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Qualität aus der Region

Regionales in der Einkaufstasche

Regionale Lebensmittel stehen hoch im Kurs. Umfragen zeigen, dass Verbraucher bereit sind, dafür tief in die Tasche zu greifen.
Fahrender Metzger: Auch so kommt Regionales auf den Markt.  Foto: Beck
 
von PR-REDAKTION
Fragwürdiges bleibt da nicht aus, viele wollen unter der Flagge "Regionales" segeln. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft beim Direktvermarkter. Im Zweifelsfall lässt sich dank des direkten Kontakts schnell klären, ob das, was verkauft wird, auch vom Hof stammt.
"Regionalität hat einen höheren Stellenwert beim Verbraucher als Bio-Qualität", ist das Aufsehen erregende Ergebnis einer Studie, die die Unternehmensberatung A. T. Kearney angefertigt hat. Untersucht wurde von diesem Institut auch das Einkaufsverhalten. Dabei stellte sich heraus, dass über 80 Prozent der Befragten mehrmals im Monat regionale Lebensmittel einkaufen, über 60 Prozent sogar wöchentlich. Herausgefunden haben die Unternehmensberater auch, dass das Geschlecht für den Kauf regionaler Lebensmittel nicht entscheidend ist.


Regionales Bewusstsein erst ab 25

Allerdings spielt das Alter eine Rolle: Ab 25 Jahren nimmt der Konsum von regionalen Lebensmitteln zu. Die Studie legt darüber hinaus dar, dass die Identifikation mit der Region ein starkes Motiv für den Kauf regionaler Lebensmittel ist. Durchschnittlich 80 Prozent der Konsumenten, die sich "sehr stark" und etwas mehr als 60 Prozent derer, die sich "stark" mit ihrer Region identifizieren, kaufen wöchentlich regionale Lebensmittel ein.
Regionale Lebensmittel haben unbestritten viele Vorteile: Verbraucher und Erzeuger stehen in direktem Kontakt. Sie fördern die regionale Wirtschaft. Und sie können dazu beitragen, das immer dichter werdende Verkehrsaufkommen zu reduzieren. Nach Berechnung der RUAF-Stiftung für Urbane Landwirtschaft ließen sich jährlich 21 000 Tonnen Kohlendioxid einsparen, wenn eine Stadt mit 350 000 Einwohnern etwa 20 Prozent der Grundnahrungsmittel in einem Umkreis von 20 Kilometern herstellen würde.


Größte Einsparung beim Transport

Der Löwenanteil der Einsparung entfiele auf den Transport: 16 Millionen Transportkilometer würden sich erübrigen. Die Förderung der regionalen Wirtschaft ist auch eine Herzensangelegenheit für viele Verbraucher. Viele haben das Bewusstsein, durch ihren Kauf zum Erhalt regionaler Spezialitäten beizutragen. Viele legen außerdem Wert auf saisonal passende, ausgereifte und aromatische Produkte. "Eine weitere Motivation für den Kauf regionaler Produkte ist das Gefühl, durch die Globalisierung selbst beim Kauf von Lebensmitteln in die Abhängigkeit weltweit agierender Konzerne zu geraten", schreiben Gesa Maschkowski und Britta Klein in ihrem Beitrag "Regional einkaufen" für den aid-Infodienst.


Umfassender Einkauf: schwierig

Im Praxistest der Autoren erweist sich der umfassende Einkauf lokal erzeugter Produkte übrigens als schwierig. Um fragwürdige Kennzeichnungen in konventionellen Supermärkten zu umgehen, müsste der Verbraucher bereit sein, mehrere Einkaufsstellen anzufahren, um zum Beispiel das Fleisch vom Landwirt im Nachbarort, Obst am Straßenstand und weitere lokale Erzeugnisse in darauf spezialisierten Supermärkten zu erwerben. "Das bedeutet aber einen höheren zeitlichen und manchmal auch Fahraufwand. Dieser lohnt sich nur für einen gemeinschaftlichen Großeinkauf, um das lokale Produkt nicht mit einer ungünstigen Kohlendioxid-Bilanz zu befrachten", fassen Gesa Maschkowski und Britta Klein das Ergebnis ihres Test-einkaufs zusammen.


Note 6 für Regionalmarken von Herstellern

Zum Thema fragwürdige Kennzeichnungen stellt die Verbraucherzentrale lapidar fest: Die Begriff "Region" ist gesetzlich nicht geschützt. "Beim Einkauf regionaler Lebensmittel ist es deshalb ratsam, immer genau nachzufragen, wofür die Angabe ,regional' steht." Weil die gesetzliche Definition fehlt, sind der irreführenden Verwendung Tor und Tür geöffnet. So fallen Regionalmarken von Herstellern wie "Mühlhäuser" oder "Küstengold" bei den Verbraucherschützern durch. "Sie sind als Orientierung für den regionalen Einkauf nicht geeignet." Auch bei Begriffen wie "Heimat", "von Hier" oder "nah" ist Skepsis angebracht, wenn die Herkunft nicht weiter konkretisiert wird. Ein bundesweiter Marktcheck der Verbraucherzentralen von 2015 hat ergeben, dass viele dieser derart beworbenen Lebensmittel alles andere als regional sind, sondern teils erhebliche Entfernungen zurückgelegt haben. Empfohlen wird, bei unverarbeiteten Lebensmitteln darauf zu achten, dass der Erzeuger mit seiner Adresse oder zumindest dem Ort oder eine konkrete Region genannt ist. Handelt es sich um ein verarbeitetes Produkt, empfehlen die Verbraucherschützer das Überprüfen des Regionalfensters, soweit vorhanden. Mit der Auskunft über die Herkunftsregion, den Ort der Verarbeitung, den Anteil der verwendeten regionalen Zutaten sowie die Kontrollstelle sei es "eine gute Orientierungshilfe".
Regionales in der Einkaufstasche - ein hohes Gut, das sich auf einem hart umkämpften Markt abhebt durch viele positive Eigenschaften. Wirklich? Eine Studie des Instituts für Landtechnik der Justus-Liebig-Universität in Gießen rüttelte daran. Die Herstellung und der Transport von Apfelsaft aus der Region könne bis zu acht Mal mehr Energie verbrauchen als Fruchtsäfte, deren Rohstoffe rund 10 000 Kilometer weit transportiert werden. Hochtechnisierte Anlagen und eine durchorganisierte Transportlogistik seien effizienter als kleine Anlagen, die Rohstoffe und Produkte zwar über kurze Wege, aber nur in kleinen Mengen bewegen.


Zusatznutzen berücksichtigen

Der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten. "Beim Vergleich eines regionalen mit einem überregionalen Warenkorb stellte sich heraus, dass die regionale Variante beim Transport nur ein Drittel der Energie benötigte. Die Lärmbelastung war um mehr als die Hälfte geringer und die Straßen wurden um zwei Drittel weniger beansprucht", zitiert Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Becker im Forum der Vereine für Unabhängige Gesundheitsberatung (UBG) das Ergebnis einer Studie der Technischen Universität München. Außerdem sei die Umweltverträglichkeit regional erzeugter Lebensmittel insgesamt zu betrachten. Weitere Aspekte wie Naturschutz, Aufwand für Pflanzenschutzmittel, Lärmbelastung, Schadstoffausstoß oder Straßenbeanspruchung spielten eine Rolle. "Viele kleine regionale Initiativen verfolgen mit ihrer Wirtschaftsweise zudem ganz spezielle Ziele: etwa den Erhalt von bestimmten Landschaftsbiotopen, Kulturpflanzenarten und Nutztierrassen oder auch die Einbeziehung gesellschaftlicher Randgruppen in die Produktion. Sie produzieren daher weit mehr als nur Schaffleisch oder Äpfel. Sie sorgen auch für eine für Bewohner und Touristen attraktive Landschaft, einen hohen Erlebniswert und eine Belebung der heimischen Wirtschaft." geb
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