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Abschlussbericht

Amoklauf München: Details der Tat, bei der neun Menschen sterben mussten

Die Ermittlungen zum Münchner Amoklauf sind abgeschlossen. Es gab mehr als 2000 Vernehmungen. 1000 Videodateien zum Fall wurden gesichtet.
Blumen, Kerzen und Fotos liegen am 17.03.2017 vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), ein Schauplatz des Amoklaufs, in München (Bayern). Fast acht Monate nach dem blutigen Amoklauf in München sind die Ermittlungen dazu abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft München I und das Bayerische Landeskriminalamt wollen am 17.03.2017 die Ergebnisse vorstellen. Foto: Sven Hoppe/dpa
 
Die Staatsanwaltschaft München I und das Landeskriminalamt haben am Freitag den Abschlussbericht zum Amoklauf von München vorgestellt.

Am 22. Juli 2016 erschoss der 18-jährige David S. in und vor einem Schnellrestaurant und in einem Einkaufszentrum in München-Moosach neun Menschen, fügte weiteren fünf Menschen Schussverletzungen zu und erschoss sich anschließend selbst, heißt es im Bericht vom Freitag.

Die Staatsanwaltschaft München I und das Bayerische Landeskriminalamt übernahmen daraufhin die Ermittlungen, um die Tat aufzuklären, mögliche Mitwisser oder Mittäter zu identifizieren, die Herkunft der Waffe zu ermitteln und das Motiv für diesen Amoklauf festzustellen.

Der zwischenzeitlich durch die eigens eingerichtete Sonderkommission erarbeitete Abschlussbericht umfasst den Angaben des Bayerisches Landeskriminalamts zufolge mehr als 170 Seiten, sein Inhalt wurde den Angehörigen der Todesopfer bereits vorgestellt.

Die Feststellungen beruhen unter anderem auf der Auswertung von mehr als 1000 Videodateien und mehr als 2000 Vernehmungen und Befragungen von Zeugen.


Ziel und Ergebnis der Ermittlungen zum Amoklauf in München

Von zentraler Bedeutung für die Ermittlungen waren die Motivation des Täters sowie die Frage, ob andere Personen an der Tat oder deren Vorbereitung beteiligt waren.


Amoklauf München: Mögliche Tatmotivation laut Abschlussbericht

Welche Motive David S. zu der Tat bewegten und inwieweit die Tat auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen war, lasse sich nach seinem Tod nicht mehr mit letzter Sicherheit feststellen. Es bestehen jedoch gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass folgende Umstände von maßgeblicher Bedeutung waren:


Täter wurde jahrelang gemobbt

David S. war unter Gleichaltrigen weitgehend isoliert. Hierzu haben vermutlich psychische Auffälligkeiten beigetragen, aufgrund derer es ihm schwer fiel, sich zu integrieren. Über Jahre hinweg wurde er von Mitschülern "gemobbt", dabei kam es auch zu körperlichen Misshandlungen. David S. entwickelte ersichtlich einen Hass auf
Personen, die hinsichtlich Alter, Aussehen, Herkunft und Lebensstil den ihn mobbenden Jugendlichen ähnlich waren; dies waren vor allem Angehörige südosteuropäischer Bevölkerungsgruppen. Diese machte er für seinen von ihm empfundenen schulischen Misserfolg und das Mobbing verantwortlich.


Amoklauf München: David S. wollte Menschen mit Virus infizieren

David S. schuf sich ein irrationales Weltbild. Darin befasste er sich beispielsweise mit der Vorstellung, dass die von ihm gehassten Personen mit einem Virus infiziert und deshalb gegebenenfalls zu vernichten seien. Aufgrund psychischer Störungen befand er sich wiederholt in psychiatrischer Behandlung.

In seiner Freizeit spielte David S. exzessiv am Computer, insbesondere sogenannten Ego-Shooter Spiele. Er entwickelte Rachephantasien und beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Amok. Insbesondere war er fasziniert von den Anschlägen, die Anders Breivik 2011 in Norwegen verübt hatte.


Amoklauf von München war über längere Zeit geplant

Über einen längeren Zeitraum hinweg plante er dann den von ihm selbst verübten Amoklauf.

Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass er bei dem Amoklauf die einzelnen Opfer gezielt ausgewählt hat.
Es ist auch nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war.


Mittäter / weitere Verantwortliche

David S. hat die Tat allein geplant und allein durchgeführt. Die sehr eingehenden Ermittlungen haben keine Erkenntnisse ergeben, dass Dritte in die Tatpläne eingeweiht oder gar an der Tatausführung beteiligt gewesen wären.
Auch im Ermittlungsverfahren gegen einen 16-jährigen Bekannten des Täters, Samer R., mit dem sich David S. am Tattag gegen 16:00 Uhr im Bereich des Tatorts getroffen hat, haben sich keine Belege dafür ergeben, dass dieser über die anstehende Tat informiert war.
Es liegen ferner keine Anhaltspunkte dafür vor, dass Familienmitglieder, behandelnde Ärzte, Lehrer oder sonstige Personen aus dem Umfeld von David S. die Tat vorhersehen konnten.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft München I ist jedoch der Waffenhändler, der David S. die Tatwaffe und Munition verkaufte, für den Tod der Menschen strafrechtlich mitverantwortlich. Daher wurde Mitte Februar 2017 gegen ihn Anklage zum Landgericht München I erhoben. Neben Verstößen gegen das Waffenrecht wird dem
Angeschuldigten die fahrlässige Tötung von neun Menschen zur Last gelegt. Ihm droht im Falle einer Verurteilung eine mehrjährige Freiheitsstrafe.


Bewertung des Einsatzablaufs

Nach den rechtsmedizinischen Feststellungen sind die Opfer sofort verstorben beziehungsweise haben unmittelbar das Bewusstsein verloren. Alle Todesopfer hatten aufgrund ihrer massiven Verletzungen keine Überlebenschance.

Dem Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften sowie dem Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, die Verletzten sofort Hilfe leisteten, ist zu verdanken, dass es nicht zu weiteren Todesopfern kam.


Amoklauf München: der Tatablauf im Detail:

Die Ermittlungen der Sonderkommission ergaben, dass David S. am 21. und 22. Juli 2016 über einen von ihm extra eingerichteten Facebook-Account mit einem Mädchennamen insgesamt vier Einladungen postete, am Tattag um 16 Uhr zu dem Schnellrestaurant in die Hanauer Straße zu kommen. Diesen Aufforderungen kam jedoch
offenbar keiner der Angeschriebenen nach.

David S. selbst verließ am 22. Juli kurz vor 16 Uhr die elterliche Wohnung und fuhr mit seinem Fahrrad zu diesem Schnellrestaurant. Dort traf er seinen 16-jährigen Freund Samer R., mit dem er sich zuvor dort verabredet hatte. Die beiden trennten sich kurz nach 17 Uhr wieder am dortigen U-Bahnabgang.

Ab 17.08 Uhr hielt sich David S. im Schnellrestaurant auf. Er verließ es bis zur Tatausführung lediglich einmal kurz für etwa fünf Minuten. Um 17.50 Uhr ging er in die Toilette im 1. Obergeschoß, wo er aus seinem Rucksack die Tatwaffe holte.
Um 17.51 Uhr verließ er die Toilette und ging direkt zu einer Sitznische, in der eine Gruppe Jugendlicher saß. Hier schoss er unvermittelt direkt auf sechs Jugendliche und tötete zwei 15-Jährige, einen 14-Jährigen sowie zwei 14-Jährige Mädchen. Ein 13-jähriges Kind erlitt während des Angriffs mehrere Schussverletzungen, konnte aber, nachdem der Täter den Tatort unmittelbar zuvor verlassen hatte, über eine Nottreppe fliehen und überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen.


18 Patronenhülsen im Schnellrestaurant gefunden

Insgesamt wurden in diesem Bereich 18 Patronenhülsen sichergestellt, die aus der Tatwaffe stammten.

Nur eine Minute danach verließ David S. das Schnellrestaurant wieder über den Haupteingang. Er drehte sich nach rechts und begann in Richtung des dortigen Elektromarktes zu schießen. Mehrere Menschen flüchteten panikartig vor diesen Schüssen. Der 18-Jährige schoss daraufhin gezielt in Richtung dieser Fliehenden und
auf zwei Fahrzeuge, die im Einfahrtsbereich standen.

Unmittelbar vor der Einfahrt zur dortigen Tiefgarage traf ein Schuss einen 17-Jährigen tödlich und ein weiterer Schuss einen 27-Jährigen, der dabei schwer verletzt wurde. Wenige Meter entfernt wurde eine 45-Jährige tödlich getroffen und ein 60-Jähriger durch einen Beinschuss schwer verletzt.

Eine 44-Jährige, die mit ihren drei Kindern unterwegs war, erlitt Schussverletzungen an beiden Unterschenkeln, konnte aber mit den unverletzten Kindern in den Elektromarkt fliehen.

In der Nähe des U-Bahnabgangs wurde ein 19-Jähriger tödlich getroffen.

Insgesamt konnte die Spurensicherung in dem Bereich zwischen den Schnellrestaurant und dem Elektromarkt 16 Patronenhülsen sichern.

David S. überquerte nun die Hanauer Straße und ging langsam über den Haupteingang in das Einkaufszentrum. Dort erschoss er nahe der Rolltreppen einen 20-Jährigen. Daraufhin benutzte er einen Durchgang und verließ das Einkaufszentrum über eine überdachte Brücke ins angrenzende Parkhaus. Auf dieser Brücke gab er Schüsse in Richtung des Parkdecks und einer Passantin ab, verletzte dabei aber niemanden. Dann durchquerte er die Parkebene, gab 13 Schüsse auf zwei geparkte unbesetzte Fahrzeuge ab und ging um 17.59 Uhr über die Auffahrtsrampe auf das oberste Parkdeck.


David S. führte Streitgespräch mit Anwohner

Dort führte er ein Streitgespräch mit einem Anwohner, der sich auf seinem Balkon eines Hochhauses in der Riesstraße aufhielt. Während dieses Gesprächs gab David S. zwei Schüsse in dessen Richtung ab. Dabei wurde ein anderer 47-jähriger Anwohner, der sich ebenfalls auf seinem Balkon befand, durch Teile eines abprallenden Geschoßes am Rücken verletzt.

Anschließend schoss David S. noch dreimal in Richtung des Einkaufszentrums und eines Mitarbeiters, ohne dabei Menschen zu verletzen.

Um 18.04 Uhr erkannten Polizeibeamte von einem Außenbalkon des Einkaufszentrums aus den Amokläufer und ein Beamter schoss einmal aus einer Maschinenpistole auf David S., verfehlte ihn jedoch. Dieser flüchtete nun über eine Nottreppe vom Parkdeck und verlor dabei seine beiden mitgeführten Mobiltelefone.

Der 18-jährige lief über die Riesstraße und versteckte sich vermutlich in einem Gebüsch bei der dortigen Grünanlage. Kurz darauf verließ er wohl sein Versteck, um zu dem Hintereingang eines Hauses in der Henckystraße zu laufen. Da dieser aber offenbar verschlossen war, lief David S. um das Haus herum, um es über den Vordereingang zu betreten.

Der Amokläufer hielt sich nun über längere Zeit in dem Treppenhaus auf, wo er auch Kontakt zu Bewohnern hatte. Vermutlich über die Tiefgarage gelangte er zu einem Fahrradabstellraum, in dem er sich über einen längeren Zeitraum versteckte.

Er verließ diesen erst wieder durch eine Stahltüre, die zu einer Treppe nach außen führte um 20.26 Uhr. Er ging über diese Treppe nach oben und traf hier auf Polizisten, vor deren Augen er sich selbst erschoss. Dieses Geschehen konnte auch von mehreren Anwohnern, die sich auf Balkonen aufhielten beobachtet werden.

zum Thema "Amoklauf Müchen"

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