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Nürnbergs Weststadt vor Neuanfang

Einst hatten hier Zehntausende ihren Arbeitsplatz - dann stürzte eine Firmenpleite nach der anderen Nürnbergs Weststadt in die Krise. Besonders das Aus von Quelle traf den Stadtteil hart. Inzwischen beginnen die Wunden des Strukturwandels allmählich zu vernarben.
Der Quelle-Turm steht am 17.08.2012 neben dem ehemaligen Quelle-Versandzentrums in Nürnberg (Mittelfranken) vor blauem Himmel. Einst hatten hier Zehntausende ihren Arbeitsplatz - dann stürzte eine Firmenpleite nach der anderen Nürnbergs Weststadt in die Krise. Besonders das Aus von Quelle traf den Stadtteil hart. Foto: David Ebener dpa
 

Noch bis in die 1970er Jahre war es Nürnbergs Boom-Meile - glanzvolle Namen der Wirtschaftswunder-Ära prangten an Kontor- und Fabrikfassaden beiderseits der Fürther Straße. Dann ging es mit Nürnbergs Westen bergab: In den 80er Jahren machte erst das traditionsreiche Triumph-Adler-Werk dicht, im nahen Fürth bald darauf Grundig. 2006 folgte das AEG-Hausgerätewerk, drei Jahre später das Versandhaus Quelle. Der wirtschaftliche Strukturwandel traf die frühere Industriemetropole Nürnberg mit voller Wucht - vor allem aber den Nürnberger Westen.

Zurück blieben ausgeräumte Werkshallen, leere Büros und triste Großparkplätze und das Gefühl, in einem Stadtteil ohne Zukunft zu leben. Selbst nach Jahren entstellen noch immer Narben die 411 Hektar große Weststadt, die sich zwischen Altstadt und Fürther Stadtgrenze erstreckt - eingezwängt zwischen idyllischer Pegnitz im Norden und dem tosenden Dauerlärm einer Stadtautobahn im Süden.

Inzwischen macht sich in dem Quartier allerdings Aufbruchstimmung breit. Für die sorgen vor allem Siegfried Dengler und sein Kollege Peter Fassbender vom Nürnberger Stadtplanungsamt. Die Planer sehen zwar die schwierige Lage der rund 33 000 Bewohner des Quartiers. Immerhin gingen mit dem Niedergang der traditionsreichen Firmen mehrere zehntausend Arbeitsplätze verloren.

Für Dengler stellen die riesigen Industriebrachen aber auch eine Chance dar. Der Niedergang der Traditionsfirmen eröffneten die einmalige Möglichkeit, aus Nürnbergs eng bebautem, tristem Hinterhof einen lebenswerten Stadtteil mit Schulen, attraktiven Wohnungen, Boulevards, Kinder- und Jugendhäusern, neuen Jobs und viel Grün zu machen. "Der Westen hat viel Potenzial: Seine Gründerzeit- Architektur, die vielen frei gewordenen Flächen, seine Lage direkt an der Pegnitz und seine Menschen." Die im Westen lebende Bevölkerung ist deutlich jünger und bunter als im Rest der Stadt.

Als Beispiel für eine gelungene Revitalisierung gilt das frühere Triumph-Adler-Gelände auf halbem Wege zwischen der Nürnberg-Innenstadt und Fürth. Auf den fast 100.000 Quadratmetern des "TA-Mittelstandszentrum" haben sich Finanzdienstleister, Kommunikationsfirmen, ein Sportzentrum, ein Hotel und Werkstätten der Lebenshilfe angesiedelt. "Das ist für uns so gut wie abgehakt", betont Fassbender.

Neues Leben eingezogen ist auch im weitläufigen früheren AEG-Hausgerätwerk. Der südliche Teil längs der Fürther Straße beherbergt unter anderem Schauräume der AEG-Mutter Electrolux. Auch produziert wird auf dem Gelände wieder: Der Siemens-Konzern stellt dort Eisenbahn-Transformatoren her. Als "Leuchtturmprojekt" aber gilt der "Energie Campus Nürnberg". Wissenschaftler mehrerer Hochschulen und Institute aus der Region erforschen dort, wie sie eine Versorgung mit erneuerbaren Energie umsetzen lässt. Im Südteil des AEG-Geländes haben sich mehr als 70 Künstler einquartiert.

Kopfzerbrechen bereitet den Planern dagegen weiterhin das ehemalige Versandzentrum des früheren Versandhauses Quelle. Mit 250 000 Quadratmetern ist es derzeit die zweitgrößte leerstehende Immobilie in Deutschland nach dem Flughafen Tempelhof. Die Vermarktung des unter Denkmal stehenden Komplexes gestaltet sich nicht nur wegen der Eigentumsverhältnis schwierig. Das Riesen-Gebäude gehört der Pleite gegangenen niederländischen Immobiliengesellschaft Valbone Real Estate. Auch die enorme Größe lässt Investoren zögern. Stadtplaner Dengler: "Da würden zehn konventionelle Einkaufszentren reinpassen".

Die Stadt hat hingegen andere Pläne: Zwar denke man auch an eine Einkaufspassage im Erdgeschoss, erläutert Faßbender. Darüber hinaus sollten in dem sechsgeschossigen Bauwerk Büros, Bildungseinrichtungen und Wissenschaftler Platz finden. Eine noch größere Chance sehen die Stadtplaner in den riesigen Parkplätzen neben dem früheren Versandzentrum. Dort sollte mit einem weitläufigen Stadtteil-Park mehr Grün in das Quartier gebracht werden. Auf einem Teil der Flächen könnten Stadthäuser und Studentenwohnungen entstehen, sieht etwa der Siegerentwurf eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs vor. dpa

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