Wien
Interview

Deshalb ist Polyamorie eine große Herausforderung

Sich mitfreuen, wenn der Partner gerade Sex mit jemand anders hat? Wer das nicht kann, sollte von Vielliebe die Finger lassen. Einige trauen sich trotzdem.
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Sich mitfreuen, wenn der Partner gerade Sex mit jemand anders hat? Wer das nicht kann, sollte von Vielliebe die Finger lassen. Einige trauen sich trotzdem. Foto: Peter Kneffel/dpa
Sich mitfreuen, wenn der Partner gerade Sex mit jemand anders hat? Wer das nicht kann, sollte von Vielliebe die Finger lassen. Einige trauen sich trotzdem. Foto: Peter Kneffel/dpa
Die Vielliebe oder Polyamorie klingt für manche nach Vergnügen, ist aber eine anspruchsvolle Form der auch intimen Beziehung zu mehreren Menschen. "Es ist aufwendig", sagt der Forscher Stefan Ossmann von der Universität Wien. Wie viele Menschen so eine Vielliebe mit ihren großen Herausforderungen - wie zum Beispiel dem Ersetzen der Eifersucht durch Mitfreuen - leben, ist nicht für alle leicht zu verstehen. Klar scheint nur: Es ist ein Thema, zu dem alle eine Meinung haben.

Jetzt ist Valentinstag. Das bedeutet, wer polyamor lebt, muss einige Blumensträuße verschenken?
Wer polyamor lebt, beschäftigt sich nicht nur am Valentinstag, sondern 365 Tage im Jahr sehr intensiv mit Themen wie Respekt und Wertschätzung. Der Valentinstag verliert in so einem Umfeld an Bedeutung.

Was sind die Hauptprobleme bei einer nicht-monogamen Beziehung?
Einer der wesentlichen Schlüssel zum Erfolg ist, dass alle Beteiligten die Eifersucht durch eine Mitfreude ersetzen müssen. Das muss man erst lernen. Außerdem scheint das knappe Gut die Aufmerksamkeit und die Zeit füreinander zu sein. Liebe ist genug da.

Wer interessiert sich für Polyamorie?
Es sind Menschen die sich aus Beziehungen heraus zusätzlich verlieben. Es sind Personen, die immer schon polyamorös empfunden haben. Das sind Paare, die nach einem langen Zusammenleben finden, dass sie emotional oder sexuell zu wenig befriedigt sind. Dahinter steckt manchmal auch einfach Neugier. Und es ist kein männliches Phänomen. Frauen haben ein genauso hohes Interesse daran wie Männer.

Gibt es Zahlen zur Verbreitung der Vielliebe?
Keine wissenschaftlich wirklich belegbaren. Es ist gelegentlich von rund fünf Prozent der Erwachsenen die Rede. Das halte ich für möglich im Sinne von polyamorös empfinden. Wirklich gelebt wird Polyamorie von vielleicht 0,5 Prozent, der Anteil der geouteten Personen ist noch niedriger.

Das scheint sehr übersichtlich.
Es ist aufwendig. Es erfordert absolute Transparenz. Das Wissen aller Beteiligten voneinander unterscheidet die Vielliebe von der Affäre. Und es ist weiter stigmatisiert. Zu einer Feier, gar zu einer Hochzeitsfeier, als lesbisches oder schwules Paar zu kommen, ist heute kein Problem mehr. Stellen sie sich aber vor, eine Frau besucht eine Hochzeit offiziell mit ihren beiden Partnern.

Spielt das Thema eigentlich im Film eine Rolle?
Ja, es gibt einige Filme und auch eine Serie darüber. Selbst in den USA. Da geht es natürlich um Quoten. Und Polyamorie ist ein Thema, zu dem alle eine Meinung haben. Ähnlich wie zu veganer Ernährung.

Stefan Ossmann (41) arbeitet an der Universität Wien an einem dreijährigen, vom österreichischen Wissenschaftsfonds geförderten Forschungsprojekt zum Thema, über das er promoviert.
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