"Der Nervenkitzel war sofort da"

Jahrelang zählte Jan Schindzielorz zu den Top-Hürdensprintern in Deutschland. Dann war die Karriere auf einmal zu Ende. Doch der 37-Jährige ist zurück.
Jan Schindzielorz holte sich am Wochenende in Erfurt den deutschen Hallen-Titel in der Altersklasse M35 über 60 Meter Hürden.  Foto: Bernd Schindzielorz
 
von TOBIAS SCHNEIDER
Von Ende der 90er bis zum vorläufigen Karriereende 2006 gehörte Jan Schindzielorz zur nationalen Hürdensprint-Elite - in der Halle wie im Freien. Höhepunkte waren die Teilnahme an der EM 2002 und der Gewinn des deutschen Hallentitels 2004. Dann verabschiedete sich der heute 37-Jährige vom Leistungssport, für zehn Jahre war Schindzielorz von der großen Sportbühne verschwunden. Am vergangenen Wochenende tauchte der für die LG Forchheim startende Athlet bei der deutschen Seniorenmeisterschaft in Erfurt auf - und holte sich überlegen den Titel in der Altersklasse M35 über 60 Meter Hürden. Im Interview spricht Schindzielorz über sein Comeback, Nervenflattern am Startblock - und warum die Leichtathtletik wohl noch lange Zeit ein Dopingproblem haben wird.

Herr Schindzielorz, in Erfurt haben Sie mit recht großem Vorsprung gewonnen. Haben Sie trotz so langer Abwesenheit direkt wieder in den Wettkampf-Modus gefunden?
Jan Schindzielorz: Vor dem Start war ich tierisch nervös, das Schlimmste ist ja, einen Fehlstart zu produzieren und disqualifiziert zu werden. Das ist mir früher einige Male passiert. So etwas wollte ich natürlich vermeiden. Dieser Nervenkitzel am Start war sofort wieder da, zehn Jahre Pause hin oder her. Ich mag dieses Gefühl nicht, aber es gehört eben dazu. Man hat sehr viel Zeit vor einem solchen Rennen, manchmal zu viel Zeit. Da kommen natürlich Gedanken an früher. Ab der dritten Hürde habe ich gemerkt, dass es gut läuft und habe einfach durchgezogen.

Eine deutsche Meisterschaft, selbst wenn es "nur" bei den Senioren ab 35 Jahren ist, gewinnt man ja nicht im Vorbeigehen. Wie lange laufen die Planungen?
Um ehrlich zu sein, war mir vor sechs Wochen noch nicht ansatzweise klar, dass ich starten würde. Ich habe im Mai mit meiner Freundin Christine Priegelmeir wieder angefangen, häufiger auf der Sportinsel zu trainieren. Wir wohnen in Dietzhof, das ist eine tolle Umgebung für Mountainbiken oder Joggen. Aber wir wollten auch wieder auf eine richtige Bahn. In den letzten zehn Jahren habe ich nicht nach Plänen trainiert, sondern eher nach Lust und Laune. Wer sein Leben so lange auf den Hochleistungssport ausgerichtet hat, geht später nicht mehr mit dieser Verbissenheit an die Sache ran. Der Spaß ist mittlerweile das Wichtigste. Und den habe ich, vielleicht mehr denn je.

Folgt gleich die nächste Stufe, die Teilnahme an der EM?
Die Qualifikation dafür hätte ich in der Tasche, mit den 8,17 Sekunden aus Erfurt wäre ich auch im Bereich der Medaillen. Allerdings ist der zeitliche Vorlauf zu knapp, die Hallen-EM ist schon Ende März im italienischen Ancona. Ob Anreise, Übernachtung oder Organisation im Vorfeld - im Seniorenbereich muss der Athlet dafür selbst aufkommen. Für heuer ist eine Teilnahme ausgeschlossen, für die Zukunft möchte ich das aber offen lassen. Auf der Sportinsel, dort trainiere ich auch einige Nachwuchsssportler der LG Forchheim, habe ich wieder mit dem Hochsprung angefangen. 1,80 Meter waren kein Problem, meine Besthöhe von 2,06 Metern ist aber utopisch. Auch der Weitsprung ist eventuell eine Alternative für den Sommer.

Vor zehn Jahren waren Sie plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Warum eigentlich?
Mein Grundproblem sind muskuläre Verletzungen. Mit 13 Jahren habe ich mir einen knöchernen Ausriss des Oberschenkel-muskels an der Hüfte zugezogen, eine Verletzung, die mich fortan massiv in der Mobilität beeinträchtigt hat - und aufgrund einer Fehlstellung zu großen Oberschenkelproblemen führte. Ich habe in meiner Laufbahn insgesamt 13 Muskelfaserrisse erlitten, jeder davon hat mir sechs Wochen Pause eingebracht. Jeder Sportler ist abhängig von seinem Körper, ich hatte eben kein Glück. Natürlich fragt man sich, wie die Karriere sonst verlaufen wäre. Aber darüber nachzugrübeln bringt eigentlich nichts.

Die vielen Verletzungen haben wohl eine gezielte Wettkampfvorbereitung stark beeinträchtigt...
In der Tat. Ich habe dadurch oftmals die Saisonhöhepunkte verpasst, wie etwa die Quali für Olympia 2004. Das nagt an einem und zermürbt allmählich. Man ordnet alles dem Sport unter, ist dann aber doch zum Zuschauen verdammt. Nach vielen Jahren voller Verletzungen bin ich nicht mehr an meine alten Zeiten herangekommen, bin die 110 Meter Hürden über 14 Sekunden gelaufen, obwohl meine Bestzeit aus recht jungen Jahren bei 13,50 Sekunden stand. Man erkennt irgendwann, dass es nicht mehr zu den Top-Leistungen reicht. Allerdings war es gar nicht meine Absicht, so abrupt aufzuhören.

Sondern?
Ich wollte nach enttäuschenden Zeiten im Sommer 2006 eigentlich nur etwas länger warten, bis ich mit dem Hallen-Training beginne. Dann war es Oktober, schließlich Dezember, ich habe letztlich die Hallen-Saison sausen lassen und wollte ein Jahr Pause einlegen. Das hat sich irgendwie verselbstständigt. Das Leben ohne den Hochleistungssport hat mir gefallen, ich hatte endlich Zeit für Freunde und Familie, konnte mich intensiv auf mein Studium und meinen Beruf konzentrieren. Die Prioritäten haben sich verschoben, und plötzlich war die Karriere vorbei, obwohl ich es in dieser Form gar nicht geplant hatte.

Die Leichtathletik hat erwiesenermaßen ein Dopingproblem, vor allem in der Weltspitze. Betrogen wurde schon immer. Bleibt das so?
Ich kann zumindest sagen, immer ehrlich gewesen zu sein. Ich will nicht in den Spiegel schauen und dort einen Betrüger sehen. Wer dopt, dem sollte mit der Härte des Strafrechts begegnet werden. Neben den Sportlern gibt es noch die Seite der Funktionäre, viele gieren nach Superstars und Weltrekorden. Die Kontrollen sind oft nicht so lückenlos wie sie sein sollten. Der Verdacht liegt nahe, dass die Aushängeschilder geschützt werden, um dem Sport nicht zu schaden. Bei Lance Armstrong im Radsport hat das jahrelang funktioniert. Allerdings zeigt es, wie schnell eine Sportart in Verruf geraten kann. Daran hat kein Funktionäre ein Interesse.





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