Grischa Janorschke aus Altenkunstadt sagt dem Profizirkus Ade

Mit 29 Jahren hat der Altenkunstadter genug davon, sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag zu hangeln.
Noch ein paar Rennen lang greift Grischa Janorschke zum Versorgungsbeutel beim Schweizer Zweitligisten Team Roth, dann ist Schluss mit dem Profiradsport.  Foto: Team Roth/Archiv
 
von UDO SCHILLING
Grischa Janorschke sagt Servus. Der 29-jährige Radprofi aus Altenkunstadt steigt Ende des Jahres aus dem Radsport-Geschäft aus. "In dem Wanderzirkus war ich ein Äffchen, das man problemlos austauschen konnte", sagte Janorschke im Gespräch mit dieser Zeitung nach zehn Jahren in diesem Umfeld - ohne Wehmut. Seit seinem zwölften Lebensjahr trat der Oberfranke in die Pedale. Die Anfänge waren beim RVC Altenkunstadt.


13 Operationen

"Die Entscheidung ist in den letzten Jahren gereift, das war kein Schnellschuss. Schon öfter, wenn ich mit gebrochenem Schlüsselbein in der Klinik lag, habe ich mir überlegt, ob ich aufhören soll", sagt Janorschke, der sich 13 Operationen unterziehen musste. "Am Ende waren es auch gewisse Umstände in dieser Saison, die mir die Entscheidung leichter gemacht haben aufzuhören." Jetzt sei der richtige Zeitpunkt da gewesen. "Man muss hundertprozentig brennen für den Radsport, um auf Weltniveau mitzufahren", weiß der inzwischen 29-Jährige, der Ende 2015 in den Stand der Ehe getreten ist und mit seiner Frau Sandra eine ebenfalls "Radsportverrückte" geheiratet hat. "Es war aber nicht meine Frau, die gesagt hat, mach' mal was G'scheit's", betont er.


"Immer sauber gefahren"

Auch der schlechte Ruf des Radsport, die ewigen Dopingdiskussionen, hätten nicht zu seinem Entschluss beigetragen. "Ich bin stolz drauf, immer sauber gefahren zu sein und nie irgendwelche Schmerzmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder eine Ausnahmegenehmigung für von der Wada verbotene Medikamente zum Rennfahren gebraucht zu haben. Bei Dopingkontrollen musste ich nie etwas angeben, da ich einfach nichts genommen habe. Ich wusste, dass es nur wenige Tage im Jahr gab, an denen ich mit der Weltspitze konkurrenzfähig bin. Damit hatte ich mich abgefunden."

Im Rückblick könne er darüber schmunzeln, als er sich zu Beginn seiner Karriere an der Freiburger Uni, an der später die Doktoren als Dopingärzte entlarvt wurden, Anti-Doping-Vorträge anhörte und gleichzeitig der Fuentes-Skandal aufkam. Janorschke arrangierte sich mit dem Radsportsystem, musste immer wieder Rückschläge verkraften, etwa als sein Kontinental-Rennstall FC Rheinland-Pfalz mir nichts dir nichts zu Beginn der Saison 2009 aufgelöst wurde. Zum Glück kam er gerade noch beim Team Nutrixxion unter. "Am Ende ist alles für etwas gut", philosophiert Janorschke.


Zweites Standbein bei Nutrixxion und Studium

Der Kontakt zum Sportnahrungshersteller brachte ihm auch ein zweites finanzielles Standbein. Als er im drittklassigem Team Vorarlberg 2014 und 2015 seinen Lebensunterhalt nicht mir Radsport bestreiten konnte, war er als Außendienstler noch in Süddeutschland tätig. Neben dem Radsport schloss der Franke an der Hochschule in Ansbach 2014 sein Studium internationales Management ab.


Seuchenjahr 2012 bei NetApp

Höhe- und Tiefpunkt zugleich dürfte das Jahr 2012 beim Zweitligisten NetApp, der inzwischen unter Bora-Argon firmiert und auf dem Sprung zum Pro-Tour-Status ist, gewesen sein. Beim Klassiker Paris - Roubaix stürzte Janorschke in einer Ausreißergruppe in Führung liegend schwer. Schlüsselbeinbruch und eine Ellenbogenverletzung setzten ihn lange außer Gefecht. Dazu kamen in diesem "Seuchenjahr" weitere Stürze und Operationen.

Stolz kann Janorschke aber nicht nur auf seine dopingfreie Karriere sein, sondern auch auf seine sportlichen Erfolge. Der als zuverlässiger Helfer geltende sprintstarke Allrounder gewann unter anderem eine Etappe bei der Tour of China (Kat. 2.1), die Sprint-Wertung bei der Bayern-Rundfahrt (2.HC) im Jahr 2013, wurde Zweiter beim Sparkassen-Giro in Bochum (1.1) und zeigte sich und damit auch die Teamsponsoren bei zahlreichen Ausreißversuchen bei großen Rennen. Zuletzt war er bei der deutschen Meisterschaft in Erfurt lange ganz vorne zu finden. "Da habe ich gegen die gesamte deutsche Elite meine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt", sagt er fast etwas trotzig.

Der Franke war am Wochenende in Belgien beim Primus Classic Impanis (1.HC) und in Frankreich beim Gran Prix d'Isbergues (1.1) unterwegs. Am 3. Oktober bestreitet Janorschke den Münsterland-Giro (1.HC) und möglicherweise noch den Sluijtingprijs (1.1) in Belgien am 11. Oktober. Dann soll Schluss sein. "Derzeit suche ich nach einer beruflichen Tätigkeit, in der ich die Energie verwenden kann, die ich in den letzten Jahren in den Radsport gesteckt habe", sagt Janorschke. Ob in der Radbranche, Industrie oder Handel, oder etwas völlig anderes - der 29-Jährige ist für alles offen.


Kühlschrank will gefüllt sein

Anfragen von kleineren Rennställen gab es bereits. Ein Engagement bei einem Kontinental- oder Amateurteam wolle er nicht völlig ausschließen, sagte er bei radsport-news. "Radfahren werde ich immer. Eventuell ergibt sich noch eine Möglichkeit, selbst ein paar kleinere Rennen zu fahren und meine Erfahrung an junge Fahrer weiterzugeben. Priorität hat nun aber der Job, der "den Kühlschrank füllt und die Miete bezahlt", sagte Janorschke.





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