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Nahost

Versöhnung in Palästina

Die Versöhnung der Palästinenser überraschte sogar Israels Geheimdienst. Auslöser für den Schulterschluss der Erzfeinde ist nach Expertenansicht der dramatische Wandel in der arabischen Welt. Hamas und Fatah verloren Verbündete und suchen aneinander Halt.
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas Archivfoto: JIM HOLLANDER dpa
 
Mit ihrer raschen Versöhnung nach Jahren des Bruderkriegs haben die Palästinenser sogar den israelischen Geheimdienst überrascht. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak gab am Donnerstag zu, niemand habe wirklich damit gerechnet, dass die Erzfeinde sich so schnell auf einen gemeinsamen Kurs einigen könnten.

Der palästinensische Schulterschluss soll offenbar den Weg ebnen für die im September erhoffte internationale Anerkennung des Staates Palästina.

Aber warum schafften Fatah und Hamas nach Jahren fruchtloser Gespräche ausgerechnet jetzt die Einigung? Hauptgrund ist nach Ansicht des palästinensischen Politikexperten Zakaria Muhammad der große Wandel in der arabischen Welt. Die beiden größten Palästinenserfraktionen hätten im Zuge der dramatischen Umwälzungen in der arabischen Welt ihre wichtigsten Verbündeten verloren und suchten jetzt intern Halt, meint er.

Der gemäßigte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Fatah) steht nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak praktisch allein da.

Die neue ägyptische Führung ist offener gegenüber Hamas und aus Sicht der radikal-islamischen Organisation ein neutralerer Vermittler. "Auf der anderen Seite wankt in Syrien das Assad-Regime und dies schwächt die Position der Hamas", sagt Muhammad. Die Hamas-Exilführung fürchtet offenbar, sie könnte Damaskus als sicheren Hafen verlieren. Daher rückte sie vermutlich bei den internen Versöhnungsgesprächen von ihrer sonst knochenharten Linie ab.

Dazu kommt der wachsende Druck der palästinensischen Jugend, die interne Spaltung zu überwinden. Zehntausende gingen im vergangenen Monat im Westjordanland und in Gaza auf die Straße und forderten Hamas und Fatah dazu auf, das Kriegsbeil zu begraben. Die vergangenen Wochen und Monate haben bewiesen, dass arabische Führer, die nicht auf die Forderungen ihres Volkes eingehen, schnell Geschichte werden können.

Viele Einzelheiten der künftigen Zusammenarbeit von Hamas und Fatah sind noch offen und müssen erst ausgehandelt werden. "Der Teufel steckt im Detail", sagte auch der Hamas-Repräsentant Mussa Abu Marsuk in Kairo. Skeptiker glauben, dass der gegenseitige Hass zu tief sitzt, um konstruktive Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Insbesondere der Ausgang der Wahlen, die binnen eines Jahres im Westjordanland und Gazastreifen abgehalten werden sollen, ist noch ungewiss. Nach jüngsten Umfragen kann Fatah bei Parlamentswahlen mit 40 Prozent, Hamas hingegen nur mit 26 Prozent der Stimmen rechnen. Sollte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Fatah) entgegen seiner Ankündigungen doch antreten, würden ihm laut einer Befragung des Palästinensischen Zentrums für Politik und Meinungsforschung (PCPRS) 55 Prozent der Palästinenser ihre Stimme geben. Der Hamas-Führer Ismail Hanija käme dagegen nur auf 31 Prozent.

Israel sieht den neuen Kuschelkurs von Hamas und Fatah mit großem Unbehagen.

Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman sagte am Donnerstag, mit der Versöhnung hätten die Palästinenser "eine rote Linie" überschritten. Bisher hatte die Palästinenserbehörde von Abbas Israel eifrig dabei geholfen, Hamas im Westjordanland in Schach zu halten. Angesichts der neuen palästinensischen Einheit ist nun völlig unklar, wie die Sicherheitszusammenarbeit im Westjordanland weitergehen soll.

Bis zu Neuwahlen soll zunächst eine Übergangsregierung die Geschicke des palästinensischen Volkes im Westjordanland und Gazastreifen lenken. In dem neuen Kabinett werden unabhängige Kandidaten sitzen, mit denen beide Seiten leben können. Unklar ist noch, wer das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll - Hamas lehnt Salam Fajad ab, der als Liebling des Westens gilt. Fajad als Galionsfigur könnte allerdings eine internationale Akzeptanz der neuen palästinensischen Regierung erleichtern. dpa