Hände weg vom Harz?

Geht es nach IHF-Präsident Hassan Moustafa, ist der Einsatz von Haftmitteln im Spitzenhandball bald Geschichte. Doch bei den Aktiven regt sich Widerstand.
Das Harz-Töpfchen ist im Handballsport heute immer griffbereit, denn das einhändige Fangen und vor allem Trickwürfe, die den Sport so attraktiv machen, wären ohne Haftmittel kaum möglich. Foto: privat
 
von JOHANNES HÖLLEIN DANIEL RUPPERT
Es war kein verspäteter Aprilscherz, den Hassan Moustafa bei den Olympischen Spielen verkündete und später in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung bekräftigte: "Wir werden das Benutzen von Harz weltweit verbieten", sagte der Präsident der internationalen Handballföderation (IHF).

Damit beschwört der 72-jährige Ägypter nach einigen Neuerungen im Regelwerk und der Einführung der Blauen Karte die nächste große Veränderung im Handballsport herauf. Als Grund für das angestrebte Verbot führt die IHF auf ihrer Homepage zuallererst an, dass das Harz an sich ein Problem darstelle: Zum einen sei es gesundheitsschädlich, zum anderen zerstöre es die Hallenböden oder mache eine kostenintensive Reinigung nötig, weshalb in vielen Hallen bereits ein Harzverbot gelte.

Bevor die IHF mit dem japanischen Ballhersteller Molten einen Vertrag unterschrieb, sei die Firma beauftragt worden, das Harz-Problem zu lösen. Wie der Verband weiter mitteilt, seien für die Entwicklung eines selbstklebenden Balles bereits mehr als eine Million Dollar ausgegeben worden. Die Hoffnung sei nun, dass bis Ende 2017 ein einsatzfähiges Modell zur Verfügung steht. Dies sei auch der Zeitpunkt, zu dem die neue Regel in Kraft treten würde.


Aceton und Atemmaske

Volker Schneller, FT-Mitarbeiter, Ex-Nationalspieler, Feldhandball-Weltmeister sowie mehrfacher deutscher Meister als Spieler und Trainer, glaubt nicht, dass ein Verbot zustande kommt. Zu groß sei der Protest aus der Handball-Gemeinde. "Die Bedenken, die Herr Moustafa hat, sind nicht vom Tisch zu wischen, zumal ich als Trainer vor allem Ende der 80er-Jahre miterlebt habe, wie sich Reinigungskräfte massiv darüber beschwerten, dass sie die Hallenböden nur noch mit Hilfe von Aceton sauber bekamen und dabei Atemschutz tragen mussten. Aber ich bin auch Realist. Moderner Handball ist ohne Harz nicht denkbar."

Der 77-Jährige ist fest davon überzeugt, dass das Niveau sinken würde, was wiederum auch Auswirkungen auf Zuschauerzahlen und Sponsoren haben könnte. "Viele kommen zum Handball aufgrund der Finessen und Kabinettstückchen, die ohne Harz in dieser Form nicht möglich wären. Für die Spieler wäre das eine extreme Umstellung, die sicher ein bis zwei Spielzeiten in Anspruch nehmen würde. Und selbst danach wäre der Handball ein anderer als der heute so populäre." Ein selbstklebender Ball könne dem nicht entgegenwirken.


Der Trend überrollte alle

Schneller kommt aus einer Zeit, als Handball noch ohne Hilfsmittel und von März bis Oktober draußen bei Wind und Wetter gespielt wurde und in der Ballbehandlung mehr Fertigkeiten verlangte als heute. "Mit dem Einsatz von Harz - auch im Jugendbereich - gingen viele Fähigkeiten verloren. Aber es brachte eben auch Vorteile im Wettkampf. Der Trend hat uns überrollt, und irgendwann kam keiner mehr ohne aus." Die Spieler kleben sich schon vor dem Spiel große Batzen Harz an die Außenseite ihrer Schuhe, um während des Spiels nicht ständig für Nachschub an die Auswechselbank rennen zu müssen. Auch die Psyche spiele ein Rolle. "Viele bekommen das Flattern, wenn sie nicht schnell genug ihr Harz-Depot nachfüllen können", berichtet Schneller.

Im niedrigklassigen Bereich wären die Auswirkung weitaus weniger spürbar, zumal bis zur Bezirksoberliga - zumindest in Deutschland - überhaupt nicht geharzt werden darf. In den Klassen darüber entscheidet letztendlich der Hallen-Betreiber, ob der Einsatz gestattet wird. In der Bayernliga der Frauen muss zum Beispiel in Nürnberg und bei der HSG Fichtelgebirge auf Harz verzichtet werden. Sollte das generelle Verbot tatsächlich kommen, hätten diese Teams laut Schneller sogar einen - wenn auch vorübergehenden - Vorteil. "Wenn man permanent Harz einsetzt, ist es viel schwerer, ohne klarzukommen, als andersherum", weiß der Handball-Experte.
Zur Abstimmung kommt das Harzverbot beim IHF-Kongress im kommenden Jahr. Sprechen sich die Verbände der 181 Mitgliedsstaaten dafür aus, wäre das Spielen mit dem Kleber verboten - in allen Klassen.

Die Reform-Pläne von Moustafa reichen noch weiter: "Es gibt zu viele Unterbrechungen, weil Schweiß vom Boden gewischt werden muss", sagte er der Stuttgarter Zeitung. Und offenbar gibt es wohl schon eine Projektgruppe mit Herstellern von Böden, Schuhen und Trikots, die eine entsprechende Lösung finden soll. Details, wie Hallenböden vor Schweiß geschützt und Unterbrechungen vermieden werden können, nannte der IHF-Präsident nicht.


Sarah Stephan (TS Herzogenaurach):

Die 23-Jährige absolviert zur Zeit ein Auslandssemester in Prag, hilft ihren Kolleginnen von der Turnerschaft Herzogenaurach in der Bayernliga aber weiter als Links- oder Rechtsaußen: "Die Hallenverschmutzung ist sicher ein Problem und es sollte endlich eine einheitliche Regelung her. Das Argument mit der Gesundheitsgefahr kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Wer das Harz als schädlich empfindet, sollte diese Sportart nicht ausüben. Das Harzverbot würde den Handball kaputtmachen, weil die Geschwindigkeit des Spiels reduziert und Trickwürfe seltener werden würden. Gerade kleinere Spieler mit kleinen Händen hätten Probleme, den Ball richtig zu fassen."


Hans-Jürgen Kästl (TS Herzogeaurach):

Der 54-jährige Sulzbacher trainiert die Bayernliga-Damen der Turnerschaft Herzogenaurach: "Bisher war es nur eine Meinungsäußerung eines - zugegeben - wichtigen Mannes, die nicht mit irgendwelchen Gremien abgesprochen war. Dennoch irritiert das viele. Dass in der Jugend nicht geharzt werden darf, finde ich okay, aber für den Leistungshandball wäre es schädlich. Fürs Fangen und für manche Wurfvarianten ist Harz wichtig. Das Verbot würde die Sportart unattraktiver machen, weil die Defensive gestärkt würde. Meiner Kenntnis nach liegen keine Beweise vor, das Harz gesundheitsschädlich ist. Zudem werden ständig besser lösbare Harzmittel entwickelt, die den Hallen kaum noch schaden."


Walter Anheuer (HSG Erlangen/Niederlindach):

Seit Anfang des Jahres trainiert der 60-Jährige die Männer der HSG Erlangen/Niederlindach in der Bezirksoberliga alleinverantwortlich: "Ohne Harz ist es ein anderes Spiel. Gerade das einhändige Fangen ist dann viel schwieriger. Ich glaube auch nicht, dass das Verbot kurzfristig durchgesetzt wird. Andererseits gäbe es Vorteile, sofern es einen gut haftenden Ball als Alternative gibt. Da Harzen auf Bezirksebene verboten ist, käme uns die Entwicklung eines besseren Balles entgegen. In höheren Ligen, wo bisher nur teilweise ein Verbot besteht, hätten alle dieselben Bedingungen. In anderen Ländern wird bislang sogar in der Jugend geharzt: ein Nachteil für den deutschen Nachwuchs."





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