Neubiberg
Interview

Angst vor Terroranschlägen? Soziologe rät zu Gelassenheit

Ein Blick in die Nachrichten kann Ängste schüren: Kein Tag, an dem nicht über Terroranschläge und die Gefahr neuer Übergriffe berichtet wird. Der Soziologe Wolfgang Bonß rät dennoch zu Gelassenheit und warnt Politik und Medien davor, zu dramatisieren.
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Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
Nach der Terrorserie von Paris und dem Terroralarm in Brüssel ist auch in Deutschland die Angst vor Anschlägen verbreitet. Der Soziologe Wolfgang Bonß von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München rät dennoch zu Gelassenheit und warnt davor, die Terrorgefahr zu dramatisieren. "Die Angst wird medial und zum Teil auch politisch verstärkt", sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Und er appelliert an Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), sein Wissen über mögliche Gefahren offenzulegen. "Ansonsten behandelt er die Bürger wie kleine Kinder, die vor allem möglichen Angst haben."

Nach der Terrorserie in Paris geht die Angst vor neuen Anschlägen um. Veranstaltungen werden abgesagt, Bahnhöfe wegen Bombenalarms gesperrt und in Brüssel kam das öffentliche Leben einer ganzen Stadt zum Erliegen. Wie ordnen Sie diese Angst ein?
Wolfgang Bonß: Die Angst wird medial und zum Teil auch politisch verstärkt. Wenn die US-Regierung eine weltweite Reisewarnung ausgibt, ist das unsinnig. Die Anschläge in Paris und anderen Ländern sind natürlich sehr verstörend, das ist klar. Und die Ängste der Deutschen insbesondere vor Terror sind 2015 im Vergleich zu 2014 eindeutig gewachsen. Aber das heißt nicht, dass sie in dem Sinne gerechtfertigt wären, dass wir mit Terroranschlägen rechnen müssten. Zumindest in der Vergangenheit gab es mit Ausnahme des Oktoberfestattentats keinen Terroranschlag mit Toten. Es gibt eine Ausnahme, das ist der Anschlag in Frankfurt gewesen. So gesehen wird die Gefahr einfach übertrieben.

Inwiefern beherrscht diese Angst gerade das normale Leben und das Lebensgefühl?
Es gibt dazu sicher noch keine verlässlichen Daten. Aber grundsätzlich ist festzuhalten, dass manche Leute sich zurückziehen, bis dahin, dass sie nicht mehr aus dem Haus gehen. Es gibt aber auch andere, die bewusst sagen, nein, wir lassen uns nicht einschüchtern. Im Radio gab es ein Gespräch mit Bürgern in Brüssel. Die haben das zum Teil sehr offensiv vertreten, dass man sich nicht einschüchtern lassen dürfe, weil dann die Angst steige.

Wie müsste die Politik reagieren, um den Menschen wieder mehr Sicherheit zu vermitteln?
Sie müsste zunächst mal das sagen, was de Maizière nach dem Alarm in Bremen im Frühjahr gesagt hat. Er sagte völlig zurecht: Die Terrorgefahr hat sich durch die Ereignisse in Bremen in keiner Weise verändert. Was ja auch stimmt. Objektiv hat sich nichts verändert. Möglicherweise ist die Anschlagsgefahr jetzt insgesamt ein bisschen gestiegen, aber wir wissen darüber nichts. Von dem was wir wissen, hat sich gegenüber vor Paris nichts geändert. Das wird auch von Seiten der Politik durchaus betont, wenn gesagt wird, es gebe keine aktuellen Hinweise auf irgendwelche Anschläge. Genau solche Versuche, das nicht zu dramatisieren, sind im Moment meines Erachtens sehr angesagt.

Das hat de Maiziere vielleicht auch versucht, als er nach der Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover meinte: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern". Dafür hat er reichlich Kritik einstecken müssen - auch weil er viele damit erst recht verunsicherte.
In dem Fall hat er es im Unterschied zum Frühjahr schlecht gemacht. Wenn man Informationen hat zu etwas und legt sie nicht offen, das steigert in der Tat die Befürchtungen. Es mag ja sein, dass er über Wissen von irgendwelchen Geheimdiensten verfügt. Aber da ist es dann schon seine Aufgabe, das dann auch an die Öffentlichkeit zu bringen. Ansonsten behandelt er die Bürger wie kleine Kinder, die vor allem möglichen Angst haben.

Wenn man sich mit Menschen unterhält, die zum Beispiel in Tel Aviv leben, ist die Angst vor Anschlägen für sie nicht ungewöhnlich. Trotzdem führen viele dort ein normales Leben. Inwieweit können wir von ihnen lernen?
Ich würde die Situation bei uns nicht mit der in Israel vergleichen wollen. Aber man kann sich in der Tat daran ein Beispiel nehmen, dass auch unter einer Dauerbedrohung ein normales Leben sehr gut möglich ist. Sie haben eine andere Einstellung zu Anschlägen. Das kann passieren und damit muss man einfach leben. Und wahrscheinlich muss man hier auch so eine Art Gelassenheit entwickeln. Das ist meines Erachtens auch möglich. Vergleichen Sie mal die Zahl der Verkehrstoten jedes Jahr und die Zahl der Terrorismus-Toten, die gegen Null geht. Die Leute setzen sich jeden Tag ins Auto, obwohl gerade im letzten Jahr die Zahl der Toten im Straßenverkehr gestiegen ist. Das Risiko geht jeder ein.


Zur Person

Wolfgang Bonß ist Professor an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie. Dort beschäftigt er sich mit Themen wie der Sicherheit im öffentlichen Raum und mit Unsicherheiten durch Terror und Bedrohungen. Außerdem forscht er über die Sicherheitsentwicklung. Dazu passt auch das Thema seiner Habilitation an der Universität Bremen aus dem Jahr 1995: "Vom Risiko. Ungewissheit und Unsicherheit in der Moderne".

Das Interview führte Cordula Dieckmann, dpa
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