Zugunglück Bad Aibling

Zugunglück Bad Aibling: Drückte der Fahrdienstleiter die falsche Notruftaste?

Hätte eines der schwersten Bahnunglücke der Bundesrepublik verhindert werden können, wenn der Notruf richtig betätigt worden wäre?
Rettungskräfte stehen am 09.02.2016 an der Unfallstelle eines Zugunglücks in der Nähe von Bad Aibling (Bayern). Foto: Peter Kneffel/dpa
 
von DPA
Es war schnell klar: Das Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten und Dutzenden Verletzten geht auf Fehler eines Einzelnen zurück. Die Ermittler sprachen von einem "furchtbaren Einzelversagen". Der örtliche Fahrdienstleiter schickte einen Zug falsch los. Und drückte dann noch die falsche Notruftaste, wie die "Bild"-Zeitung am Dienstag schreibt. Auf der einen Taste, so die Zeitung unter Berufung auf einen anderen Fahrdienstleiter, steht "ZF" für Zugführer. Auf der anderen daneben "Str" für Strecke. In der Hektik womöglich zu leicht zu verwechseln?

Weder die Deutsche Bahn AG Bayern noch die Staatsanwaltschaft Traunstein wollen sich konkret dazu äußern - und verweisen auf die laufenden Ermittlungen. Die Anklagebehörde teilt aber mit, die Ermittler hätten der Bahn am 22. März eine Information zukommen lassen: "über eine Fehlerquelle bei der Abwicklung des Funkverkehrs bei Notrufen der Fahrdienstleiter im Rahmen einer Warnmeldung zur Vermeidung folgenschwerer Fehler bei der Bedienung der Funkgeräte." Und weiter: "Eine solche Fehlbedienung ist Gegenstand der Ermittlungen und der Begutachtung durch den Sachverständigen."

Schon eine Woche nach dem Unglück hatte der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese erläutert, der Fahrdienstleiter habe Notrufe an beide Lokführer abgegeben - "aber das ging ins Leere". Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte nun der "Bild"-Zeitung, der Mann habe versehentlich zuerst andere Fahrdienstleiter alarmiert. Erst dann schickte er einen zweiten Funkspruch an die Lokführer. "Diesmal drückte er die richtige Taste, aber da war es schon zu spät."

Sieben Wochen nach dem Unglück. Wie mag es dem 39 Jahre alten Fahrdienstleiter gehen? Er wird weiter von der Öffentlichkeit abgeschirmt. "Es ist richtig, dass sich der Mann zurückgezogen hat", sagt der Leiter der Sektion Psychotraumatologie am Münchner Klinikum Rechts der Isar, Martin Sack. "Er braucht jetzt Menschen an seiner Seite." Familie, Freunde. Zum Verarbeitungsprozess gehöre, "dass man sich bewusst wird über das Ausmaß, was das für andere bedeutet - und dass das dennoch nicht heißt, ein schlechter Mensch zu sein".

Menschen, die etwa einen tödlichen Autounfall verschuldet haben, oder eine Frau, die im Affekt ihr Kind totgeschüttelt hatte, zählen zu Sacks Patienten. "Damit eine Bewältigung überhaupt möglich wird, muss man sich von dem Geschehenen berühren lassen." Oft seien Betroffene froh über eine Gerichtsverhandlung - und sogar über einen Schuldspruch. Im Nachhinein sagten manche: "Es war wichtig, dass das Gericht das objektiv festgestellt hat und ich diese Strafe verbüßt habe." Damit sei ein Teil der Schuld abgetragen. "Was nicht heißt, dass es keine Schuldgefühle mehr gibt."

Sack glaubt nicht, dass der Mann, der fast 20 Jahre Berufserfahrung hatte, seine Arbeit wieder aufnehmen kann. "Ich gehe davon aus, dass das überhaupt nicht mehr möglich ist." Die Angst, dass etwas Ähnliches wieder passieren könnte, sei in solchen Fällen zu groß.

Die Bad Aiblinger bringen dem Mann Mitgefühl entgegen. "Er hat innerhalb von Bruchteilen von Sekunden falsch gehandelt. Sein Leben ist auch zerstört - und das seiner Familie", sagt Bürgermeister Felix Schwaller (CSU). "Er macht sich garantiert riesige Vorwürfe."

Es könne Jahre dauern, bis jemand nach einem solch folgenschweren Fehler wieder ins Leben zurückfinde, sagt der Traumaexperte Sack. Aber auch die Helfer, die am Rande ihrer psychischen und physischen Kräfte schufteten und Schwerverletzte unter Toten hervorzogen, leiden noch unter den Bildern. "Die Helfer haben noch zu kämpfen, sie stehen teils noch unter psychologischer Betreuung", sagt Schwaller. Ein Fest für die Helfer am 16. April wurde abgesagt - für eine solche Zusammenkunft haben viele noch gar keine Kraft.

Von Sabine Dobel, dpa

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