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Musikforscher erklären: So wird ein Song zum Dauerbrenner


Autor: Christian Pack, Peter Groscurth

Würzburg, Dienstag, 18. Oktober 2016

Schlager wie "Holz" sind simpel gestrickt, aber sehr erfolgreich. Hörer fragen sich: Wie ist das möglich? Und warum läuft im Radio häufig das Gleiche?
Mit seinem Gute-Laune-Song "Happy" landete Pharrell Williams einen absoluten Top-Hit.  Foto: EPA/JONATHAN BRADY UK & IRELAND OUT dpa


" ... Du kannst es verbrennen, du kannst es sägen. Ich und mein, ich und mein Holz. Ja, wenn du es verbrennst, dann spendet es Wärme. Ich und mein, ich und mein Holz.
Aber wenn du es sägst, dann nicht. Ich und mein Holz, ich und mein Holz
..."

Schlichter Text, monotone Reggae-Rhythmen, immenser Erfolg: Der Song "Holz" der Essener Musiker 257ers hat die deutschen Single-Charts im Sturm erobert. Auch das Video wurde zum Internet-Hit: Über elf Millionen Nutzer hatten den Clip auf "Youtube" innerhalb von drei Monaten angeklickt. Ein simples Lied über Holz wird zum Schlager. Und viele Hörer fragen sich: Wie ist das möglich?

Wenn Ulrich Konrad Auto fährt und im Radio zufällig "Holz" hört, wechselt er nicht kopfschüttelnd den Sender. Er analysiert aber auch nicht die Tonfolge. Dabei könnte man das durchaus vermuten. Konrad ist Professor am Lehrstuhl für Musikwissenschaft der Universität Würzburg. Das Phänomen "Holz" erklärt er so: "Es gibt einige Parameter, die für alle Hits gelten: Einfachheit, Kurzweiligkeit. Aber jeder Ohrwurm hat auch immer etwas ganz Individuelles." Im Fall des "Holz-Songs" ist dies vor allem das Textelement. Wolfgang Pfeiffer vom Institut für Musikpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg sagt: "Der leicht unsinnige Text schafft große Aufmerksamkeit, lässt sich schnell nachsingen." Zudem sei das Thema sehr ungewöhnlich und unkonventionell.


Die eine Hit-Formel gibt es nicht

Eine allgemeine Hit-Formel gäbe es aber nicht. "Sonst würden pausenlos Ohrwürmer produziert", sagt Kollege Konrad. Musiker auf der ganzen Welt würden tagtäglich verzweifelt versuchen, den einen Hit zu produzieren. Mit mäßigem Erfolg: "Das kann man beispielhaft jedes Jahr beim Eurovision Song Contest beobachten", sagt Konrad. Wobei es diese Lieder immerhin in die Öffentlichkeit schaffen. "98 Prozent aller produzierten Lieder erreichen gar nicht unsere Ohren - und das ist auch gut so."

Dabei gibt es bei der Hit-Ausprägung natürlich noch Unterschiede. Songs wie "Holz" haben ebenso viele Fans wie Feinde. Bei einem Lied wie "Happy" von Pharrell Williams (das Video wurde auf Youtube schon über 100 Millionen mal angeklickt) ist das anders. Konrad: "Da passt alles: der Typ, der Rhythmus, die Sprache, das Lebensgefühl."


Monotone Dauerberieselung

Genauso sieht es Wolfgang Pfeiffer: "Ein richtiger Hit trifft die momentane gesellschaftliche Stimmung, ein Lebensgefühl besonders gut, vereinigt mehrere aktuelle Emotionen." Trotzdem müsse ein Song nicht ausgefeilt daherkommen, um erfolgreich zu sein. "Ein Ohrwurm kann eine erhabene Melodie von Beethoven sein, oder das Da Da Da von Trio. Die Musik muss den Menschen nur irgendwie berühren."

Für all jene, die von simpler, monotoner Dauerberieselung nur noch genervt sind, hat Ulrich Konrad eine schlechte und eine gute Nachricht. "Wir sind heutzutage praktisch überall Musik ausgesetzt. Aber zum Glück vergessen wir vieles ziemlich schnell wieder."


So jagen die Radiomacher den Hits hinterher

Sie leben von der Musik und ihre Hörer knipsen sich nur rein, wenn die Lieder für gute Laune sorgen: Sender, wie Radio Bamberg, Radio Eins (Coburg) oder Radio Plassenburg (Kulmbach). Doch wie wählen diese Stationen ihre Titel aus, um beim Publikum in der Region zu punkten?

Jörg Wagner ist der Chef der Musikredaktion bei Radio Bamberg. Er weiß, worauf es bei der Auswahl der richtigen Titel ankommt. "Ein Hit ist ein Lied, das man zwar überall spielt, aber das die Hörer erst einmal kennenlernen müssen", verrät er. Und fügt an: "Ein echter Hit entsteht erst mit der Zeit."


Milow und Adele hoch im Kurs

Sehr analytisch werden im Auftrag von Radio Bamberg Menschen aus Oberfranken telefonisch befragt, welche Musiktitel ihnen gefallen, oder welche sie ablehnen. "Songs von Milow kommen meist sehr gut an. Auch Adele steht hoch im Kurs." Aus solchen Befragungen entstehen schließlich Songtitel der Kategorie A. Unter der Bezeichnung B werden Lieder gespielt, die das Publikum schon kennt - im Fachjargon der Radioleute nennt man das "warm gespielt". Mit vielen weiteren Kriterien werden Lieder schließlich in der Software "GSelector" erfasst, die dann einen Tag für die Sender planen kann. In der Datenbank des Senders befinden sich gegenwärtig 15 000 Lieder aus allen Genres. 950 davon werden häufig gespielt.

Und was antwortet Wagner Kritikern, die es nervt, dass im Radio immerzu das Gleiche gebracht wird? "Die Hörer wollen das so. Sie wünschen sich ein Programm, das sie erkennen, mit dem sie sich wohlfühlen." Ohne Formatradio gäbe es diesen Erfolg nicht.

"Unsere Hörer wollen Erwartbarkeit. Gerade zu unseren Hauptzeiten zwischen 6 und 8 Uhr ist die richtige Mischung extrem wichtig." Radio Bamberg bekommt das anscheinend gut hin: Der Sender hat eine Tagesreichweite von 60 000 Hörern und liegt damit in der Region an der Spitze.

Hören die Oberfranken andere Musik als etwa in Südbayern? "Das ist so. Die Sportfreunde Stiller kommen bei uns nicht so gut an. Das gilt auch für das Lied ,Ham kummst' von Seiler & Speer", verrät Wagner. Dafür gäbe es aber mit "Sound of silence" der Band Disturbed einen echten Kracher.