London
Gewalttat

Zehn verletzte Muslime bei Anschlag mit Lieferwagen in London

Ein 47-Jähriger rast mit einem Lieferwagen in eine Gruppe Muslime vor einer Moschee. Nach der Tat soll er gerufen haben: "Ich habe meinen Teil getan."
Artikel einbetten Artikel drucken
Ein Lieferwagen steht am 19.06.2017 in London, Großbritannien, im Stadtteil Finsbury Park. Im Londoner Stadtteil Finsbury Park hat es nach Polizeiangaben einen schweren Zwischenfall mit einem Toten und zehn Verletzten gegeben. Der Lieferwagen war in der Nacht in eine Menschenmenge nahe einer Moschee gefahren. Der Fahrer wurde festgenommen. Foto: Joel Goodman/London News Pictures via ZUMA/dpa
Ein Lieferwagen steht am 19.06.2017 in London, Großbritannien, im Stadtteil Finsbury Park. Im Londoner Stadtteil Finsbury Park hat es nach Polizeiangaben einen schweren Zwischenfall mit einem Toten und zehn Verletzten gegeben. Der Lieferwagen war in der Nacht in eine Menschenmenge nahe einer Moschee gefahren. Der Fahrer wurde festgenommen. Foto: Joel Goodman/London News Pictures via ZUMA/dpa
+4 Bilder
Das von Terrorattacken gebeutelte Großbritannien kommt nicht zur Ruhe: Bei einem Anschlag mit einem Lieferwagen in London hat ein Mann zehn Mitglieder einer muslimischen Gemeinde verletzt. Der 47-jährige Fahrer, ein Weißer, wurde unter Terrorverdacht festgenommen, wie die Polizei mitteilte.

Die Bluttat sei "ganz klar eine Attacke auf Muslime", sagte Polizeichefin Cressida Dick am Montag. Premierministerin Theresa May sagte, die "Terrorattacke" habe erneut unschuldigen Menschen in ihrem Alltag gegolten - mit dem Ziel, die Gesellschaft zu spalten.



Der 47-Jährige war am frühen Montagmorgen in eine Menschenmenge in der Nähe einer Moschee im Stadtteil Finsbury Park gerast. Die Muslime waren während des Fastenmonats Ramadan nach dem Ende eines Gebets auf der Straße. Augenzeugen zufolge rief der 47-Jährige: "Ich will Muslime töten." Wie der Vorsitzende der Moschee berichtete, soll er nach der Tat gerufen haben: "Ich habe meinen Teil getan."

Ob ein Mann als Folge des Angriffs umkam, war nach Angaben der Polizei zunächst unklar - er hatte demnach schon vor der Tat erste Hilfe erhalten. Augenzeugenberichten zufolge wurde der Mann dagegen von dem Fahrzeug erfasst. Acht der zehn Verletzten wurden ins Krankenhaus eingeliefert.


Drei Anschläge seit März

Seit März ist Großbritannien bereits dreimal von Terroranschlägen erschüttert worden. In Manchester hatte ein Selbstmord-Attentäter Ende Mai nahe einem Pop-Konzert 22 Menschen getötet. In London töteten Terroristen im März und Anfang Juni insgesamt mindestens 13 Menschen. Die Londoner Polizei hatte nach den jüngsten Anschlägen mehr islamfeindliche Vorfälle registriert als üblich.

Die Tat ereignete sich in der Seven Sisters Road nahe dem Muslim Welfare House. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch die Finsbury-Park-Moschee, die Anfang der 2000er Jahre wegen des Hasspredigers Abu Hamza al-Masri Schlagzeilen machte.

Die Behörden gehen davon aus, dass der Verdächtige allein gehandelt hat. Waffen hatte er demnach nicht dabei. Der Mann sei der Polizei nicht bekannt gewesen, hieß es. Er sollte auch auf seine psychische Gesundheit hin untersucht werden.


Polizei will Präsenz erhöhen

In Verbindung mit dem Vorfall durchsuchte die Polizei eine Wohnung in der Region Cardiff. Der bei dem Anschlag benutzte Lieferwagen stammt aus Wales. Er wurde von einer Firma in Pontyclun in der Nähe der walisischen Hauptstadt ausgeliehen, wie der Minister für Wales, Alun Cairns, mitgeteilt hatte. Unbestätigten Berichten zufolge stammt der Verdächtige aus der Region.

Die Polizei kündigte an, zusätzliche Beamte einzusetzen - auch in der Nähe muslimischer Einrichtungen.
Ein Imam wurde als Held gefeiert. Mohammed Mahmoud soll sich nach Augenzeugenberichten schützend vor den Terrorverdächtigen gestellt haben, der aus dem Lieferwagen gezerrt worden war. "Fasst ihn nicht an", habe er demnach Menschen entgegengerufen, die sich wütend auf den Mann gestürzt hatten. Der 47-Jährige war von dem Iman und anderen Umstehenden festgehalten worden. Sie übergaben ihn später der Polizei.

Das Gebetshaus verurteilte den Vorfall: "Wir haben über Jahrzehnte sehr hart für eine friedliche und tolerante Gemeinschaft hier in Finsbury Park gearbeitet und verurteilen schärfstens jeden Akt des Hasses, der versucht, unsere wunderbare Gemeinschaft zu spalten", heißt es in einer Mitteilung, die das Muslim Welfare House im Internet veröffentlichte.


Hintergrund: Terror, Amok, Attentat - Fahrzeuge als Waffe

Fahrzeuge sind zuletzt häufiger für Attentate auf die Zivilbevölkerung genutzt worden. Autos, Last- oder Lieferwagen wie jetzt erneut in London sind unverdächtig und leicht zu beschaffen.

LONDON, März und Juni 2017: Auf der Westminster Bridge überfährt im März ein Attentäter mehrere Fußgänger und ersticht vor dem Parlament einen unbewaffneten Polizisten, bevor er erschossen wird. Bilanz: vier Tote und 40 Verletzte. Anfang Juni töten Angreifer mit einem Transporter erst drei Menschen auf der London Bridge und erstechen später fünf Menschen am Borough Market. Polizisten erschießen die drei Täter. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert beide Taten für sich.

STOCKHOLM, April 2017: Ein gekaperter Lastwagen rast in einer Einkaufsstraße erst in eine Menschenmenge und dann in ein Kaufhaus. Fünf Menschen werden getötet. Die Polizei nimmt einen Usbeken fest.

BERLIN, Dezember 2016: Ein Weihnachtsmarkt wird zum Ziel eines islamistischen Terroranschlags. Zwölf Menschen sterben, als ein IS-Anhänger einen gekaperten Lastwagen in die Menschenmenge steuert. Wenige Tage später erschießen Polizisten den 24 Jahre alten Tunesier bei einer Kontrolle nahe dem italienischen Mailand.

COLUMBUS (USA), November 2016: Ein somalischer Student der Ohio State University fährt auf dem Campus in eine Gruppe Fußgänger. Dann greift er Passanten mit einem Messer an, elf Menschen werden verletzt. Ein Polizist erschießt den Attentäter. Der IS nennt ihn einen "Soldaten des Kalifats".

NIZZA, Juli 2016: Am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, rast ein Lastwagen in eine Menschenmenge. Der islamistische Attentäter tötet 86 Menschen und verletzt mehr als 200. Auch diesen Anschlag reklamiert der IS für sich.
Noch keine Kommentare