Ein Friedensstifter zum Wohle des Fußballs

Reinhard Scherzer ist einer von drei Konfliktlotsen in Unterfranken - für böse Buben hat der Polizeibeamte ein Druckmittel.
Jagdszenen vor dem Spielabbruch in Belgrad: Wüste Schlägerei zwischen Spielern und Anhängern beider Teams. Foto: Koca Sulejmanovic, dpa
 
Gewalt ist eine unschöne Seite unserer Gesellschaft und gehört nicht ins tägliche Leben, schon gar nicht zum Sport. Doch selbst auf dem Fußballplatz findet sie häufiger statt, als es den meisten recht ist. Um Gewalt einzudämmen, hat der Bayerische Fußballverband (BFV) spezielle "Konflikt-Manager" im Einsatz, zum Beispiel Reinhard Scherzer aus Kitzingen. Selbst jahrelang als Betreuer für den SSV Kitzingen unterwegs, hat er nun eine neue Aufgabe. Er ist seit gut zwei Jahren als "Referent für Anti-Gewalt-Kurse", so die offizielle Bezeichnung, ausgebildet und in der Region eingesetzt. Scherzer ist einer von 15 Referenten im BFV, die Anti-Gewalt-Kurse halten.


Nur Erwachsenen-Fälle

Außer dem Mann vom SSV Kitzingen sind in Unterfranken zwei weitere Konfliktlotsen aktiv: Sophie Fehlbaum vom FC Haßfurt und Michael Jung vom SV Veitshöchheim. Durch eine Art Stellenanzeige des BFV wurde Scherzer einst auf den Posten aufmerksam. Der Polizeibeamte meldete sich beim Verband und wurde eingestellt. "Eigentlich sind wir für Juniorenspiele trainiert, von der C- bis zur A-Jugend. Bisher hatte ich allerdings nur Erwachsene als Fälle", sagt Scherzer über seine ersten Monate. In der Regel beginnt seine Arbeit erst, wenn ein Spiel vorüber ist - oder abgebrochen wurde. Zwangsläufig beendet, weil das Treiben auf dem Sportplatz eskaliert war und der Schiedsrichter nicht mehr weiter wusste, vielleicht bedroht wurde. Vereine könnten die Krisen-Manager auch im Vorfeld bestellen, wenn sie ein brisantes Spiel erwarten. Kostenlos, wie Scherzer erklärt. Das übernehme der Fußballverband.


Wuchtig die Tür eingetreten

Bei einem Relegationsspiel steht es in der Verlängerung unentschieden. Der Spieler B., der bereits vorher die Gelbe Karte gesehen hat, schreit "abseits", aber der Schiedsrichter reagiert nicht. B. rastet aus, er fasst den Schiri an. Der stellt ihn mit der Gelb-Roten Karte vom Feld, daraufhin schießt B. nicht nur den Ball weit weg. Im Klubheim angekommen, tritt der weiterhin nicht zu beruhigende Fußballer mit voller Wucht eine Tür ein. "Er ist daraufhin vom Sportgericht für acht Spiele gesperrt worden", so Scherzer über den realen Fall. "Mit der Auflage, ein Anti-Gewalt-Seminar zu besuchen."

Dies sieht dann so aus, dass Reinhard Scherzer mal in einem Training von B.'s Mannschaft vorbeischaut, er will mit dem Spieler über dessen Ausraster reden. Zuvor hat sich der Anti-Gewalt-Manager über den Klub und die Mannschaft informiert. Gab es in der Vergangenheit schon einmal derartige Vorfälle im Verein? Wie steht er in der Fairness-Tabelle? Wieviele Gelbe oder Rote Karten hat der Spieler B. zuletzt bekommen? Dies alles ist für Scherzer wichtig. Er spricht mit dem Spieler, will wissen, weshalb er so reagiert habe und wie er heute darüber denke. "Wir schauen uns auch einmal gemeinsam ein Spiel von seiner Mannschaft an und diskutieren über einige Szenen." Dabei lerne man viel über den anderen.

Seine "Klienten" schildert Scherzer als "Familienväter, ganz normale Typen, die in einer Situation einen Ausraster hatten". Allerdings seien beim BFV auch "Problem-Mannschaften" bekannt, Vereine, die in den letzten Jahren öfters auffällig waren, mehrere Abbrüche provozierten. Hier läuft es nach ähnlichem Schema. Häufig seien das Mannschaften mit hohem Ausländeranteil, Südländer etwa, mit denen manchmal das Temperament durchgeht. "Die sind, wenn man mit ihnen redet, besonnen", sagt Scher-zer, "aber im nächsten Moment wie-der aufbrausend." Eins hätten sie alle gemeinsam: "Alle, die gesperrt sind, wollen ja wieder kicken, das ist unser Druckmittel."

"Im Raum Nürnberg hatte ich voriges Jahr eine Mannschaft, die in der Vorrunde gleich mehrere Spielabbrüche provoziert hat", erzählt Scherzer. Auch in diesen Fällen schickt der Verband seine Krisenmanager. Das sieht so aus, dass Reinhold Scherzer vorher vorbeikommt, zunächst mit den Vereinsfunktionären redet, später dann mit der Mannschaft. Warum sie so reagiert habe, was ihr nicht passte und so weiter. Scherzer versucht Spielern dabei Verhaltensratschläge zu geben. "Warum gehst du nicht weg von deinem Gegenspieler, wieso sagst du etwas zu ihm?" Über diese und ähnliche Fragen soll sein Gegenüber nachdenken.


Bei Problemspielen vor Ort

Bei Problemspielen, bei Begegnungen zweier Klubs, zwischen denen es schon in der Vergangenheit Schwierigkeiten gab, stellt sich der Gesandte des Verbands vor Anpfiff den beiden Teams als offizieller Beobachter vor. Hier treffe der Verband auch insofern Vorkehrungen, als er bisweilen bis in unterste Ligen seine besten Schiedsrichter einsetze. "Entscheidend" für raschen Frieden nennt Scherzer, dass der jeweilige Verein Platzordner einsetze, die als solche gekennzeichnet seien.

Das Einsatzgebiet der Konfliktmanager reiche "von der B-Klasse bis in die Bayernliga". In Oberbayern, im Ballungsraum von Großstädten gebe es mehr zu tun. Scherzer glaubt, dass ausgebildete Friedensstifter wie er auf dem Fußballplatz künftig noch mehr gefragt sein werden. In anderen Bundesländern, etwa in der Hauptstadt Berlin, hat der Fußballverband sogar Sozialpädagogen eingestellt, die sich mit dem Thema tagtäglich auseinander setzen. Dass der Einsatz der Pädagogen und der freiwilligen Schlichter etwas bringt, davon ist Scherzer überzeugt. "Die Erfolge geben uns Recht", sagt er. "In den Vereinen, die wir bearbeitet haben, kommt so etwas nicht mehr vor."





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