Selb
Wirtschaftsserie (1)

Hotels lieben dieses Geschirr

Ob im Flieger oder im Kreuzfahrtschiff: Vom Porzellan der Firma BHS tabletop aus Selb essen täglich mehr als 200 Millionen Menschen.
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Ein BHS-Mitarbeiter im Werk Schönwald Foto: Stefan Puchner
Ein BHS-Mitarbeiter im Werk Schönwald Foto: Stefan Puchner
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Schönwald 65 Meter lang ist der Ofen im Werk Schönwald. Er läuft 24 Stunden, jeden Tag. Ihn zwischenzeitlich abzuschalten, lohnt nicht. Und Porzellan zu brennen, braucht seine Zeit. 18 Stunden bei 950 Grad. Später noch einmal sieben Stunden bei 1400 Grad für die Glasur. Sollte ein bestimmtes Dekor gewünscht sein, muss das Geschirr erneut durch eine Ofenstraße.


Für Profis

"Made in Germany steht für höchste Qualität", sagt Christian Strootmann, Vorstandsvorsitzender der börsennotierten Aktiengesellschaft BHS tabletop in Selb (Landkreis Wunsiedel). Der Chef des fränkischen Porzellanherstellers steht im Präsentationsraum des Werks Schönwald nordwestlich von Selb und greift nach einem Teller. "Sehen Sie", sagt er, "bis zu 20 Mal am Tag wird so ein Teil auf einem Kreuzfahrtschiff genutzt." Ganz andere Herausforderungen als bei Geschirr für Privathaushalte. In der Branche spricht man von Profi-Porzellan. "Wir reden da über Themen wie Platz, Gewicht, Maße, Mengen oder spezielle Sortimente", erklärt Strootmann.
BHS ist Weltmarktführer in diesem Segment. Nach Firmenangaben beträgt der globale Anteil der Firma zwölf Prozent, in Europa sind es 30 Prozent.


57 Prozent Exportanteil

Ob die Betriebsrestaurants von VW oder BMW, die Aida-Kreuzfahrtschiffe oder die Fluglinien von Lufthansa und Condor - die Liste der Kunden ist lang. "Wir arbeiten vom kleinen Restaurant bis zum großen Kreuzfahrtschiff." 57 Prozent der Fertigung geht ins Ausland, auf alle Kontinente.
Etliche klangvolle Namen sind unter den Belieferten: das Nobelhotel Burj Al Arab in Dubai, das Caesar's Palace in Las Vegas oder der Scheich von Quatar (mit Gold- und Platindekor).
Produziert wird nicht in Asien oder Osteuropa, sondern vor Ort - in Schönwald, Selb und Weiden in der Oberpfalz. Hat die traditionelle Porzellanindustrie im nordöstlichen Franken allen anderslautenden Meldungen vergangener Jahre doch überlebt?
Strootmann nennt bundesweite Zahlen, die den Niedergang der Branche widerspiegeln. "Vor 30 Jahren gab es in Deutschland noch 40 000 Menschen in der Porzellanindustrie. Vor zwölf Jahren noch 12 000. Heute sind es noch 4000 bis 5000."


In der Nachfolge von Hutschenreuther

BHS gibt es seit 18 Jahren. Die Firma ist ein geglückter Versuch, ein Traditionsunternehmen mit neuem Geschäftsmodell zu retten. "Wir sind formaljuristisch die Hutschenreuther AG. Wir heißen nur anders", sagt Strootmann.
Strootmann war von Anfang an dabei, als das Ruder herumgerissen wurde, nachdem die Hauptaktionäre - Deutsche Bank, Münchener Rück und eine WMF-Tochter - die Notbremse gezogen hatten. Fortan verabschiedete man sich vom Haushaltssortiment, das in der Gesellschaft sowieso an Stellenwert verloren hatte und konzentrierte sich auf Businesskunden. Der neue Name BHS tabletop zielte auf globale Interessenten, schließlich ist "tabletop" der weltweite Fachbegriff für den gedeckten Tisch.


Warum BHS-Kunden nicht bei Ikea kaufen

Wenn Christian Strootmann von seinem Geschäft spricht, dann geht es nicht um Porzellan. Es geht um Problemlösungen. "Bloßes Porzellan lässt sich auch bei Ikea kaufen", sagt er. "Eine individuelle und fixe Lösung für die Probleme unserer Zielgruppe nicht." So müssten Teller in Kliniken immer leicht vorgeheizt werden können oder Geschirrteile in Seniorenheimen auf die Belange älterer Menschen abgestimmt werden, zum Beispiel was Farbgebung und Wärmeschutz betreffe.
Service sei ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz aus Asien. Strootmanns Lieblingsbeispiel: Gehe dem Servicepersonal auf dem Clubschiff Aida am Finnischen Meerbusen eine Ladung Fischteller zu Bruch, sorge BHS dafür, dass neue Teller mit dem Aida-Logo binnen 48 Stunden im nächsten Zielhafen Helsinki bereitstünden. "Deutsche Verlässlichkeit ist immer noch ein Trumpf in unserer Branche."
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