Ich willige einX

Diese Website verwendet das Besucheraktions-Pixel von Facebook für statistische Zwecke. Mit einem Cookie kann so nachvollzogen werden, wie unser Marketing auf Facebook wirkt und wie wir es verbessern können. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihr Einverständnis hierzu erteilen. Eine genaue Beschreibung zum „Besucheraktions-Pixel“, zu Cookies im Allgemeinen und Ihrem Widerspruchsrecht, das Sie jederzeit ausüben können, steht Ihnen in unserer Datenschutzerklärung unter hier zur Verfügung.

Sport  // Überregional

Fussball-Geschichte

Vor 20 Jahren: Der Club lockt 17 000 Fans nach Weismain

Über 17 000 Zuschauer strömten am 12. April 1997 zum Regionalliga-Derby SC Weismain - 1. FC Nürnberg. Funktionäre und Spieler erinnern sich.
Spektakuläre Aktion à la SC Weismain: Schwester Regitta Michel wurde vor dem Spiel anlässlich ihres 50. Geburtstags mit dem Helikopter ins proppenvolle Waldstadion eingeflogen. Von rechts SC-Manager Wilhelm Schütz und Präsident Alois Dechant.  Foto: Timo Stöhr
 
von CHRISTIAN SCHUBERTH
Alois Dechant fährt mit einem beigen Benz vor, auf dessen Kofferraumdeckel ein kleiner roter Aufkleber pappt. Und der gibt den einstigen Präsidenten und Mäzen des SC Weismain als Anhänger des 1.FC Nürnberg zu erkennen. 20 Jahre ist es nun her, dass Dechants FCN ihn endlich in seinem Waldstadion beehrte. Denn jahrelang hatte er dem Club Avancen gemacht, der aber nur gegen hohe Gage in der Provinz auflaufen wollte. 1997 musste der Club schließlich kommen - und brachte durch seine vielen Fans sogar noch Geld mit. Die Punkte aber nahm er mit.


1982 noch in der B-Klasse

Als Thomas Brunner 1982 mit dem 1. FC Nürnberg im Fußball-Oberhaus gegen den FC Bayern antritt, kicken die Weismainer noch in der B-Klasse, damals die zweittiefste Lichtenfelser Liga. Nur 15 Jahre später ist Brunner beim Weismainer "Jahrhundertspiel" Co-Trainer unter FCN-Chefcoach Willi Entenmann. "Das Spiel damals war auch für uns etwas Außergewöhnliches", sagt Brunner, der heute den oberpfälzischen Bezirksligisten SV Pölling trainiert. Und er verrät, dass "der Willi" durchaus "nervös" gewesen sei. "Wir wollten uns natürlich vor der großen Kulisse nicht blamieren und mussten unbedingt wieder aufsteigen. Das ist uns dann ja auch geglückt "- nicht zuletzt dank Topspielern wie Peter Knäbel, Michael Wiesinger oder Frank Baumann, dem späteren Nationalspieler und heutigen Manager des SV Werder Bremen.

Wie ernst der Club das Spiel in Weismain 1997 nimmt, zeigt die Tatsache, dass das Team bereits einen Tag vorher anreist und im "Fränkischen Hof" in Baiersdorf Quartier bezieht.


Gattinnen schlürfen Sekt

Während die Präsidenten-Gattinnen Ursula Dechant und Angelika Roth gemeinsam im VIP-Raum Sekt trinken (Alois Dechant: "Frau Roth hat gesagt, das war ihr schönstes Spiel, weil so ein unwahrscheinlich fränkischer Geist geherrscht hat"), kann unten auf dem holprigen Rasen der kleine Provinzverein den Altmeister nicht ärgern. Nach dem 2:0-Erfolg stürmen dutzende Club-Fans das Spielfeld und wollen provokant vor den Weismainer Fans feiern. Doch die mit 120 Kräften vertretene Polizei geht schnell dazwischen. Alois Dechant will "auch schlichten", gerät aber zwischen die Fronten und bekommt sogar einen Polizeiknüppel in den Bauch.

Als Willi Entenmann hinterher bei der öffentlichen "Pressekonferenz" vor etwa 1000 Fans im Stadion sagt, dass seine Mannschaft "ohne Zweifel spielerisch besser gewesen" sei und "verdient gewonnen habe", kann ihm keiner widersprechen.

Was die wenigsten wissen: Der 2012 mit nur 68 Jahren verstorbene Willi Entenmann wäre nach seiner zweiten Entlassung als Club-Coach fast beim SC Weismain gelandet. "Ich habe mit ihm verhandelt, aber die finanziellen Vorstellungen gingen auseinander", verrät Dechant.

Die Weismainer Truppe besteht damals noch aus vielen Kickern aus der Region wie Linksverteidiger Andreas Dippold aus Katschenreuth bei Kulmbach. "Ich hatte das große Glück, nur zehn Minuten fahren zu müssen und Regionalliga spielen zu dürfen", sagt der heute 47-Jährige, der im "Jahrhundertspiel" den späteren Bayern-Spieler Michael Wiesinger über 90 Minuten gut im Griff hat.


Spieler als Schmuggler

Dippold erinnert sich mit einem Schmunzeln, wie er seiner Cousine, die an dem Tag 20. Geburtstag feierte, zwei Flaschen Sekt ins Stadion schmuggelte. Wer meint, dass es das größte Spiel in Dippolds Karriere gewesen wäre, irrt. Noch mehr Gänsehaut bekam der Dauerläufer "beim Flutlichtspiel auf dem Bieberer Berg in Offenbach".

Andreas Dippold verlässt als einer der letzten aus der alten Aufstiegsgarde den SC Weismain 1999. Es ist nicht mehr die Welt des bodenständigen Katschenreuthers, der heute nur wenige Kilometer von Weismain entfernt Spielertrainer des Kreisklassisten SSV Peesten ist. "Es sind irgendwann immer mehr Auswärtige gekommen, die nichts gearbeitet haben. Das hat die Mannschaft kaputtgemacht." Auch Alois Dechant sieht heute ein: "Der Weg mit den vielen ausländischen Profi-Fußballern war verkehrt, das hat vieles durcheinandergebracht". Und er weiß auch, dass es ein Fehler war, das Umfeld nicht an Drittliga-Bedürfnisse anzupassen. "Wir hätten einen professionellen Manager gebraucht".
So gingen beide Vereine wieder dahin, wo sie hergekommen waren. Der 1. FC Nürnberg marschiert 1998 gleich bis in die Bundesliga durch. Der SC Weismain bleibt immerhin drei Saisons drittklassig. Doch nach der Pleite von Dechants Baufirma 1998 muss auch der Sport-Club Insolvenz anmelden und steigt 1999 in die Bayernliga ab. Die Talfahrt endet erst mit dem Abstieg in die Kreisliga 2003 - dann meldet der SC Weismain Insolvenz an und löst sich auf.

Der Nachfolgeverein SCW Obermain beginnt wieder ganz unten und steht inzwischen immerhin wieder auf dem Sprung in die Bezirksliga. Und vielleicht steigt ja die Bau-Dynastie Dechant, die heute wieder über 500 Mitarbeiter beschäftigt, bald auch beim SCW groß ein. Das Stadion wäre jedenfalls heute immer noch bereit für ein Jahrhundertspiel.


Ein Stadion für 20 Millionen Euro

Als 1996 der Weismainer Regionalliga-Aufstieg und der Abstieg des 1. FC Nürnberg aus der 2. Liga feststehen, mobilisiert SC-Präsident und Bauunternehmer Alois Dechant alle Kräfte und lässt das kleine Waldstadion gewaltig ausbauen.
In Rekordzeit ziehen Dechants Arbeiter - insgesamt beschäftigt er damals 2800 - die eindrucksvolle Waldtribüne hoch. Die Felsbrocken kommen aus dem eigenen Steinbruch gleich in der Nähe des Stadions. Eine schmucke Gegengerade und Tribüne hinter dem Tor entstehen, beide überdacht.
"Ich habe damals für den Stadionbau zwei Lebensversicherungen eingebracht", verrät Dechant heute. Etwa 20 Millionen Euro, so schätzt er, koste heute so ein Stadion.


Dechant ist Eigentümer

Eigentümer ist inzwischen die Familie Dechant, die es aus der Insolvenzmasse des SC Weismain gekauft hat. "Ich gehe oft ganz rauf auf die Tribüne. Der Blick von dort oben über Weismain ist atemberaubend", ist Dechant noch heute von seinem Werk begeistert.
Den überdimensionalen Ausbau bereut er nicht, "weil es seinerzeit machbar war." So gesehen sei das Waldstadion auch "ein Dokument dieser Ära".


So lief das Jahrhundertspiel

Auszüge aus dem Spielbericht in der Bayerischen Rundschau vom 14. April 1997:

Der Club brillierte zwar nicht, doch gegen einen Gastgeber, der im eigenen Haus zu hausbacken spielte, reichte es allemal zu einem 2:0-Sieg ... Schade aus Weismainer Sicht, dass der Club so früh das 1:0 machte, denn nach diesem "Keulen"-Schlag war schon etwas die Luft raus. Der Club (...) tat das, was ein Favorit dann meistens macht: Ball und Gegner kontrollieren, gelegentlich seine Chance suchen.


SC Weismain -
1. FC Nürnberg 0:2 (0:1)
SC Weismain: Todericiu (5) - R. Wirsching (2) - Gröger (2,5), Berger (4,5), Kramer (4,5) - Siegl (5)/ab 75. Opel (-), Renk (5)/ab 54. Penner (-), Dippold (3), Skoric (3,5), Klaus (5,5), Licht (3,5).
1. FC Nürnberg: Müller (3) - Knäbel (2) - Halat (1,5), Hassa (4), Keuler (2) - Baumann (5)/ab 87. Simunec (-) - Wiesinger (3), Oechler (3,5), Störzenhofecker (4) - Falter (4)/ab 66. Bürger (-) - Kurth (4,5)/ab 89. Toure.
Tore: 0:1 Keuler (24.), 0:2 Falter (50.). - Schiedsrichter: Ertl (Günzburg). - Zuschauer: 17 000.

Benotung: Note 1: überragend. - Note 2: stark. - Note 3: gut. - Note 4: Durchschnitt. - Note 5: schwach. - Note 6: enttäuschend. cs

zum Thema "1. FC Nürnberg"

Newsletter kostenlos abonnieren


noch Zeichen



Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können:

Sie sind noch nicht registriert? Bitte hier registrieren.