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Zwangsverheiratung

Zwangsheirat ist auch in Franken kein Einzelfall

Feride wurde von ihren Eltern misshandelt, weil sie keinen fremden Bräutigam wollte. Beim bayerischen Wohnprojekt Scheherazade fand sie Zuflucht.
Verzweifelt im Hochzeitskleid: Soweit wie auf unserem Symbolfoto ist es bei Feride nicht gekommen.  Foto: Imago
 
von IRMTRAUD FENN-NEBEL
Mit dem Tod wurde Feride nicht bedroht. Aber sie wurde misshandelt, von ihren eigenen Eltern. Weil sie den Mann nicht heiraten wollte, den die Familie für sie ausgesucht hatte - einen Fremden in der fernen Türkei. In ihrer Not wandte sich die 19-Jährige an Scheherazade. Das Projekt hilft seit einem Jahr mit Krisenplätzen und Beratung jungen Frauen aus Bayern, die von drohender oder erfolgter Zwangsverheiratung betroffen sind.

Trägerin von Scheherazade ist die ökumenische "Stop dem Frauenhandel" GmbH in München. "Du entscheidest, wen Du heiratest!" steht groß auf ihren Flyern. Gefördert vom Bayerischen Sozialministerium unterhält Scheherazade eine Wohnung irgendwo im Freistaat und beschäftigt vier Sozialpädagogen. Eine von ihnen ist Maria Müller. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen: Anonymität spielt in ihrer Arbeit eine große Rolle. Für sie und ihre Kollegen, mehr aber noch für die Frauen, die Schutz suchen. Sie sind zwischen 18 und 21 und haben Schlimmes erlebt.

Die Fallgeschichte Ferides zum Nachlesen:
 


Eine Reise mit Folgen
Wie Feride, deren wahrer Name genauso anonym bleiben muss wie der Standort der Schutzwohnung. Sie macht gerade eine Ausbildung im Einzelhandel, als die Mutter - die selbst mit 15 Jahren mit dem Vater von Feride verheiratet worden war - einen Verlobten im türkischen Heimatdorf der Eltern präsentiert. Sie glaubte, für ihre Tochter eine gute Wahl getroffen zu haben. Den Eltern zuliebe reist Feride in die Türkei, um ihn kennen zu lernen und verlobt sich mit ihm. Sie findet ihn jedoch unsympathisch und will auch mit keinem Mann verheiratet sein, der weder Deutsch spricht noch eine Ausbildung hat.

Streit und Misshandlung
Nach der Reise gibt es ein halbes Jahr lang heftige Auseinandersetzungen mit den Eltern. Sie misshandeln ihre Tochter. Als sie die standesamtliche Hochzeit in der Türkei konkreter planen, setzt sich Feride heftiger zur Wehr. Die Mutter wird massiv gewalttätig gegen die Tochter. Die Lehrerin sieht Ferides Verletzungen und spricht sie darauf an. Das Mädchen erhält Hilfe bei der Sozialarbeiterin in der Berufsschule und erfährt dort von Scheherazade. Nach einigen Telefonaten beschließt Feride, das Elternhaus zu verlassen und zieht in die Schutzwohnung.

Eine Studie zur Zwangsverheiratung:
 


Auf Nötigung zur Eingehung einer Ehe steht eine Freiheitsstrafe
Zwangsverheiratung ist in fast allen Ländern der Welt verboten. In Deutschland gibt es seit dem 1. Juli 2011 einen eigenständigen Straftatbestand "Zwangsheirat" (§ 237 StGB): Auf die Nötigung einer anderen Person zur Eingehung einer Ehe steht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren. Die Täter sind in der Regel die Eltern oder Verwandte. Zwar kommen Zwangsverheiratungen aus der Tradition und passieren oft aus ökonomischen Gründen. "Mit einer ,guten' Verheiratung steigt das Ansehen der Familie", sagt Müller. Manchmal seien Zwangsehen aber auch eine Disziplinierungsmaßnahme. Für die Sozialpädagogin steckt "Struktur und Ideologie" dahinter. "Das ist eine schlimme Auswirkung des Frauenbilds", sagt sie.


Patriarchalische Machtstrukturen
Das Thema spielt eine große Rolle in arabischen und Ländern auf dem Balkan sowie in der Türkei. Auf eine Islamdebatte will sich Sozialpädagogin Müller in diesem Zusammenhang aber nicht einlassen. "Da fehlt mir die differenzierte Berichterstattung", sagt sie. "Islam ist nicht gleich Islam." Aber in vielen Familien herrschen patriarchalische Machtstrukturen. Väter und Brüder dominieren die Frauen und zwingen ihnen ihren Willen auf. Notfalls auch einen Bräutigam. "Gerade für Frauen, die in Deutschland geboren sind, ist die plötzliche Konfrontation mit diesem Thema ein Schock," sagt Müller.

Manchmal sind übrigens auch junge Männer selbst betroffen und werden gegen ihren Willen mit - zumeist fremden - Partnern verheiratet. Die Zwangsverheiratungen finden oftmals im Ausland, z.B. während eines Heimatferienurlaubs, zum Teil aber auch in Deutschland statt. "Für Männer gibt es zu wenig Beratungseinrichtungen", bedauert Müller, "und auch keine Unterbringungsmöglichkeiten." Sie erzählt von einem Fall in Nürnberg, bei dem beides nötig gewesen wäre: Weil er der Falsche für eine fremde Partnerin war, wurde der Mann umgebracht.

Im Umgang mit den Frauen bei Scheherazade hat Müller beobachtet, dass der patriarchalische Ehrbegriff in den betreffenden Familien wichtiger sei als die Religion. Dass Zwangsehen in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten vorkommen und sich nicht auf bestimmte religiöse Traditionen zurückführen lassen bestätigt auch die Studie "Zwangsverheiratung in Deutschland - Anzahl und Analyse von Beratungsfällen" (2011). Dafür wurde im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstmals in Deutschland das Wissen von Experten aus Beratungsstellen über Menschen ausgewertet, die von Zwangsverheiratung bedroht sind.


Studie: Gewalt ist normal
Die Studie enthält neue Erkenntnisse zu sozialen Hintergründen und Umständen der Problematik. So hat sie oft einen Ausbildungsabbruch und erzwungene Umzüge ins Ausland zur Folge. Und: "Die Studie zeigt, dass Zwangsverheiratungen mit massiver familiärer Gewalt einhergehen", sagt Charlotte Cary von Jagow, Sprecherin des Bundesfamilienministeriums. Ein wichtiges Ergebnis sei außerdem, dass niedrigschwellige Beratungsangebote erforderlich sind. "Das neue bundesweite Hilfetelefon des Bundes ,Gewalt gegen Frauen', das Anfang 2013 freigeschaltet wurde, ist insoweit auch für Betroffene von Zwangsverheiratung sehr hilfreich", sagt von Jagow.


Hohe Dunkelziffer
Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen gab bei der Johann Daniel Lawaetz-Stiftung eine landesspezifische Auswertung in Auftrag. Sie kam zu ähnlichen Ergebnissen wie die Bundesstudie. Eine abschließende Antwort auf die Frage nach der genauen Zahl der betroffenen Personen konnte wegen der vermuteten hohen Dunkelziffer zwar keine der Studien geben. Aber soviel: In Bayern wurden im Jahr 2008 zum Thema Zwangsverheiratung 228 Personen, davon sechs Männer, beraten. Auch Müller kennt keine genauen Zahlen. "Ich weiß nicht, ob die Anzahl der Fälle steigt", sagt sie. "Auf jeden Fall steigt die Zahl der Frauen, die über ihre Probleme sprechen." Auch ältere Frauen "outen" sich, wie die Anrufe bei der Hotline von Scheherazade zeigen. "Viele sind schon lange verheiratet und wollen endlich raus aus ihrer Zwangsehe", sagt Müller. "Mit ihnen besprechen wir die Möglichkeiten, die es da gibt."

Im schlimmsten Fall: Todesdrohung
Nach einem solchen Gespräch kann die beste - oder letzte - Möglichkeit der Auszug sein. Scheherazade hat drei Akutkrisenplätze in der projekteigenen Wohnung, auch kurzfristige Notaufnahmen sind möglich. "Manche Frauen stehen nur mit der Handtasche vor der Tür", sagt Sozialpädagogin Müller. Andere kommen mit Polizeischutz, weil sie mit dem Tod bedroht wurden. "Das ist keine Ausnahme."

Ehrenmord. Viel wurde darüber berichtet, einige Fälle kamen vor Gericht. Meist bleiben die Hintergründe aber im Dunkeln, Zahlen gibt es nicht. Doch Ehrenmorde passieren. Deshalb sind die Schutzmaßnahmen bei Scheherazade so hoch. Anonym können die Frauen zehn Wochen lang bleiben. In dieser Zeit nehmen Müller und ihre Kolleginnen - wenn die Betroffenen das möchten - Kontakt zu den Familien auf. "Aber die Frauen werden oft mit psychischen Tricks erpresst und zurückgeholt", sagt Müller. "Dann heißt es, die Oma sei im Heimatland gestorben oder die Mutter schwer krank, weil die Tochter weg ist."

Dass viele Frauen von den Erlebnissen und Zuständen in ihren Familien traumatisiert sind, ist für Müller kein Wunder. Aus Erfahrung weiß sie jedoch: "Manche sind dauerhaft geschädigt, andere bekommen das besser in den Griff." Auch die Mitarbeiterinnen von Scheherazade müssen aufpassen, dass ihnen die Schicksale nicht zu nahe gehen. "Man muss die richtige Balance finden", sagt Müller. Außerdem bekommen sie und ihre Kolleginnen regelmäßig eine Supervision.


Lange Suche nach neuem Leben
In den Wochen bei Scheherazade suchen die Frauen gemeinsam mit den Betreuerinnen nach Perspektiven. Nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle, einer Wohnung. Klappt das in dieser Zeit nicht, können die Betroffenen noch ein halbes Jahr im Frauenhaus unterkommen.

Ein "neues Leben" anzufangen, ist jedoch schwer. Das fängt bei der Wohnungssuche an: Die Frauen haben kein Geld für die Miete, außerdem wollen viele Vermieter niemand mit Migrationshintergrund. "Das A und O ist es, die Daten zu sperren", sagt Müller. Und den Namen zu ändern, aber das geht nur mit deutscher Staatsbürgerschaft. Manchmal gibt es tatsächlich die Option auf Aussöhnung. Wie bei Feride. Nach vielen Gesprächen wurde ihr klar, dass sie keinen Bruch mit dem Elternhaus will. Mit Scheherazade suchte sie nach Lösungen und kehrte über die Vermittlung einer Tante und der Großmutter zur Familie zurück. Ihre Eltern sagten die Zwangshochzeit ab.


Hier gibt es Hilfe
In Franken und Bayern gibt es für Frauen, die von Zwangsheirat bedroht sind, viele Beratungsmöglichkeiten und auch einige Schutzwohnungen wie bei Scheherazade. Hier sind die Adressen."Scheherazade hilft" ist ein Projekt der ökumenischen GmbH Stop dem Frauenhandel (München). Für Frauen zwischen 18 und 21 Jahren gibt es eine Schutzwohnung, für alle Frauen eine Beratungs- bzw. Notruf-Nummer: 0800/4151616.

"Jadwiga" setzt sich für die Rechte der Opfer von Frauenhandel ein. Beratungsstellen gibt es in Hof, Nürnberg, München, Telefon: Tel. (0911) 4 31 06 56.

"Solwodi" richtet sich an betroffene Frauen in den Bereichen Sextourismus, Heiratshandel und Menschenhandel. Vier Beratungsstellen in Bayern (zwei davon mit Schutzwohnungen) in Bad Kissingen, Augsburg, München, Passau. Telefon z.B. in Bad Kissingen: 0971/802759.

Bei allen Polizeipräsidien in Bayern gibt es Beratungsstellen für Frauen. Sie sind unter der zentralen Nummer der Polizei 110 zu erreichen.

Bundesweites Hilfetelefon des Bundes "Gewalt gegen Frauen": 08000/116016.

Speziell in München gibt es den Verein "Imma", der Mädchen und junge Frauen in allen Problemlagen unterstützt. Im April eröffnete der Verein die Fachstelle Zwangsheirat, Tel. 089/4521 635-0.

Eine Beratung gibt es auch bei Terre des Femmes - Menschenrechte für die Frau im Internet.



Elfjährige flieht vor Zwangsheirat
Ende Juli sorgte ein Video für großes Aufsehen, alle Medien berichteten darüber: Ein Mädchen spricht mit aufgeregter Stimme, es wirkt gehetzt. Auf Arabisch berichtet die Kleine in einem Videoclip von ihrer Flucht vor einer Zwangsheirat. Das Video landete auf der Internetplattform Youtube und wurde innerhalb weniger Tage mehr als sechseinhalb Millionen Mal geklickt. Das Mädchen berichtet, es sei wegen der drohenden Verheiratung von seiner Familie weggelaufen und wolle jetzt bei seinem Onkel leben.



Das Kinderhilfswerk Unicef wollte das Video nicht kommentieren - forderte aber weltweit ein gesetzliches Mindestheiratsalter von 18 Jahren. Täglich werden weltweit angeblich 39.000 Kinderehen geschlossen. Im Jemen ist die elfjährige Nada Al-Adhal einer solchen Zwangsheirat entkommen - und schildert im Video ihre Flucht.
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