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„Bei Bayern brennt mal wieder der Baum“

Dem taumelnden Traditionsklub Bayern Kitzingen laufen nach dem Trainer nun die Spieler weg. Manches im Interview mit Sportleiter Kabil Jabiri wirkt wie ein Hilferuf.
Immer auf dem Sprung: Kabil Jabiri lebt bei Bayern Kitzingen vor, was ihm in der Mannschaft fehlt.
 

Kabil Jabiri (35) ist erst neun Monate im Amt und hat sich rasch als veritabler Krisenmanager bewähren müssen. „Bei Bayern Kitzingen“, so sagt der 35-Jährige selbst, „brennt mal wieder der Baum.“ Anfang dieser Woche ist Trainer Björn Auer zurückgetreten, die ohnehin kaum belastbare Personaldecke hat weiter gelitten, und der im Januar als Sportleiter verpflichtete Jabiri soll retten, was kaum zu retten scheint. Er wirkt dabei wie ein Feuerwehrler, der entschlossen ist zu löschen, aber nicht weiß, wo er zuerst hinlangen soll. Nach nur einem Sieg aus sechs Spielen steht der vormalige Landesligist Bayern Kitzingen auch in der Bezirksliga auf einem Abstiegsplatz. Und die Frage, die dieser Tage nicht nur Jabiri beschäftigt, ist: Wie ist diese Mannschaft noch zu erreichen? Ist das überhaupt noch eine Mannschaft?

Frage: Schon wieder ist bei Bayern Kitzingen ein Trainer gegangen. Was reitet Sie, sich nun selbst auf diesen Schleudersitz zu setzen?

Kabil Jabiri: Es ist noch gar nicht sicher, dass ich es mache. Ich habe zugesagt, dass ich die Mannschaft jetzt nicht im Stich lassen werde. Auch in der Bundesliga übernimmt in einer solchen Situation erst einmal der Co-Trainer.

Hat Sie der Rücktritt Björn Auers überrascht?

Jabiri: Nach dem Spiel vom Samstag nicht mehr. Ich kann Björn Auer verstehen. Er macht dieses Auf und Ab schon etwas länger mit. Ich bedaure seine Entscheidung, weil wir in ihm einen super Trainer verloren haben. Aber nicht nur das: Ich habe ihn die vergangenen Monate auch als guten Freund gewonnen. Wir haben miteinander harmoniert, auch wenn sich das nicht so sehr in Punkten bemerkbar machte.

„Wir stehen wieder an dem Punkt, an dem wir vor drei Monaten waren.“
Kabil Jabiri über die missliche Personalsituation
Sie selbst sprachen noch vor kurzem davon, die Stimmung innerhalb der Mannschaft sei sehr gut. Haben Sie sich derart geirrt oder ist die Stimmung so rasch umgeschlagen?

Jabiri: Nein, ich habe mich nicht geirrt. Die Stimmung ist durch manche Ereignisse – die ich jetzt nicht näher kommentieren möchte – umgeschlagen. In der Mannschaft gibt es unterschiedliche Charaktere, die Ergebnisse passen nicht, die Führungsspieler, die von der Landesliga mit runtergekommen sind, sind frustriert, weil es wieder nicht läuft – das alles trägt zur explosiven Mischung bei. Würde das alles erst anfangen, wäre es nicht das Problem. Aber dadurch, dass wir das schon alles kennen . . . Es entwickelt sich nichts.

Das ist noch untertrieben. Es geht mehr und mehr zurück.

Jabiri: Ja, aber man darf eines nicht vergessen: Ende der Saison, nach der verlorenen Relegation, stand der Verein mit sieben Spielern da, die bereit waren, mit uns in die Bezirksliga zu gehen. Wissen Sie, was das bedeutet? Mannschaft abmelden. Jeder, der etwas von Fußball versteht, weiß: Steigt ein Verein ab, bekommt er in der Regel keine Spieler aus höheren Ligen, und das nicht nur wegen der sportlichen Perspektive, sondern auch aufgrund der Außendarstellung der vergangenen Jahre. Dass es die Leute da nicht zu Bayern Kitzingen drängt, ist verständlich.

Uns blieb nichts anderes übrig, als das Konzept zu ändern. Ich war glücklich, dass wir trotz aller Probleme fünfzehn Spieler aus unteren Ligen bekommen haben – schon, um überhaupt eine Mannschaft aufzubieten.

Es ging im Sommer also um die nackte Existenz?

Jabiri: So ist es. Denn als der Abstieg besiegelt war, nahmen sich manche Spieler eine Pause. Andere sind trotz Zusage gegangen. Da stehst du dann vor der Frage: Machst du den Laden dicht? Oder gibst du Gas und siehst zu, dass du die erste Mannschaft, das Aushängeschild, wieder flott kriegst? Die Idee war, das Fundament aus den verbliebenen Landesliga-Spielern zu ergänzen mit Leuten von fußballerischer Qualität. Indem wir uns breiter aufstellten, wollten wir endlich Ruhe reinbringen und für gute Stimmung sorgen, das ist uns auch gelungen in der Vorbereitung. Unser Trainingslager war ein Erfolg und die Stimmung super.

Kann die Stimmung binnen fünf, sechs Spielen derart kippen?

Jabiri: Ja, das wundert mich auch. Es ist schwer zu erklären. Sie dürfen mir glauben: Für einiges fehlen auch mir die Worte.

Nach sechs Spielen steht Bayern Kitzingen auf einem Abstiegsplatz, der Trainer ist weg, das Mannschaftsgefüge brüchig. Was bleibt da außer Glaube, Liebe, Hoffnung?

Jabiri: Tja, da bleibt nicht viel. In er-ster Linie Ratlosigkeit. Björn Auer ist gegangen, mit ihm unser Neuzugang Daniel Mache, Christopher Lenhart ist nach Abtswind gewechselt. André Hartmann steht ebenfalls vor einem Abschied. Dazu fällt mein Bruder Jossef nach einer Operation am Meniskus die ganze Vorrunde aus. Es wird eng. Wir stehen jetzt wieder an dem Punkt, an dem wir vor drei Monaten waren. Fakt ist: Mit zehn Mann brauche ich am Samstag nicht nach Kahl zu fahren, um mir dort fünfzehn Tore abzuholen. Das ist deprimierend, und das bereitet mir auch schlaflose Nächte.

Jetzt sind gerade mal sechs Spieltage vergangen . . .

Jabiri: . . . und es brennt mal wieder der Baum bei Bayern Kitzingen. Aber ich bin eine Kämpfernatur, die nie so schnell aufgibt, egal, wie aussichtslos die Lage ist.

Manches steht doch gar nicht in Ihrem Einfluss.

Jabiri: Mir kommt das alles vor wie verhext. Ich war ja ein paar Jahre weg und habe die Entwicklung im Verein nur aus der Ferne verfolgt. Ich glaube, dass das schon vor ein paar Jahren anfing. Was wir jetzt erleben, sind die Nachwehen.

Wie meinen Sie das?

Jabiri: Ich habe etwa zehn Jahre im Verein gespielt, aber damals war alles anders: Die Bayern hatten eine bombastische erste Mannschaft. Die stieg zwar auch aus der Landesliga ab, aber sie spielte immer noch Bezirksoberliga und die zweite Mannschaft Kreisli-ga. Ganz egal, in welcher Mannschaft du warst, du hattest Spaß und hattest Fußballer um dich herum. Auch die Jugendarbeit war damals um einiges besser, das muss man klar sagen. Da kamen Leute raus wie Shawn Hilgert, Mathias Brunsch, Tolga Arayici, Tom Reiner, Niklas Pfarr, Manuel Sulz oder Manuel Sulz – die konnten alle Fußball spielen. Jedes Jahr kam was nach. Nicht alle schafften es bis in die erste Mannschaft, aber dann bewiesen sie sich halt in der zweiten. Das ist verloren gegangen. Die Leute, die sich zu hundert Prozent mit diesem Verein identifizierten, sind nach und nach alle weg.

Es war nicht ganz klar, ob da vergangene Saison bei Bayern Kitzingen eine Mannschaft auf dem Platz stand. Mal hieß es, der Teamgeist sei entschwunden, ausgerechnet in der Relegation schien er dann zurück. Wie ist denn aus Ihrer Sicht der aktuelle Stand?

Jabiri: Das ist das Kuriose. Die Leute verstehen sich wirklich sehr gut, die kennen sich, haben Lust, miteinander Fußball zu spielen. Nur: Auf dem Platz können sie es nicht zeigen. Mir ist das auch ein Rätsel, und das kreide ich ihnen auch ganz klar an. Ich spreche gern Klartext. Aber warum es nicht klappt, tja, da müsste man die Spieler vermutlich selbst fragen. Sie sind gehemmt, eingeschüchtert und mutlos.

Nur allzu verständlich nach dem bisherigen Saisonverlauf.

Jabiri: Ja, natürlich, wir haben gegen Leinach knapp gewonnen, sind dann nach Uettingen gefahren, wo wir ein grottenschlechtes Spiel machten. Danach haben wir eine Reaktion gefordert, und im Pokal beim SSV Kitzingen trat die Mannschaft ganz anders auf, obwohl sie am Ende noch verlor. Dann kam Vatanspor Aschaffenburg, wo jeder dachte: Oh weh, das ist eine sehr offensive Mannschaft! Und ausgerechnet da machten wir das beste Spiel, das ich bisher in dieser Saison gesehen habe.

„Wenn wir nicht spurten, kam ein Frank Pfister und stellte uns ins Achtung.“
Kabil Jabiri über den Unterschied zur heutigen Spielergeneration
Leider gab es auch in diesem Spiel keine Punkte.

Jabiri: Ja, wir haben unglücklich 2:3 verloren, weil uns bei unseren klasse Konterchancen wieder mal die Kaltschnäuzigkeit fehlte. Aber wir haben die Grundtugenden gezeigt, wir sind gelaufen und haben gekämpft. Dies hat sogar der Gegner anerkannt, der uns nachher lobte. Da kann ich auch mal eine Niederlage akzeptieren. Was ich dagegen letzten Samstag gesehen habe, war einfach nur leblos. Da lief keiner für den anderen, da lief überhaupt keiner. Da kam auch keiner in die Zweikämpfe. Und das macht mir Kopfzerbrechen: Wieso ist das immer kollektiv? Warum klappt es bei allen nicht? Wenn auf einmal alle elf nicht können . . .

. . . oder nicht wollen . . .

Jabiri: Wenn sie nicht wollen, dann sollen sie zu Hause bleiben und Playstation spielen. Wenn ein Björn Auer mit 38 Jahren da reinkommt und aus dem Stand mehr läuft und kämpft als alle anderen, stimmt was nicht. Jeder hat es gesehen: Der Älteste reißt sich den Hintern auf, die anderen laufen hinterher, für so etwas fehlen mir die Worte.

Sie sagten, Sie seien ein Kämpfer. Fühlen Sie sich innerhalb des Klubs hinreichend unterstützt?

Jabiri: Ja, das auf jeden Fall. Wenn etwas anliegt, kann ich mich an Stefan Güntner oder an Toni Orth wenden. Auch ein Stefan Schöderlein, dessen Seele am Verein hängt, steht mal mit Rat und Tat zur Verfügung. Aber eines können wir nicht: Wir können nicht in die Köpfe der Spieler schauen. Ich kann nur ansprechen, was sie künftig besser machen sollen. Die Grundeinstellung muss bitte jeder von sich aus mitbringen.

Haben Sie den Eindruck, die Spieler sind offen für das, was Sie oder andere ihnen sagen?

Jabiri: Das ist Teil unseres Problems: dass sich jüngere Spieler von erfahrenen Leuten nichts sagen lassen, dass sie im Gegenteil mit Widerworten reagieren. Wenn sich daran nichts ändert, wird es schwierig. Die Spielergeneration hat sich, so bitter das ist, gewandelt.

Das heißt konkret?

Jabiri: Wenn früher ein Frank Pfister, ein Czeslaw Jurkiewicz, ein Kai Saueressig etwas sagten, haben wir Jungen das gemacht. Wir haben im Training Bälle und Tore geschleppt, und wenn wir nicht spurten, kam ein Frank Pfister und stellte uns ins Achtung. Danach war Ruhe. Mach das heute mal mit einem Spieler. Der geht beleidigt nach Hause und kommt nicht mehr wieder.

Wenn Sie das alles berücksichtigen und einen Blick nach vorne werfen: Wo wird Bayern Kitzingen in, sagen wir, vier Wochen stehen?

Jabiri: Ganz ehrlich: Das kann nicht der Verein beantworten oder ich, das muss jetzt von der Mannschaft selbst kommen.

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