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Der Fußball in seiner reinsten Form

Was haben der Fußball und die Kunst gemeinsam? Im Idealfall sprechen sie die Massen an. Aber gilt das tatsächlich noch für der Deutschen liebsten Sport?
 

Der US-amerikanische Künstler Jeff Koons, dessen Balloon Dog bei einer Auktion mehr als 58 Millionen Dollar erbrachte, hat seine Werke mit den Songs der Beatles verglichen. Wo da die Parallelen seien, wollte ein Reporter von ihm wissen. Was für ein Banause! Als erschlösse sich das beim Betrachten nicht von selbst.

Nun, so hob Koons an, seine Werke seien anti-elitär, massenkompatibel und demokratisch. Weil er so viele Menschen wie möglich ansprechen wolle, gebe es in seiner Kunst keine Bildungshürden. Auf deutsch: Jeder, der genau hinsieht, begreift die Intention. Und sagen Sie jetzt nicht, sie wüssten gerade nicht, welche Absicht hinter einem orangelackierten Riesenpudel aus blitzendem Chromstahl steckt.

Dasselbe ließe sich von der Kunst des kleines Mannes behaupten, und das ist hierzulande bekanntlich der Fußball. Der Fußball ist deshalb so demokratisch, weil jeder teilhaben und jeder mitreden kann. Die Spielregeln sind so einfach, dass sie jeder versteht. Der Fußball ist – um es mit Koons zu sagen – massenkompatibel. Das lässt sich gerade in diesen Tagen, da die Saison bei Profis und Amateuren auf ihre Zielgerade geht, wieder gut beobachten. Der Fußball schließt keinen aus – er ist der Sport des Prekariats wie der Eliten.

„Jeder soll mitreden. Das ist besser, als die Menschheit in Kluge und Dumme zu teilen, in Leute mit gutem und schlechtem Geschmack“, sagt Jeff Hoeneß, pardon, Koons. Der Fußball hat längst das Podest verlassen, wenn er denn überhaupt je da oben stand. Er taugt nicht als Spielzeug weniger Elitärer, mögen ihn einige Superreiche auch als genau das begreifen. Noch immer ist er in der Lage, Grenzen zu sprengen – noch immer verschmelzen in ihm alle Schichten der Gesellschaft. Was heute, da allerlei Fliehkräfte an dieser Gesellschaft zerren, selten genug ist.

Vergangene Woche hat man mal wieder gut besichtigen können, welche Kräfte dieser Sport zu entfesseln vermag, wenn man ihn bloß in Ruhe walten lässt. Der Fußball läuft immer dann zur höchsten Form auf, wenn sich das Geschehen wie unter einem Brennglas verdichtet – so wie im Endspurt der Bundesliga-Saison. Neun Spiele, alle am selben Tag und zeitgleich angepfiffen – in dieser urwüchsigen Form, die es so nur noch an den letzten beiden Spieltagen der Saison gibt, entfaltet das Spiel immer noch seine größte emotionale Wirkung. Aus ihr erwuchsen die legendären Radio-Konferenzschalten der ebenso legendären Sendung „Heute im Stadion“.

Das ist Fußball in seiner reinsten Form. Fußball, den alle verstehen. Wie ein Kunstwerk, das alle Menschen anspricht. Das Gegenteil davon wäre eine Kunst, deren Werke so hermetisch sind, dass sie die Menschen einschüchtert und sich klein vorkommen lassen. „Man kann“, so Koons, „mit Kunst auch Ohnmacht und Diskriminierung erzeugen.“

Mit dem Fußball verhält es sich übrigens genauso. Die neuesten Entwicklungen verheißen nichts Gutes für das zur Ware gewordene Kulturgut Fußball. Die Champions League künftig nur noch im Bezahlfernsehen, die Bundesligaspieltage noch ein Stückchen weiter auseinandergerissen. Es bleibt die spannende Frage, wie lange man diese ewig saftige Zitrone noch pressen und degenerieren kann, ehe sie keinen Saft mehr gibt.

Bisher hat die zahlende Kundschaft noch jeden Irrsinn mitgemacht, noch jeden faulen Kompromiss geschluckt. Die Herren in den Chefetagen des Fußballs wissen, über welche Macht sie verfügen. An der Kunst kann man achtlos vorbeigehen, man kann sie ignorieren; am Fußball aber kommt hierzulande niemand so leicht vorbei.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob einer wie Koons, dessen Werke zehn oder zwanzig oder auch mal 58 Millionen Dollar kosten, der richtige Kronzeuge ist, um massenkompatible und anti-elitäre Phänomene zu erklären. Ob einer wie er dazu taugt, die Freuden von uns Normalos zu erörtern. Aber diese Frage klären wir dann nächstes Mal.

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