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Gesundheit

Zweikampf mit bösen Folgen: Kopfverletzungen bleiben im Amateursport oft unbemerkt

Vor allem im Breitensport werden kleine Hirntraumata oft nicht erkannt und falsch oder gar nicht behandelt. Es mangelt an Aufklärung.
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Harte Zusammenstöße, wie es sie häufig im American Football gibt - hier beim Spiel der Arizona Cardinals gegen die Green Bay Packers -, können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Nicht nur im Profisport.  Foto: Mark Jrebilas, Witters
Harte Zusammenstöße, wie es sie häufig im American Football gibt - hier beim Spiel der Arizona Cardinals gegen die Green Bay Packers -, können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Nicht nur im Profisport. Foto: Mark Jrebilas, Witters
Es passiert ganz schnell. Man ist in einem hitzigen Zweikampf und will sich durchsetzen. Da bekommt man den Ellenbogen seines Gegenspielers an den Kopf gerammt. Erst mal sieht man Sterne und schwankt. Aber man spielt trotzdem weiter. Kopfzusammenstöße sind nicht nur das Problem des American Footballs oder von Boxern. Sie passieren häufig und in allen Sportarten - wenn auch nicht mit der gleichen Heftigkeit.

Allerdings weisen der Neuropsychologe Gerhard Müller und Dr. Andreas Eidenmüller, die sich in ihrer Praxis für Sport-Neuropsychologie auf Kopfverletzungen im Sport spezialisiert haben, darauf hin, dass auch leichte Verletzungen schwere Schäden anrichten können, wenn sie nicht richtig behandelt werden. Auch Martin Hanselmann, ehemaliger Coach der deutschen American-Football-Nationalmannschaft und aktuell Trainer der Regionalliga-Football-Mannschaft Würzburg Panthers, weiß um die Brisanz von Kopfverletzungen.

Immer wieder kursieren schockierende Berichte über amerikanische Profi-Footballspieler und ihre durch Kopfverletzungen entstandene Langzeitschäden im Gehirn. Das geht vom Leistungsabfall bis zur Depression. Ist das wirklich so ein großes Problem im American Football?
Andreas Eidenmüller: Das Thema wird sicherlich in den Medien sehr akzentuiert dargestellt. Grundsätzlich kam bei den untersuchten Gehirnen von Spielern zwar eine hohe Schädigungsquote heraus, aber man muss es immer in dem Zusammenhang sehen, dass ich mein Gehirn oder das eines Angehörigen auch nur untersuchen lasse, wenn ich den Verdacht habe, dass etwas nicht stimmt. Deshalb diese hohe Quote. Man spricht bei dem vermuteten Krankheitsbild von der Chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE).

Was hat es damit auf sich?
Eidenmüller: Manche Forschergruppen haben die These aufgestellt, dass wiederholte Hirntraumata, die zum Beispiel durch einen harten Aufprall des Kopfes entstehen, Prozesse im Hirn anstoßen, die zu degenerativen Veränderungen führen. Es lagern sich Tau-Proteine ab und lassen Gehirnzellen absterben. Das sieht aus wie eine Demenz, die Ablagerungen befinden sich aber an anderen Stellen als bei Dementen. Also haben die Forscher daraus geschlossen, dass diese Spuren einen anderen Ursprung haben müssen. Es gibt zu CTE aber noch keine Langzeitstudien. Ursprünglich kommt diese Krankheit aus dem Boxen, damals wurde sie Punch-Drunk-Syndrom genannt.

Haben Footballer ein überdurchschnittlich hohes Risiko, an CTE zu erkranken?
Gerhard Müller: Es stimmt, dass es im Football überdurchschnittlich oft zu heftigen Zusammenstößen kommt. Natürlich hat man nicht nach einem Zusammenstoß gleich CTE, das ist der Extremfall. Da reden wir wirklich von Spielern, die bis zu zehn Gehirnerschütterungen in ihrer aktiven Laufbahn erleiden. Aber Zusammenstöße können auch schon so Schäden anrichten: Stimmungsschwankungen, Schwindel, kognitive Störungen, Depressionen, Leistungsabfall. Harte Zusammenstöße kann es aber natürlich auch in anderen Sportarten geben.

Ja, man erinnert sich ja oft an Christoph Kramer beim Fußball-WM-Finale 2014. Was war da passiert und hatte das Folgen?
Eidenmüller: Kramer erlitt einen schweren Zusammenstoß mit seinem Gegenspieler. Er blieb daraufhin im Spiel und fiel erst auf, als er orientierungslos wirkend über den Platz taumelte und den Schiedsrichter fragte, wo er eigentlich gerade sei. Das hat definitiv Diskussionen angeregt im Fußball zum Thema Umgang mit Kopfverletzungen. Vor allem, weil er nicht sofort ausgewechselt worden war. Die Entscheidung auf dem Feld, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt oder nicht, ist aber sehr schwierig, da nur sehr wenig Zeit zur Verfügung steht. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hat sich der Thematik aber in den letzten Jahren vermehrt angenommen.

Gibt es neben Kramer noch andere Beispiele aus anderen Sportarten?
Müller: Ein weiteres Beispiel wäre der Eishockeyspieler und Kapitän der Nationalmannschaft, Stefan Ustorf. Er erlitt zwei schwere Zusammenstöße innerhalb weniger Tage und kämpft immer noch mit kognitiven Problemen, die daraus und vielleicht aus weiteren heftigen Unfällen resultierten. Das ist das eine Thema. Das sind aber Einzelfälle, bei denen es um heftige Zusammenstöße geht. Wichtiger sind aber die kleinen, häufigen Verletzungen am Kopf, die in jeder Sportart passieren.

Sie meinen, das ist auch Thema bei den kleinsten Vereinen im Breitensport?

Müller: Ja, Zusammenstöße passieren in jeder Sportart, in jeder Liga. Sie werden aber noch immer unterschätzt. Das Problem sind im Prinzip nicht die Zusammenstöße, sondern die fehlende Behandlung im Anschluss. Das sind Fragen, mit denen die Trainer tagtäglich konfrontiert sind und wofür sie meist nicht geschult sind - egal ob im Football, im Fußball oder im Handball. Da müsste man viel mehr informieren. In den USA ist es schon seit über 20 Jahren ein wichtiges Thema, es gibt Leistungstests in allen möglichen Sportarten und die Trainer wissen , wie sie damit umzugehen haben. So weit sind wir in Deutschland noch nicht.

Also ist die Aufklärung bei uns noch nicht weit genug vorangetrieben?
Eidenmüller: Es geht um Informieren und Aufklären und den Leuten ein Handlungsschema in Sachen Kopfverletzungen vorzugeben. Natürlich ist das bei vielen Sportarten nicht das Verletzungshauptproblem, sondern vielleicht Platz vier oder fünf. Aber wenn etwas passiert, sollte man es erkennen. Wir haben in diesem Bereich an einem Algorithmus zur praxisgerechten Diagnostik und Therapie bei Schädel-Hirn-Traumata im Sport mitgearbeitet. Das ist ein vorgegebener Plan, wie mit einem Spieler nach einem Zusammenstoß umgegangen werden sollte. Teil dieses Algorithmus ist auch das "Concussion Recognition Tool". Das ist ein im Internet frei zugänglicher Plan, wie man als Trainer eine Gehirnerschütterung bei einem verletzten Spieler erkennt und weiter vorgeht.

Wie soll sich ein Trainer im Optimalfall verhalten, wenn sein Spieler heftig mit einem anderen zusammenstößt?
Müller: Das sollte schon vor der Saison beginnen. Schulungen für Trainer, Betreuer und Spieler. Sie müssen sich des Themas bewusst werden. Dann sollte ein Test folgen, bei dem die kognitiven Fähigkeiten jedes Spielers aufgenommen werden. Das ist unsere Basis. Die Spieler müssen auch am Ende der Saison und nach jedem Spiel auf diesem Level sein, sonst haben wir ein Problem. Bei einem Zusammenstoß sollte dann das "Concussion Recognition Tool" angewendet werden. Also herausfinden, wie schwer mein Spieler verletzt ist. Und wenn er eine Gehirnerschütterung erlitten hat, sollte man ihn in professionelle Hände geben, so dass er völlig regeneriert ist bei seinem nächsten Einsatz. Da taucht aber ein Finanzierungsproblem auf.
Martin Hanselmann: Das trifft auch auf unseren Verein, die Würzburger Panthers, zu. Es ist einfach zu wenig Geld da. Unsere Organisation beruht auf Ehrenamtlichkeit. Viel zu wenig echte Struktur. Da sind die Leute froh über jeden, der mithilft. Es geht noch um die banalen Dinge wie Pünktlichkeit oder überhaupt Verständnis von Training. Aber wie gehe ich mit dem Thema Gehirnverletzungen um, wann wechsle ich meinen verletzten Spieler aus und wann kann der wieder rein? Solche Fragen ohne Arzt im Amateursystem zu beantworten, ist schwierig.

Wie gehen Sie im Alltag damit um, wenn einer Ihrer Spieler einen Zusammenstoß erlitten hat?
Hanselmann: Wenn ich sehe, dass mein Spieler schwankt, dann nehme ich ihn raus. Dann entscheidet unser Physiotherapeut, ob er weiterspielen kann. Einen Arzt haben wir selten dabei. Viele kleine Gehirnerschütterungen stellen wir deshalb sicher gar nicht fest. Das ist ein Problem des Amateursystems.

Und dann? Am Tag nach der Verletzung?
Hanselmann: Wir sagen dann, schau mal, und du wirst schon wissen, ob du spielen kannst. Für eine professionelle Behandlung fehlt uns allerdings leider das Geld. Solche regenerativen Behandlungen oder Präventionen sind in der Unfallversicherung auch nicht abgedeckt.

Was muss denn noch getan werden in Sachen Aufklärung zum Thema Kopfverletzungen?
Müller: Wir versuchen, unseren Plan zu verbreiten und beispielsweise in Vorträgen zu informieren. Aber ich bin mir sicher, da wird sich in den nächsten drei bis vier Jahren etwas ändern.
Eidenmüller: Schon alleine, dass es den oben erwähnten Algorithmus nun gibt, ist ein wirklich großer Fortschritt. Es muss sich nur noch in die Vereine verbreiten.

Das Gespräch führte Susanne Bergmann.
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