Wunsiedel im Fichtelgebirge
Interview

Lerchenberg verabschiedet sich von Luisenburg-Festspielen

Am Sonntag verabschiedete sich Intendant Michael Lerchenberg von den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel. Im Interview lobt er die Kulturpolitik der CSU.
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Michael Lerchenberg als Bruscon in Thomas Bernhards "Theatermacher". Foto: Luisenburg-Festspiele/Harald Dietz
Michael Lerchenberg als Bruscon in Thomas Bernhards "Theatermacher". Foto: Luisenburg-Festspiele/Harald Dietz
14 Jahre lang leitete der eben 64 Jahre alt gewordene Autor, Schauspieler und Regisseur als Intendant die Luisenburg-Festspiele - als Schauspieler stand er zum ersten Mal 1980 auf der Naturbühne - und hat dabei bei Kritik und Publikum große Erfolge erzielt, in der Kommunalpolitik nicht immer. Auch deshalb verlässt er die Festspiele ein Jahr früher als geplant.

"Der Theatermacher" ist Ihre vermutlich letzte Rolle auf der Luisenburg. Wie viel von Ihrer Persönlichkeit steckt in dieser tragisch-komischen Figur?
Lerchenberg: (lacht) In einer Zeitung stand "Der Theaterpatriarch in seiner letzten Rolle". Da ist schon ein bisschen was Wahres dran. Das Stück heißt "Der Theatermacher", ich bin der Theatermacher hier gewesen, und zwar noch in einer Art und Weise, wie man es heute in Deutschland kaum mehr kennt. Ich habe als Autor gearbeitet, als Bühnenbildner gearbeitet, und wenn's sein musste, habe ich auch das Licht gemacht. Das ist immer das eine. Das andere, dieser Bruscon (Bernhards "Theatermacher", d. Red.), ist ja auch ein Perfektionist. Das ist einer, der ein unbedingtes Wollen hat. Und auch das muss man haben als Intendant. Man braucht eine Vision. Insofern ist das eine Figur, die mir sehr ähnlich ist, aber es war interessant festzustellen, dass Regisseur Philip von Maldeghem, der selber auch Intendant ist, und ich uns in dieser Figur wiederentdeckten. Natürlich ist dieser Bruscon auch ein Dämon. Ich distanziere mich privat nun wirklich von den frauenfeindlichen Ausfällen des guten Manns, aber es ist eine starke Figur, voller Widersprüche, was wieder spannend ist am Theater, weil sonst wird's langweilig, und ja - es steckt schon was drin von mir.

Wobei Bruscon ja nicht nur über die Frauen lästert, sondern auch übers Proletariat. Vermutlich Bernhards Abrechnung mit der österreichischen Sozialdemokratie.
Natürlich. Es ist ja immer noch in Österreich so, dass die eine immerwährende große Koalition haben. Auf der anderen Seite sind in diesem Stück halt auch Sätze drin, die von einer erschreckenden Aktualität sind, wenn's heißt "Europa ist kaputt, die Kassen sind leer, es wird 100 Jahre dauern, das Ruinierte wieder herzustellen". Das schreibt einer 1984 ... Dazu muss ich aus meiner Erfahrung über viele Jahre sagen: Ich kann mich überhaupt nicht beklagen über die CSU in Bayern, im Wunsiedler Stadtrat auch nicht, wie die bereit ist, Kulturpolitik zu machen im Sinne eines echten Mäzenatentums. Die Freiheit der Kunst und Kultur setzt das Ministerium in München sehr hoch an. In roten oder rot-grünen Bundesländern ist das oft viel doktrinärer. Die wollen immer gerne in den Theaterspielplänen auch die Parteiprogramme wiederfinden. Dafür bin ich gar nicht zu haben, egal aus welcher Richtung.

Das ist eine Aussage wider das Klischee, und es ist sehr schön, dass Sie das sagen, der Sie als Bruder Barnabas die CSU weiß Gott nicht geschont haben.
Jetzt erst bei der Premiere in Bayreuth. Erwin Huber und Günther Beckstein habe ich nun wirklich gepeinigt in meiner ersten Rede. Und die kamen und sagten: Gott, wie ist das schade, dass Sie auf der Luisenburg aufhören. Bei aller Barnabaserei konnten die immer trennen zwischen dem, was der Lerchenberg als Theatermacher macht und was er auf dem Nockherberg gemacht hat. Das gilt auch für Stoiber und Seehofer. Die hatten gute Nehmerqualitäten. Und Geberqualitäten! (lacht)

Um etliches in dem Text als Anspielungen auf Ihre Situation in Wunsiedel zu verstehen, braucht es keine große Fantasie. Ist Utzbach also Wunsiedel?
Ich habe immer gesagt: Wer das heraushören will, der kann das gerne tun. Das ist ja das Schöne am Theater, und ein gutes Stück hat es auch nicht nötig, da irgend etwas reinzupappen oder irgendwelche Texte zu verändern, das wäre viel zu plump und banal. Wer Parallelen zwischen irgendwelchen Käffern in Oberösterreich und Wunsiedel ziehen will, der kann das gerne tun. Denn sicher hat die Provinz ihre Eigenheiten, insbesondere auch in der Politik, und das kann man da schon auch wiederfinden.

Heute heißt es Abschied nehmen von Ihrem Intendantenbüro, das unter Ihrer Ägide ausgebaut worden ist. Mit welchen Gefühlen scheiden Sie? Hadern Sie mit den Leuten, die Ihnen während der Zeit Ihrer Intendanz manche Steine in den Weg legten?
(lacht) Ich muss ehrlich sagen, ich gehe mit Stolz auf das Erreichte, und zwar auch künstlerisch. In der "Deutschen Bühne" stehen wir in diesem Jahr zweimal als "Highlight abseits der Zentren". Eine Anerkennung für die Arbeit, die man gemacht hat. Letzten Endes geht es aber um die Akzeptanz des Publikums. Ich versuche die Leute mitzunehmen, und das hat gut geklappt. Einmal mehr, einmal weniger, ich bin nicht so vermessen zu sagen, alles war sensationell. Auch der Betrieb, den ich hinterlasse, räumlich, ist hervorragend geworden, und letztendlich, so man es denn schätzen würde, hinterlasse ich auch einen hoch professionellen Mitarbeiterstab.

Und das Hadern?
Ich muss ganz ehrlich sagen: Was juckt's die Eiche? Ich habe mich entschieden nach einer guten reiflichen Abwägung ...

Sie wären aber gerne geblieben?
Als Regisseur hätte ich durchaus das eine oder andere Stück noch gerne gesehen auf der Bühne. Aber den Vertrag bis ans Lebensende hätte ich auf keinen Fall gemacht. 14 Jahre Intendanz ist ja auch eine lange Zeit. Da muss auch im Interesse des Theaters ein Wechsel sein.

Was wird Ihnen am meisten im Gedächtnis bleiben, im Guten wie im Schlechten?
Mir hat diese Bühne irrsinnig viel gegeben, das ist ein toller Partner, ein magischer Raum, der mitspielt, der alle Beteiligten verändert, das werde ich nie vergessen. Dann sind da natürlich Theatererlebnisse der freudigen Art. Mir war's immer wichtig, dass meine Leute hier gern arbeiten. Das unterscheidet mich von Bruscon. Fertigmachen war mein Stil nicht. Ich habe immer versucht zu überzeugen.

Sind Sie mit Ihrem Konzept, zweimal "Theater fürs Volk", einmal "Kunst", einmal Musical, im Nachhinein zufrieden? Die "Iphigenie" etwa hatte nur gut 6000 Zuschauer.
Das Stück hat heute keine Massentauglichkeit, das ist klar, trotzdem war es wichtig, das zum Jahrhundertjubiläum der professionellen Bespielung auf die Bühne zu bringen. Es war mir immer wichtig, so etwas zu machen, etwa das Schauspiel-Tanztheater Drama "Bluthochzeit" meiner Frau oder Tschechows "Möwe".

Und die Zukunft der Luisenburg?
Ich sehe sie an einem Scheideweg. Die Signale, die ich höre, klingen mir zu sehr nach Kommerz. Es geht um Sparen einerseits und Geldverdienen andererseits, um Ausweiten des Gastspielprogramms und so weiter. Den Spielplan möchte ich nicht werten wollen.

Sie haben ja weit übers traditionelle Theaterpublikum hinaus Menschen erreicht.
Das ist das Tolle dran, dass wir nicht nur im Dialektbereich ein Volkstheater sind. Vom Akademiker bis zum Hartz-IV-Empfänger und auch für alle Altersstufen machen wir Theater. Ich will die Leute mitnehmen, aber nicht unter Niveau. Ich will sie schon ein bisschen hochheben. Nicht im Sinne des Belehrens, der moralischen Anstalt, aber die Leute sollten sich ein bisschen herausgefordert fühlen.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?
Ich will wieder mehr als Schauspieler arbeiten. In dem Moment, als ich Intendant geworden bin, hat mich kein Kollege mehr als Schauspieler engagiert. Das wird sich jetzt hoffentlich wieder ändern. Ich werde inszenieren, vielleicht wieder mal etwas schreiben.

Eine Anekdote aus den 14 Jahren?
Die Tiergeschichten sind immer lustig. Dass wir oben nachts einen Luchs beobachten konnten, oder als wir die Rocky Horror Show gespielt haben, sind wegen der Reiskörner aus ganz Oberfranken und wahrscheinlich auch aus Tschechien die Mäuse hergepilgert gekommen. Die Leute haben ja gar nicht geahnt, was sich da zwischen ihren Füßen abgespielt hat. Das waren Mäusefestspiele!

Das Gespräch führte
Rudolf Görtler.
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