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Sport  // Kitzingen

Einfach mal die Fresse halten

Profivereine wollen ihre Jungstars vor unbedachten Äußerungen schützen. Vor grenzenloser Dummheit aber sind – wie man sieht – auch ältere Semester nicht gefeit.
 

Der Fußball-Profi Marvin Plattenhardt ist bisher nicht durch steile politische Thesen aufgefallen. Nichts an diesem jungen Fußballer deutet überhaupt auf irgendeine Nähe zur Politik, vielleicht mal davon abgesehen, dass er nicht weit vom Reichstag entfernt kickt, beim Bundesligaverein Hertha BSC Berlin nämlich. Dennoch hat Plattenhardt diese Woche auch die Politikspalten der Zeitungen gefüllt, und das kam so: Nach dem 2:1 der Hertha gegen Dortmund ließ sich der Spieler, der vorher das Siegtor geschossen hatte, mit dem AfD-Politiker Frank Scheermesser in Fan-Pose fotografieren, die AfD verbreitete das Bild auf Twitter, und schon war die Aufregung groß. Ein prominenter Linksverteidiger als Werbeikone der politischen Rechten, das konnte nicht gut gehen. Ging es auch nicht.

Vermutlich ist der Fall kein gutes Beispiel dafür, um zu ermessen, wie politisch ein populärer Sportler sein darf oder sollte. Denn Plattenhardt, der sich seit Jahren gegen Rassismus engagiert, fühlte sich hereingelegt vom AfD-Politiker, dessen Identität er nicht gekannt haben will und der sich ihm auch nicht vorgestellt habe. Der Verein ging juristisch gegen die Partei vor, die den Tweet schließlich entfernte.

In letzter Konsequenz gab der Hertha-Profi natürlich trotzdem ein politisches Statement ab: dass er mit der AfD und ihrem teils rechten Gedankengut nichts anfangen könne. Für einen Spitzensportler ist das in der heutigen Zeit schon eine gan-ze Menge. Vielfach fehlt es an eindeutigen Bekenntnissen. Nicht in jedem Fall ist dies dem Sportler selbst und seinem Desinteresse an einer Sache geschuldet.

Viele Klubs wachen mit Argusaugen über ihren jungen Stars, weil sie wissen, wie viel explosives Potenzial vermeintliche Fehltritte in dieser Gesellschaft bergen und wie rasch sie sich bei den heutigen medialen Möglichkeiten verbreiten. All das aber sollte kein Grund sein, den Sportlern bei brisanten Themen ein Schweigegebot aufzuerlegen.

Wer in der Öffentlichkeit steht – das gilt für Profifußballer ganz besonders –, der muss sich auch mit seiner Meinung zu Wort melden dürfen. Das setzt zunächst einmal voraus, dass man eine Meinung hat.

Paul Breitner galt immer als Fußballer mit ausgeprägtem politischen Selbstverständnis und als besonders meinungsstark. Vielleicht ist er deshalb bis heute als Persönlichkeit gebucht und gefragt. Als ich ihn voriges Jahr zum Interview traf, beklagte er einerseits eine Profillosigkeit der heutigen Generation – und äußerte andererseits Verständnis für die jungen Spieler, die längst nicht mehr so unbeschwert auftreten könnten wie er damals.

Peinliche Momente des Schweigens blieben auch seiner Generation nicht erspart. Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1978 zur WM nach Argentinien aufbrach, hätte man sich ein kritisches Wort zur dort herrschenden Militärjunta gewünscht – stattdessen sangen die Spieler an der Seite von Udo Jürgens vom „Band der Harmonie“.

Es war der ultimative Offenbarungseid des DFB, gänzlich blind für die Umstände in einem Land, das politisch Andersdenkende in Folterhaft zu nehmen pflegte. Dem damaligen deutschen Kapitän Berti Vogts wird der Satz zugeschrieben: „Ich habe in der ganzen Zeit keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“

Jahrzehnte später erfuhr dieser Satz aus der Fibel für grenzenlose Dummheit und Naivität noch eine Steigerung, als sein Kompagnon Franz Beckenbauer den Baustellen im künftigen WM-Gastgeberland Katar einen Besuch abstattete und sich danach so vernehmen ließ: „Ich habe im ganzen Land keinen einzigen Sklaven gesehen.“

Man sieht: Nicht immer sind es nur unreflektierte Jungstars, die vor sich selbst geschützt werden müssen. Manchmal sollten auch ge- setzte ältere Herren beherzigen, was Werner Gegenbauer als Präsident der Hertha einst dem Grünen-Politiker Jürgen Trittin riet: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal Fresse halten.“

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