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Ausstellung

Scham-Alarm: Warum wir rot werden

Wir beginnen zu schwitzen, werden rot oder verbergen unser Gesicht. Die Gründe für Scham sind vielfältig, wie eine neue Ausstellung in Dresden zeigt.
Der "Beggar Robot" von Saso Sedlacek - ein Exponat der Ausstellung. Foto: dpa
 
Ein Teenie schämt sich für seine Pickel, der Großvater dafür, dass er alles vergisst, die Frau an der Kasse, dass sie nicht studiert hat: Es gibt viele Gründe und Anlässe, sich zu schämen oder gar rot zu werden. 100 davon hat der Philosoph und Kurator Daniel Tyradellis ausgewählt und für das Dresdner Hygiene-Museum in Szene gesetzt. Von Samstag an ist dort die Ausstellung mit dem Titel "Scham. 100 Gründe rot zu werden" zu sehen.
Auf rund 800 Quadratmetern führt ein Parcours durch die Welt des Schamhaften. In der Mitte teilt eine riesige gläserne Vitrine die Präsentation. Insgesamt rund 250 Objekte sind zu sehen, darunter Masken, hinter denen der Mensch seine Scham verstecken kann, ein Keuschheitsgürtel oder auch Merkzettel von einem Mann, der Alzheimer bekam, eine Vagina, die als "Pussy Boat" auf dem Wasser fährt. Eine Toilette ist ausgestellt als der schambesetzte Ort schlechthin.


Lokale Traditionen der Scham

Die Riesenvitrine, von Kunstwerken, Skulpturen und Filmen flankiert. Dort tanzt eine verschleierte Frau, da sitzen Menschen im Schaufenster und halten ein Schild mit Gründen darauf, wofür sie sich schämen - alles von der Kamera eingefangen.

Vermutlich gebe es keine zwei Personen, die sich aus genau den gleichen Gründen im selben Maße schämen, sagt Kurator Tyradellis. Zu abhängig sei die Scham von den kulturellen Gegebenheiten und lokalen Traditionen. Die Auswahl von 100 Gründen könne daher nur unvollständig sein.

Benannt sind in der Ausstellung unter anderem: schiefe Nase, Hautausschlag, Pupsen, Stuhlgang, Nacktsein, Obdachlosigkeit, Sucht, Demütigung, Kleckern, Naivität, Mutterliebe, Menschlichkeit. Alles Gründe sich zu schämen? Ja und Nein, sagt die Ausstellung, es hängt vom Individuum und seinem Umfeld ab. Die Scham hat an Bedeutung nicht verloren, sondern wechselt lediglich ihre Gestalten, sagt Tyradellis. "Der Mensch kann auf Scham nicht verzichten." Manchmal gebe es zu viel von ihr, manchmal zu wenig. Aber Scham sei "der Affekt der Verhältnismäßigkeit".

Sie regelt das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Der Psychotherapeut Peter Conzen spricht in seinem Essay für den Ausstellungskatalog von der "Doppelrolle" der Scham, als "Hüterin wie als potenzielle Zerstörerin menschlichen Selbstgefühls". Die Ausstellung erzählt über höchst unangenehme Situationen, etwa heimliche gefilmte Szenen, die ins Netz gestellt werden, das Betteln, die Satire und deren Beschämung von Menschen bis hin zur existenziellen Scham darüber, der zum Massenmord fähigen Gattung Mensch anzugehören.


Strategie der Schandstrafe

Auch die "Strategie der öffentlichen Beschämung" wird benannt, darunter die heute wieder aktuellen sogenannten Schandstrafen in den USA. In Ohio etwa habe eine Prostituierte einen Tag lang im Hühnerkostüm durch die Stadt gehen müssen, erzählt Tyradellis. Die neue Ausstellung ist auch ein Experiment von Scham und Peinlichkeit. Inszeniert sind Momente des Beobachtetwerdens: Eine Eye-Tracking-Technik informiert darüber, welches Körperteil der Blick auf einer erotischen Darstellung fixiert, eine Waage misst das Gewicht und projiziert das Ergebnis in den Raum.

Die Scham gehöre wahrlich nicht zu den angenehmen Gefühlen, sagt Klaus Vogel, Direktor des Hygiene-Museums, aber sie sei keine gesellschaftliche Konvention, die es abzuschaffen gilt. Kurator Tyriadellis sagt, die Ausstellung erzähle, "in welcher Weise Scham Leben regelt". Bestenfalls komme der Besucher "beschwingter und freier raus".
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