Grafenrheinfeld
Energie

Bundesnetzagentur kauft Stromreserven in Italien

Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld fährt seine Leistung zurück. Zur Sicherstellung der Stromversorgung hat die Bundesnetzagentur 545 Megawatt Netzreserve aus Italien bestellt.
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Illustration: Franziska SchäferIllustration
Illustration: Franziska SchäferIllustration
Es war absehbar. Ohne den Strom aus dem Kernkraftwerk Grafenrheinfeld kann in den energieintensiven Wintermonaten eine gesicherte Versorgung im Freistaat nicht garantiert werden. Es existiert keine Trasse, die Strom aus dem Norden heranführen könnte, und Gaskraftwerke als Ersatz existieren - wenn überhaupt - dann nur in den Köpfen einiger Politiker.

Kein Wunder also, dass die Bundesnetzagentur bereits im Mai vergangenen Jahres für diesen Winter einen Reservebedarf von 3091 Megawatt festgestellt hat. Die Bonner haben schließlich für eine gesicherte Energieversorgung im Land zu sorgen. Nachdem auch noch die Eon Kraftwerke GmbH mitgeteilt hat, dass das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld von Januar bis März 2015 nur im sogenannten Streckbetrieb gefahren wird - das bedeutet eine Absenkung der Leistung von 1275 auf 800 Megawatt - wurde ein zusätzlicher Bedarf von 545 Megawatt festgestellt. Neben den 785 Megawatt, die man sich zuvor schon in Österreich gesichert hatte.

Der Mehrbedarf wurde jetzt über ein sogenanntes Interessenbekundungsverfahren (IBV) der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) befriedigt. Dazu sollen entsprechende Verträge mit den italienischen Unternehmen Enel Trade Spa und Edison Trading Spa abgeschlossen worden sein.
Wie eine Pressesprecherin der Bundesnetzagentur erläuterte, entstehen damit zunächst einmal Kosten für die Vorhaltung dieser Energiemenge. Würde der Strom tatsächlich benötigt, müsste mit weiteren Kosten gerechnet werden. Zu zahlen letztlich vom Endverbraucher.

Petra Uhlmann, Pressesprecherin der Eon Kraftwerke in Hannover, verwies auf Nachfrage darauf, dass das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld zum 31. Mai diesen Jahres die Stromproduktion einstellen werde. Aus diesem Grund würde zwischen Januar und März die Leistung schon einmal deutlich zurückgefahren. Im März käme es dann im Rahmen einer Revision letztmals zur Neupositionierung der Brennstäbe. Bis Ende Mai soll der Planung zufolge das Kraftwerk nochmals unter Volllast gefahren werden, ehe die Anlage endgültig abgeschaltet würde.
Bei der Bundesnetzagentur geht man angesichts dieser Entwicklung davon aus, dass es auch für die kommenden Winter Kraftwerksreserven braucht. Dabei gebe es den Berechnungen der Agentur zufolge für den Winter 2015/2016 einen ungedeckten Bedarf von 1400 Megawatt. Für den Zeitraum 2017/2018 liege der ungedeckte Reservebedarf bei 3000 Megawatt, hieß es.

Wie eine Pressesprecherin der Bundesnetzagentur weiter erklärte, würde dieser Reservebedarf durch vertragliche Vereinbarungen mit ausländischen Firmen gedeckt. So sei es durchaus möglich, dass die benötigte Leistung an Netzreserve bis zum Jahr 2018/2019 neben Österreich und Italien auch aus Frankreich bezogen werde.

Kraftwerke systemrelevant

Die Sprecherin bestätigte auch, dass nach dem Aus für Grafenrheinfeld derzeit praktisch alle Strom produzierenden Kraftwerke südlich des Mains als systemrelevant gelten würden. Das heißt, sie dürften nicht außer Betrieb genommen werden, da sonst die Energieversorgung im schlimmsten anzunehmenden Fall gefährdet wäre. Hierzu gehörten im Freistaat auch die Kraftwerke Irsching, Staudinger und Ingolstadt. In Baden-Württemberg handelt es sich um die Kraftwerke in Walheim und Heilbronn. Nach dem Abschalten des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld drängt die Zeit in Sachen Energiewende. Das letzte bayerische Kernkraftwerk Isar 2 soll am 31.12.2022 abgeschaltet werden. Bis dahin sollte wenigstens eine Stromtrasse aus dem Norden ihren Betrieb aufgenommen haben.


Kommentar von Klaus Angerstein

Von der Realität überholt

Eigentlich brauchen wir keine Stromtrassen aus dem Norden. Sagt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Bayern kann sich selbst versorgen, heißt es. Mit neuen Gaskraftwerken zum Beispiel. Markige Politikersprüche, nichts als heiße Luft, wie sich jetzt herausstellt. Weil sich auch mit aufgeblasnen Backen die Stromversorgung in Bayern nicht sicherstellen lässt. Von wegen der Freistaat versorgt sich selbst mit Strom. Die Bundesnetz- agentur, verantwortlich dafür, dass aus unseren Steckdosen auch Strom kommt, darf sich nicht auf derlei Politikersprüche verlassen. Da sind Fakten gefragt.

Und jetzt tritt ein, was nahezu jedermann schon länger klar sein musste: Ohne Kernkraftstrom aus Grafenrheinfeld, ohne Stromtrassen aus dem Norden und ohne neue Gaskraftwerke als Alternative zur Kernkraft wird es eng bei der Stromversorgung. Zumal im Winter. Weshalb die Bundesnetzagentur gezwungen ist, für die kalte Jahreszeit Sicherheitsreserven bei unseren europäischen Nachbarn einzukaufen. Für teures Geld natürlich.

Unter einer Politik der Energiewende dürften sich alle im Land etwas anderes vorgestellt haben. Keine Ahnung, wo da eine Wende sein soll, wenn wir die Atomkraftwerke im Freistaat abschalten, um hernach Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien zu beziehen. Während in Bayern nach eingehender energiepolitischer Debatte irgendwann einmal darüber befunden werden soll, ob wir keine, eine oder zwei Stromtrassen benötigen, hat die Realität unsere Politiker längst überholt.

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