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Rabiate Erziehung

Kinder mit Gewalt zum Essen gezwungen: Kindergärtnerin zahlt Strafe

Im Prozess um rabiate Erziehungsmethoden hat die angeklagte Kindergärtnerin den Strafbefehl angenommen.
Symbolfoto: pixabay
 
von DPA
Ein Prozess um rabiate Erziehungsmethoden einer Kindergärtnerin ist am Dienstag nach weniger als einer halben Stunde beendet worden. Die 26-jährige Angeklagte aus dem Ostallgäu nahm nach Verlesung der Anklageschrift ihren Einspruch gegen einen Strafbefehl zurück. "Es lastet ein extremer Druck auf ihr. Das steht sie nicht durch", sagte ihr Verteidiger. Weil die Staatsanwaltschaft am Amtsgericht Augsburg der Rücknahme zustimmte, ist der Strafbefehl rechtskräftig. Die Frau hat in einem Kindergarten mehrere Kinder gewaltsam zum Essen gezwungen.
Die Angeklagte hatte einen Strafbefehl wegen Nötigung in sechs Fällen erhalten. Sie sollte 3200 Euro zahlen. Weil sie nach Angaben einer Justizsprecherin die Vorwürfe bestritt und gegen den Strafbefehl Einspruch einlegte, sollte der Fall jetzt verhandelt werden. Das große Medieninteresse war der jungen Frau jedoch sichtlich zu viel. Weinend und eingeschüchtert saß sie auf der Anklagebank.

Laut Anklage hatte die Erzieherin Ende 2014 und Anfang 2015 bei sechs Kindern im Alter von eineinhalb bis zweieinhalb Jahren zu rabiaten Erziehungsmethoden gegriffen. Als die Kleinen das gemeinsame Essen verweigerten, habe sie die Wangen der Kinder zusammengedrückt, um die Münder zu öffnen. Danach habe die Frau das Essen eingeführt und den Kindern den Mund zugehalten, bis diese das Essen schluckten.


Was tun, wenn die Kleinen in den Kindergärten und Krippen nicht essen wollen?

Die Experten kennen da ein paar gute Tricks, um unsere Jüngsten zum Essen zu bewegen. Nur eins geht gar nicht: die Anwendung von Gewalt. So die übereinstimmende Meinung.


Reaktionen im Internet

Unabhängig davon war die Reaktion auf den Fall im Internet riesig. In einem Kommentar meinte Nicole H.:"So etwas geht gar nicht! Wenn Kinder keinen Hunger haben, dann ist das einfach so!" Oder Derya B.: "Ich weiß gar nicht, ob die Menge der Grund war, dass die Kids nicht essen wollten. Vielleicht schmeckt ihnen ja das Essen gar nicht." Und Chantal L.:" Das Essen bezahle ich. Demzufolge ist es völlig wurst, ob mein Kind aufisst oder nicht und hat niemanden etwas anzugehen." Klare Ansagen.


Im zuständigen Sozialministerin erklärte eine Sprecherin auf Nachfrage zu dem aktuellen Fall:

"Das Kindeswohl hat immer im Vordergrund zu stehen. Es gibt deshalb keinerlei Recht Kinder mit Gewalt zum Essen zu zwingen."
Die langjährige Leiterin eines Bamberger Kindergartens verweist ebenfalls darauf, dass die Anwendung irgendwelchen Zwangs beim Essen "grundsätzlich nicht geht." Wobei sie sich durchaus für feste Essenszeiten einsetzt, auch dafür, dass Kinder beim Füttern zumindest einmal probieren sollten, ob das Vorgesetzte auch schmeckt.
 


Essen schmackhaft machen

Hilfreich sei, Kinder bei der Vorbereitung des Essens miteinzubeziehen und ihnen das Essen auf diese Weise schmackhaft zu machen. Habe ein Kind einfach mal keinen Appetit, wäre das auch kein Beinbruch.

Johannes Zenk, Leiter der Fachakademie für Sozialpädagogik in Höchstadt, einer Einrichtung, die für die Ausbildung von Erzieherinnen zuständig ist, dürfte das gerne hören. Sein Credo: "Essen und Zwang haben grundsätzlich nichts miteinander zu tun." Im Gegenteil, die Anwendung von Zwang berge eher große Gefahren. In der Gesundheitspädagogik und Ernährungserziehung würden derlei Methoden deshalb strikt abgelehnt. Würde ein Kind grundsätzlich das Essen verweigern, könne das viele Ursachen haben. Die müssten dann am besten in Zusammenarbeit mit den Eltern angegangen werden.


Essen und Kinder: Probleme gab es früher auch schon

Alles Probleme, die es früher auch schon gegeben haben muss, wie die Struwwelpetergeschichten des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem 19.Jahrhundert zeigen. Damals setzte man allerdings weniger auf Motivation als auf einen warnend-pädagogischen Ansatz wie das Beispiel des Suppen-Kaspars zeigt.
Die Thematisierung der Verweigerung der Nahrungsaufnahme ("Nein, meine Suppe ess ich nicht") führte hier innerhalb weniger Tage zum Tod.


Probleme mit Kindergärtnerin: Eltern sollten schnell Gespräche führen

Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Kind in der Kita schlecht behandelt wird, sollten sie zunächst mit der Erzieherin oder der Gruppenleitung sprechen. Dabei sollten sie genau benennen, was ihnen ein ungutes Gefühl bereitet. Darauf weist das Bayerische Familienministerium hin. Gleichzeitig können sich Eltern an den Elternbeirat der Einrichtung wenden. Das gilt etwa, wenn sie fürchten, dass ihr Kind zum Essen gezwungen oder für Fehlverhalten hart bestraft wird.

Bringt das keine Änderung, und das ungute Gefühl hält an, sollten sich die Eltern in einem nächsten Schritt an die Kitaleitung wenden. Haben sie allerdings den Eindruck, das Problem liegt bei der Leitung selbst, ist es empfehlenswert, den Träger als Verantwortlichen der Einrichtung hinzuziehen.

Danach haben Eltern die Möglichkeit, sich vor Ort an die zuständige Aufsichtsbehörde zu wenden. In der Regel sind das die Jugendämter. Geht es sogar um eine mögliche Kindeswohlgefährdung, sollten Mutter und Vater gleich diesen Schritt gehen. Denn das Jugendamt hat die Aufgabe, solchen Verdachtsfällen in Kindertageseinrichtungen nachzugehen.


Für die Kinder könne die Zwangsernährung ein traumatisches Erlebnis sein, sagt der psychologische Psychotherapeut Uwe Wetter.

Er zieht Parallelen zu Fällen in Kinderheimen in den 1950er Jahren. "Heute weiß man ja, man sollte Kinder auch nicht zwingen, den Teller aufzuessen." Derart belastende Erlebnisse könnten - je nach Angstzustand und Wiederholung - sogar zu Essstörungen führen.

Für Eltern wiederum ist es eine Horrorvorstellung, wenn sie ihre Kinder guten Gewissens in die Obhut ausgebildeter Erzieher geben und am Ende so etwas passiert. Doch der Deutsche Städte- und Gemeindebund relativiert: Angesichts von rund 42 000 Kindertageseinrichtungen bundesweit und Tausenden Plätzen bei Tagesmüttern seien derartige Fälle die Ausnahme. "Das ist zwar ganz, ganz bedauerlich - spiegelt aber nicht die Regel wieder", sagt die zuständige Referatsleiterin Ursula Krickl. Generell stehe das Kindeswohl im Vordergrund und sei immer zu beachten. Aber sie betont: "Es ist ein schmaler Grat: Wo hört die wohlwollende Fürsorge auf, wo fängt rabiater Umgang an?"

Erzieher übernähmen neben der Fürsorge- auch die Aufsichtspflicht, macht Krickl deutlich. Bundeseinheitliche gesetzliche Grundlagen dazu gibt es nicht. "Selbstverständlich ist kein Recht gegeben, ein Kind zwanghaft zum Essen oder Schlaf zu bewegen", teilt das bayerische Sozialministerium mit. "Solch ein Vorgehen wird zum einen strafrechtlich verfolgt, zum anderen drohen ernsthafte arbeitsrechtliche Konsequenzen." Der Übergang der Pflichten von den Eltern auf die Erzieher ergebe sich aus dem jeweiligen Betreuungsvertrag, der mit dem Träger der Einrichtung geschlossen wird. "Im Übrigen ist die Reichweite der Fürsorge- und Aufsichtspflicht Sache der Auslegung und den Gerichten vorbehalten."

Erzieher sollten in der Ausbildung lernen, welche Maßnahmen erlaubt sind, sagt Krickl. Allerdings sei die Ausbildung von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. In Bayern sei sie mit fünf Jahren am längsten, in Baden-Württemberg dauere sie nur drei Jahre. Eine Sprecherin des Landratsamts Augsburg, das für den Kindergarten im konkreten Fall verantwortlich ist, sagt: "In der Ausbildung wird auch erklärt, was erlaubt ist und was nicht." Ist also eigentlich alles klar und unmissverständlich?

"So etwas darf nicht passieren", sagt Norbert Hocke, für Jugendhilfe und Sozialarbeit verantwortliches Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Bei knapp 600 000 Beschäftigten gebe es immer auch menschliches Versagen. "Die Rahmenbedingungen können ein Grund sein, aber sie dürfen keine Ausrede sein." Geklärt werden müsse, wie die Essenssituation im Einzelfall war, wie viele Kinder die Erzieherin vielleicht auch wegen kranker Kollegen betreuen musste und wie ernst Kinder genommen würden. Daher müsse nicht nur den Kindern, sondern auch der Erzieherin geholfen werden. Generell gelte aber: "Eltern geben Kinder in eine Institution und müssen die Gewähr haben, dass die Kinder unversehrt nach Hause kommen."

zum Thema "Blaulicht"

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