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Tierschutz

Würzburg: Rapper Marteria wegen Tierquälerei angezeigt - was ist "Catch and Release"?

In einem Video präsentiert Rapper Marteria einen Fisch, den er nach einem Konzert in Würzburg geangelt hat. Peta zeigt ihn deswegen an.
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In einem Video präsentiert Rapper Marteria einen Fisch, den er nach einem Konzert in Würzburg geangelt hat. Peta zeigt ihn deswegen an. Warum eigentlich? Foto: Screenshot youtube
In einem Video präsentiert Rapper Marteria einen Fisch, den er nach einem Konzert in Würzburg geangelt hat. Peta zeigt ihn deswegen an. Warum eigentlich? Foto: Screenshot youtube
Eine Nacht im Mai: Vor seinem Konzert in der Posthalle angelt Marten Laciny alias Marteria mit Freunden an einem See im Würzburger Stadtteil Lengfeld. Man sitzt beisammen, hängt die Angel ins Wasser und zieht mehrere Fische an Land. Der Musiker lässt sich mit den Tieren filmen und setzt sie danach wieder in den See. Ist das Tierquälerei? Dem Rapper droht nun eine Geldstrafe.

Die Sache wurde publik, weil Marteria das Video "One Night in Würzburg" mit Sequenzen vom nächtlichen Fischen in Würzburg im Internet veröffentlicht hat. Nachdem Aktivisten von Peta (Abkürzung für die englische Bezeichnung von "Menschen für den ethischen Umgang mit Tieren") das Video entdeckten, zeigte die Tierschutzorganisation den Rapper wegen Tierquälerei an.
Auf Nachfrage bestätigt der Würzburger Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen der Redaktion, dass ein entsprechendes Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz geführt wird. "Die Akte befindet sich derzeit zur Durchführung der erforderlichen Ermittlungen bei der Polizei", sagt Raufeisen. Abgeschlossen wären diese nicht vor Mitte September.

"Fische sind kein Spielzeug, sondern empfindsame Lebewesen", erklärt Tanja Breining, Fachreferentin für Fische und Meerestiere bei Peta. Von dem Moment an, in dem sich der Angelhaken durch den Mund der Fische bohrte, bis zum Zurücksetzen ins Wasser, empfinde das Tier nicht nur Schmerzen, sondern leide auch unter Todesangst und Sauerstoffmangel. Beining weiter: "Marteria hat aufgrund seiner großen Fangemeinde eine Vorbildfunktion - ein solcher Umgang mit sensiblen Lebewesen gehört für uns nicht zu einem coolen Lifestyle." Peta will Angeln generell verbieten.


Marteria: "Meinen Rausch hole ich mir jetzt durchs Angeln."

Marteria, der vor seiner Musikkarriere Profifußballer und Model war, hat tatsächlich eine große Fangemeinde: Seine Clubtour durch Deutschland war im Frühjahr innerhalb von einer Minute ausverkauft. Warum dem coolen Rapper ausgerechnet das eher altbackene Hobby Angeln taugt, hat er in mehreren Interviews erklärt: So habe er bereits als Kind mit seinem Vater geangelt und tue jetzt dasselbe mit seinem Sohn. Das Angeln habe ihm auch geholfen, von Drogen und Alkohol wegzukommen. "Meinen Rausch hole ich mir jetzt durchs Angeln." Durch das Runterkommen in der Natur habe er gelernt, wieder den Tag zu genießen. Das Thema beschreibt er auch in einem Song: In "Blue Marlin" geht es um den Königsfisch der Angler, den Materia vor Jamaika gefangen hat.

Peta wirft dem Musiker "Catch and Release"-Angeln vor. Das "Fangen und Freilassen" von Fischen, das als reines "Spaßhobby" nicht dem Nahrungserwerb dient, ist umstritten.

"Ich finde es nicht vertretbar, nur für ein Foto zu angeln", sagt Wolfgang Silkenat, Leiter der Fischereifachberatung des Bezirks Unterfranken. Aber leider passe der Trend zur Selbstdarstellung mit dem dicksten Fisch wohl zum Zeitgeist. Für die meisten Angler sei das Mitnehmen und Essen ihres Fangs zwar selbstverständlich - "aber es gibt auch andere". Auch der Bayerische Landesfischereiverband kritisiert "Karpfen- und Wallerprofis", die gezielt Großfische für ein Fotoshooting fangen. Angezeigt hat Peta wegen eines solchen Fotos im vergangenen Jahr auch den Ex-Fußballer Klaus Augenthaler. Laut Medienberichten musste er eine Strafe von 3000 Euro zahlen.

Die Fischereifachberatung setzt diesem Trend etwas entgegen. So werden Kurse zum Schlachten, Räuchern und Zubereiten - gerade von grätenreichen Fischen - angeboten. Besonders große Fische, wie eben kapitale Waller, könnten Angler an Berufsfischer abgeben, wenn sie diese nicht selbst verwerten.


Keine Stellungnahme von Marteria

Ein Würzburger Freund sagt dieser Redaktion, dass sich der Rapper auf Anraten seines Anwalts nicht zu den laufenden Ermittlungen gegen ihn äußern will. Der Mann ist auch Angler. Er war in der Nacht am See dabei und versteht die Vorwürfe nicht. "Von uns angelt keiner, weil er auf einem Foto posieren will." Stattdessen gehe es um das Naturerlebnis.

"Wir essen natürlich auch mal einen Fisch", sagt der Würzburger. Aber genauso wie er zu kleine Fische wieder zurücksetzte, oder solche, die unter Artenschutz stünden, lasse er auch große Karpfen wieder frei: "Damit sie sich weiter vermehren können." Für ihn und die Angler, die er kenne, sei es selbstverständlich, sorgsam mit den Fischen umzugehen und ihnen Qualen zu ersparen.


Hintergrund: Was ist "Catch and Release"?

Fangen und Freilassen, "Catch and Release" (C&R), bedeutet Angeln, ohne die Absicht, den Fisch zu verwerten. Wer so Fische fängt, will sie nicht töten und essen, sondern wiegen, messen und wieder freilassen. Tierschützer und auch manche Angler kritisieren das Hobby "Catch and Release". Fische nur aus Spaß zu fangen, rechtfertige nicht, ihnen Stress oder sogar Schmerzen zuzufügen.

Inwieweit Fische Schmerz empfinden, ist wissenschaftlich strittig. Manche Forscher meinen, dass ihnen die dafür nötigen Teile im Gehirn fehlen.

Fische seien zwar in der Lage, Reize durch Berührung oder Verletzung wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Aber um Schmerz als Leiden zu empfinden, brauche es ein Bewusstsein - das sie nicht haben. Andere Experimente belegen, dass Fische ähnlich auf Verletzungen reagieren, wie es auch andere Wirbeltiere tun. Erhöhter Herzschlag, Stresshormone oder verlangsamtes Schwimmen und Einstellen der Nahrungsaufnahme sind Zeichen, dass auch Fische Schmerzen verspüren.


Angeln "ohne vernünftigen Grund"

Wissenschaftlich belegt ist, dass vor allem empfindliche Fischarten Vermessen und Fotografieren nicht überleben, wenn sie länger an Land sind.

Rechtlich ist laut Bayerischem Landesfischereiverband Fischfang dann untersagt, wenn dazu ein Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes fehlt. Denn dieses untersagt im Paragraf 17, einem Tier "ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden" zuzufügen. Ein vernünftiger Grund ist zum Beispiel eine Hegemaßnahme oder die Verwertung des Fangs. Wer in Bayern angelt, braucht dafür einen Fischereischein. Voraussetzung dafür ist die bestandene staatliche Fischerprüfung.

Laut Bayerischem Fischereigesetz dürfen geangelte Fische wieder zurückgesetzt werden, wenn sie zu einer geschützten Fischart gehören, in der Schonzeit gefangen wurden oder unterhalb einer bestimmten Größe sind. Manuela Göbel/gam
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