U-Haft

Zugunglück: Fahrdienstleiter hat auf Handy gespielt - Weiteres Todesopfer

Der beschuldigte Fahrdienstleiter sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Der Mann soll sich zum Unfallzeitpunkt mit einem Computerspiel beschäftigt haben.
Zwei Monate nach dem Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten sitzt der beschuldigte Fahrdienstleiter in Untersuchungshaft. Foto: Peter Kneffel/dpa
 
von DPA
Überraschende Wende bei den Ermittlungen zum Zugunglück von Bad Aibling mit zwölf Toten: Der beschuldigte Fahrdienstleiter hat unmittelbar vor der Katastrophe entgegen den Vorschriften auf seinem Handy Computerspiele gespielt. Das hat die Staatsanwaltschaft zwei Monate nach dem Zusammenstoß der beiden Züge herausgefunden. Der 39-Jährige sitzt deshalb seit Dienstag wegen fahrlässiger Tötung in Untersuchungshaft, wie die Staatsanwaltschaft Traunstein mitteilte. Sie hält dem Bahnbediensteten eine schwere Pflichtverletzung vor.


Weiteres Opfer am Mittwoch verstorben

Bei dem Zusammenstoß zweier Nahverkehrszüge auf der Strecke von Holzkirchen nach Rosenheim waren am 9. Februar zwölf Männer ums Leben gekommen. 85 Insassen wurden teils lebensgefährlich verletzt.
Am Mittwoch teilte die Polizei mit, dass zwei Monate nach dem Unglück ein weiteres Opfer gestorben ist. Der 46-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim erlag am Mittwoch in einem Münchner Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Die Ermittler sehen eine direkte Verbindung zwischen den Computerspielen des Fahrdienstleiters und der Ursache des Zusammenstoßes. "Es muss aufgrund des engen zeitlichen Zusammenhangs davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte dadurch von der Regelung des Kreuzungsverkehrs der Züge abgelenkt war", teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der 39-Jährige spielte den Ermittlungen zufolge über einen längeren Zeitraum bis kurz vor der Kollision der Züge aktiv auf seinem Mobiltelefon.

"Daraus ergibt sich die Frage, ob der Fahrdienstleiter durch dieses Computerspielen längere Zeit abgelenkt war, jedenfalls nicht seine volle Aufmerksamkeit dem eigentlichen Fahrdienst-Geschäft gewidmet hat", sagte Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstagabend im Bayerischen Fernsehen. Nun gelte es, weiter sorgfältig zu ermitteln. Herrmann betonte, es sei für ihn "zunächst wichtig gewesen, dass klar im Raum steht, es gibt keine technischen Defizite an den beteiligten Zügen, es gibt keine technischen Defizite an der Ausstattung entlang der Strecke". Dies sei für die Fahrgäste, die dort täglich unterwegs seien, "sehr wichtig".


Fahrdienstleiter hat gestanden

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Fahrdienstleiter abgelenkt von den Computerspielen den Zügen falsche Signale gegeben und auch bei den folgenden Notrufen am Funkgerät die falsche Tastenkombination gedrückt habe. Bei seiner Festnahme habe der Mann gestanden, am Handy gespielt zu haben, teilte der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese mit. "Er bestritt aber, hierdurch abgelenkt worden zu sein." Zum Vorwurf der fahrlässigen Tötung kommen noch fahrlässige Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr hinzu.

Die Ermittler legen dem Fahrdienstleiter nun nicht lediglich ein augenblickliches Versagen zur Last, "sondern eine erheblich schwerer ins Gewicht fallende Pflichtverletzung". Trotz der neuen Erkenntnisse gehen die Ermittlungen zur Unglücksursache unvermindert weiter. "Bis heute haben sich aber keine Hinweise auf technische Störungen ergeben, die Ursache oder Mitursache der Katastrophe sein könnten", teilte die Staatsanwaltschaft ergänzend mit.



Was ist die Aufgabe eines Fahrdienstleiters?

Bei der Deutschen Bahn arbeiten mehr als 13 000 Fahrdienstleiter, die täglich mehr als 40 000 Züge quer durch Deutschland steuern. Auf dem 34 000 Kilometer umfassenden Schienennetz werden dafür rund 3000 Stellwerke genutzt, wo die Stellwerker Signale und Weichen per Hebel, Tasten oder Mausklick kontrollieren.

Grob gesagt gibt es vier Arten von Stellwerken. Für die Unglückstrecke bei Bad Aibling ist ein sogenanntes Relaisstellwerk zuständig, wo die Gleispläne der Bahnhöfe und der angrenzenden Streckenabschnitte schematisch auf Stelltischen abgebildet sind. Die Gleise werden überwiegend automatisch frei gemeldet, der Fahrdienstleiter kann aber manuell eingreifen.

Die Ausbildung zum Fahrdienstleiter dauert in der Regel drei Jahre, kann aber je nach Qualifikation auf zwei Jahre verkürzt werden. Das Brutto-Jahres-Einstiegsgehalt liegt bei 31 500 Euro und kann je nach Berufsjahren, Komplexität des Arbeitsplatzes sowie Zulagen etwa für Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit auf 47 000 Euro steigen. Die Arbeitsbelastung eines Stellwerkers gilt als groß.

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