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Berufswelt

Multitasking überfordert viele

Büroangestellte verlieren sehr viel Zeit, wenn sie Multitasking betreiben. Wer Schritt für Schritt arbeitet, ist effektiver.
Gleichzeitig telefonieren, mailen und konferieren überfordert. Foto: dpa
 
von PR-REDAKTION
Verlockende Vorstellung: Der multitaskingfähige Mensch als eierlegende Wollmilchsau, der viele Dinge auf einmal erledigt. Begleitend dazu poppt immer wieder die Theorie auf, das Hirn werde nur marginal gefordert, es schlummere also noch viel Potenzial in uns. Das ruft in der Berufswelt Optimierer auf den Plan, die danach trachten, das vermeintliche Humankapital zu heben. Das Ergebnis ist aber ernüchternd. Hinzu kommen eindeutige Signale aus der Wissenschaft, die Multitasking als wenig zielführend beschreiben. Besser, man arbeitet schön seine Prioritätenliste ab - Schritt für Schritt dem Feierabend entgegen.
Die Neurowissenschaftliche Gesellschaft e.V. schreibt in ihrem Portal www.dasgehirn.info, dass sich zwei Aufgaben eher nicht stören, wenn sie unterschiedliche Hirnareale benötigen. Allerdings haben es viele Aufgaben an sich, sowohl Informationen aufzunehmen als auch entsprechend zu reagieren. Dabei müssen die Areale, die für den Input zuständig sind, mit denjenigen verknüpft werden, die den Output steuern. Aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung deuten darauf hin, dass immer nur ein solches Binding möglich ist. Zwei Aufgaben, die jeweils ein Binding benötigen, stören sich gegenseitig. Allerdings stellen sich Übungseffekte ein, wenn die Aufgabe vertraut ist. Letztlich kommt es auch auf die konkrete Situation an, wie gut es gelingt, gleichzeitig auf verschiedene Anforderungen einzugehen.


Automatisiertes Handeln

Der Übungseffekt, das automatisierte Handeln durchs Unterbewusstsein, kann so ausschauen: Der Asiate bringt es fertig, während der einstündigen Nagel-Aufhübsch-Prozedur ohne Punkt und Komma zu telefonieren. Kitzliger wird das beim Autofahren. Beim Test von US-Forschern der Universität Utah saßen Versuchspersonen am Steuer eines Fahrsimulators und sollten während des Fahrens telefonieren und eine SMS verfassen. Dabei sank ihre Leistungsfähigkeit um mindestens 40 Prozent bei gleichzeitiger Erhöhung der Stresswerte. Die Fehlerquote pendelte sich aufs Niveau von betrunkenen Fahrern ein.
Studien sind ziemlich eindeutig. So haben US-Arbeitspsychologen gemessen, wie viel Zeit Büroangestellte verlieren, wenn sie häufig zwischen zwei oder mehreren Aufgaben wechseln müssen, anstatt sich auf ein Problem zu fokussieren. Von einer Stunde blieb weniger als eine halbe Stunde konzentriertes Arbeiten übrig

Abnehmende Hirnaktivität

In einer weiteren Studie wurden Versuchspersonen Sätze vorgelesen, während sie mit dem Vergleich von zwei komplexen dreidimensionalen Objekten eine anspruchsvolle visuelle Aufgabe bewältigen mussten. Dabei nahm die Hirnaktivität, die für die Verarbeitung der visuellen Informationen aufgewendet wurde, um durchschnittlich 29 Prozent ab.
Konzentrierte sie sich hingegen eher auf die Verarbeitung der visuellen Informationen, sank die für das Sprachverständnis aufgewendete Hirnaktivität gar um 53 Prozent. Dementsprechend fallen die Kommentare der Fachwelt zu Multitasking aus: So ist für den Autor, Redner und Coach Martin Geiger Multitasking "keine Kunst, sondern die Unfähigkeit, sich zu organisieren". "Multitasking ruiniert die Qualität", urteilt die US-Autorin Suze Orma. Und Kollege Erwin Koch formulierte drastisch: "Multitasking heißt, viele Dinge auf einmal zu vermasseln."
Arbeiten nach Prioritätenliste setzt voraus, dass man erkennt, was jetzt gerade wichtig ist und was nach hinten geschoben werden kann. In der Medienbranche ist das eigentlich ganz einfach: Die Dringlichkeit ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung. Langzeitprojekte mit hohem Rechercheaufwand wandern hingegen nach hinten und werden erst verbindlich, wenn die Recherche abgeschlossen ist.
Gerhard Beck/ak/jr
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