen Warnschildern und hatte nach Ansicht des Verkehrsministeriums auch Erfolg. Die Zahl der Falschfahrer sank dem Vernehmen nach. In Bayern fiel ein ähnliches Pilotprojekt nicht zur Zufriedenheit des Ministers und der zuständigen Behörden aus. "Wer aus Unachtsamkeit die falsche Abzweigung nimmt oder gerade eine SMS schreibt, ist von einem Schild nicht aufzuhalten", sagt Ralf Roos vom Institut für Straßenwesen.

Der Geisterfahrer, dem wir vor 18 Jahren begegneten, fand ein tragisches Ende. Und nicht nur er. Davon erfuhren wir aber erst am übernächsten Tag aus der Zeitung. Dort war zu lesen: "Geisterfahrt auf der A 8: drei Tote, zwei Verletzte." Ein 72-jähriger Rentner war frontal in ein entgegenkommendes Auto gerast. Wir wussten sofort: Es muss sich um eines der Fahrzeuge gehandelt haben, die kurz hinter uns kamen. Wie viel Glück hatten wir gehabt! Der Unfallverursacher, den es aus seinem Auto geschleudert hatte, und seine 78-jährige Frau starben noch vor Ort. Ein 25-Jähriger starb später in einem Münchner Krankenhaus.


Elektronische Warnsysteme

Wie hätte diese Fahrt verhindert werden können? Verkehrsexperte Roos sagt, eine echte Hilfe gegen Geisterfahrten werde es wohl erst mittel- bis langfristig geben, und zwar mit der Einführung von elektronischen Warnsystemen und des autonomen Fahrens. Zwar werde schon heute an Systemen geforscht, die den Fahrer auf seinen Fehler aufmerksam machen. Auch könne das satellitengestützte GPS-System schon erkennen, ob ein Auto in verkehrter Richtung auf eine Autobahn oder in eine Einbahnstraße fährt. Doch systematisch eingesetzt wird dies alles noch nicht. "Ziel muss es sein, dass auch die anderen Verkehrsteilnehmer gewarnt werden und sich in Sicherheit bringen können", fordert Roos.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat bei Falschfahrten drei Unfall-Fahrertypen ausgemacht. Da sind diejenigen, die aufgrund von Überlastung wie Müdigkeit, Stress, Ablenkung oder Wut versehentlich falsch auf die Autobahn fahren. Solche Situationen entstünden oft an Baustellen, Raststätten, Auffahrten und Fahrbahnteilungen, heißt es. Dann gibt es Fahrer, die aufgrund von Medikamenteneinfluss oder fehlenden Arzneimitteln, aufgrund von Drogen oder Alkohol bei komplexeren Fahraufgaben versagen. Die dritte Gruppe schließlich sind Autofahrer, die absichtlich auf die Gegenfahrbahn steuern - etwa weil sie den eigenen Tod suchen. Sie sind allerdings in der Minderzahl.


Extremes Glück gehabt

Unsere gemeinsame Begegnung mit dem Geisterfahrer liegt nun viele Jahre zurück. Ab und zu nagt die Erinnerung noch an mir. Wenn ich eine Unfallmeldung über Geisterfahrer in der Zeitung lese, rührt sich die Erinnerung. Wir hatten extremes Glück. Oft fahre ich nachts etwas zügiger, meist auf der Überholspur. In diesem Fall hatte ich mich ohne nachvollziehbaren Grund auf der rechten Spur gehalten. Zufall? Schicksal? Schutzengel? Wer weiß das schon? Josef Karg mit ANF
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