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Warum Mehmet Scholl zum Kinderkanal sollte

Der TV-Experte Scholl ist nicht nur in Ungnade, sondern auch aus der Zeit gefallen. Dass er nicht mehr auf Sendung ist, ist kein Verlust, findet unser Autor.
 

Eigentlich wollten wir heute an dieser Stelle über die Machenschaften und Intrigen im unterfränkischen Fußball schreiben. Aber einer unserer Mitarbeiter meinte, diese „fünf Jahre alte“ Story solle „für „diesen schönen Tag“ bitte draußen bleiben aus diesem Blatt. Das Thema habe „im Moment überhaupt keine Relevanz“, jetzt, da die Saison gerade wieder begonnen habe. Ich sagte ihm, er dürfe sich nicht in die Themen-Kompetenz der Redaktion einmischen. Da drohte er, am Sonntag nicht zu erscheinen – und wir brauchen den Mitarbeiter. Wir schätzen ihn „mit seinen Ecken und Kanten“. Er ist uns wichtig.

Sind ja nicht die ARD, die es sich locker leisten kann, einen Experten wie Mehmet Scholl zu verlieren. Dabei hatte er, der unverbesserliche Fußball-Romantiker, doch bloß Gutes im Sinn als er während des Confed Cups seinen Haussender ARD höflichst ersuchte, eine Doping-Geschichte (uralt!) über russische Fußballer von der Agenda zu nehmen. „Da haben die gesagt: Die bleibt nicht draußen. Da habe ich gesagt: Ich gehe. Und dann bin ich gegangen.“

Soll man den Abgang Scholls bei der ARD wirklich bedauern? Ist es tatsächlich ein Verlust, wenn dieser mutmaßliche „Experte“ mit dem Sendungsbewusstsein eines Spitzenpolitikers jetzt mal eine Sendepause erhält? Bei Scholl hatte man irgendwie immer den Eindruck, ihm gehe es gar nicht um Inhalte, sondern nur um Selbstinszenierung. Polarisieren war seine Stärke, mit Fachwissen behelligte er die Fußball-Nation lieber nicht.

Stets wirkte er, als habe er den Nonkonformismus zu seinem Prinzip erhoben. Wenn alle Welt A sagte, sagte Scholl B. Wenn Günter Netzer einst die konservative Fraktion unter den Fußballern vertrat, gerierte sich Scholl als krachlederne Opposition. Als Rebell, der in seinen Flegeljahren den Spruch prägte: „Hängt die Grünen – solange es noch Bäume gibt.“ Bei Scholl fragte man sich zuweilen, ob die Flegeljahre denn nie vorübergingen.

Politische Korrektheit war nicht sein Ding. Dafür haben wir ihn geschätzt, aber immer nur gegen das Establishment zu rebellieren, immer nur die eigenen Maßstäbe (und die des früheren FC Bayern) anzulegen, das verfing irgendwann nicht mehr. Er zündelte gern und oft mit Worten, die wachen Augen begannen zu funkeln, wenn er mal wieder einen rausgehauen hatte.

Wenn er wusste: Die da draußen würden ihn jetzt wieder verteufeln für seine Schnoddrigkeit. Dabei war man bei ihm niemals auf der sicheren Seite. Nie wusste man: Meint er das jetzt ernst? Oder ist das nur wieder eine der üblichen Zoten? Seine Stimmung wechselte wie beim Chamäleon die Farbe. Er changierte zwischen juveniler Unbeschwertheit und Altherrenwitz.

Heute fragt man sich, ob er mit mancher seiner Wutreden nicht die eigene Überforderung kaschierte. Seltenst drang er mit seinen Analysen tiefer als in die Räume, die von Team A mal wieder „eng gemacht“ wurden, selten kam er auf einen anderen Punkt als den, wo Mannschaft B „früh draufgegangen“ ist. So jung er sich nach außen immer präsentieren mochte, so sehr er seine Attitüde als ewiger Lausbub pflegte, so altbacken war er in seinen Ansichten und Analysen.

Scholl ist, was den Fußball angeht, ein aus der Zeit Gefallener, ein Reaktionär. Eine Art Alt-68er. Er hängt noch einer Ära und Generation an, in der taktische Flexibilität ein Fremdwort war, eine Ära der Magaths, der Schaafs und der Vehs.

Der Fußball wird sich weiterdrehen, auch ohne den Experten Scholl, für den nicht sein kann, was nicht sein darf.

Der die Wirklichkeit einfach ausblendet oder nur darauf beschränkt, was er gerade sehen und hören mag. Spielstatistiken? „Bleib mir weg mit Statistiken!“ Doping im Fußball? Nicht an „diesem schönen Tag“! Mein lieber Scholli. Ich mach mir die Welt, wi-de-wi-de, wie sie mir gefällt. Bei Pippi Langstrumpf klappt das. Vielleicht sollte man beim Kinderkanal fragen, ob Bedarf für einen Experten ist.

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