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Massenflucht

410 000 Rohingya aus Myanmar geflohen - laut UN droht humanitäre Krise

Während Europa beim Stichwort Flüchtlinge hauptsächlich auf das Mittelmeer blickt, droht eine humanitäre Katastrophe in Südostasien.
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Myanmars Regierungschefin Aung San Suu Kyi spricht am 11.08.2017 in Naypyitaw (Myanmar).  Foto: Aung Shine Oo/AP/dpa.
Myanmars Regierungschefin Aung San Suu Kyi spricht am 11.08.2017 in Naypyitaw (Myanmar). Foto: Aung Shine Oo/AP/dpa.
Angesichts der Massenflucht von muslimischen Rohingya aus Myanmar droht nach UN-Angaben eine humanitäre Katastrophe im Nachbarland Bangladesch. In den vergangenen drei Wochen seien mehr als 410 000 Rohingya nach Bangladesch geflohen, teilte das UN-Kinderhilfswerk Unicef am Sonntag mit. Täglich kämen Tausende weitere hinzu. Die andauernde Gewalt in Myanmar habe die Situation zu einer der "am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrisen der vergangenen Jahre" gemacht, schrieb die Internationale Organisation für Migration (IOM).

Die Flucht von inzwischen Hunderttausenden Menschen begann am 25. August, als Myanmars Militär nach Angriffen von Rohingya-Rebellen auf Polizei- und Militärposten mit Razzien im Bundesstaat Rakhine begann. Rakhine grenzt an Bangladesh. Die Rohingya werden von Myanmar, dem ehemaligen Birma, nicht als Staatsbürger anerkannt. In dem Vielvölkerstaat ist die große Mehrheit der Bevölkerung buddhistischen Glaubens.

"Es ist zum Verzweifeln. Das ist eine der größten menschengemachten Krisen und Massenfluchten in der Region seit Jahrzehnten", sagte Martin Faller, stellvertretender Regionaldirektor des Roten Kreuzes. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnte insbesondere davor, dass sechs von zehn Geflüchteten Kinder seien. 36 000 von ihnen seien Babys unter einem Jahr, hinzu kämen mehrere Zehntausend schwangere Frauen.

Die meisten Geflüchteten leben in notdürftig errichteten Lagern entlang einer Hauptstraße, die aus Myanmar nach Bangladesch kommt. Die Gegend sei jüngst von Überflutungen betroffen gewesen und "nicht in der Lage, mit einer großen Anzahl von Neuankommenden zurecht zu kommen", sagte ein Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. "Es wird sofortige Nahrungsmittelhilfe benötigt", heißt es in einem UN-Bericht über die derzeitige Lage.

"Sie schossen zuerst und alle begannen, aus ihren Häusern zu rennen", sagte eine Geflüchtete der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge. Ein Augenzeuge beschrieb in der "Washington Post", dass Soldaten einem 80 Jahre alten Mann, der nicht schnell genug fliehen konnte, die Kehle durchgeschnitten hätten. "Ich kann (die Toten) nicht zählen", sagte ein anderer Augenzeuge dem Blatt. "Sie haben einen nach dem anderen geschlachtet. Blut floss durch die Straßen." Überlebende berichteten, dass ganze Dörfer der Rohingya niedergebrannt wurden.

Internationale Beobachter haben wiederholt das Schweigen von Myanmars de-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi kritisiert. "Ich würde erwarten, dass die Staatschefin (die Gewalt) unter Kontrolle bringen könnte und in der Lage wäre, die Situation umzukehren", sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Sonntag dem britischen Sender BBC. "Sie hat eine Chance, eine letzte Chance, dies zu tun."

Es sei aber klar, dass das Militär, welches Myanmar jahrzehntelang diktatorisch regiert hatte, "weiter die Oberhand" in dem Land habe, sagte Guterres weiter. Einige Kommentatoren weisen darauf hin, dass die buddhistische Bevölkerungsmehrheit in Myanmar mit der Gewalt gegen die muslimische Rohingya-Minderheit einverstanden ist. Ein nicht namentlich genannter Diplomat sagte der britischen Zeitung "Guardian", auch Suu Kyi fühle sich durch die Rohingya angegriffen und "verteidigt ihr Land".
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