Würzburg
  Interview

Er sieht ohne Augenlicht

Ein Mann darf nicht Priester werden, weil die Erblindung droht. Er tritt aus der Kirche aus, macht Buddhismus-Erfahrung, tritt wieder ein. Und schreibt.
Artikel einbetten
"Pronto" heißt das Gerät, das Volker Tesars Gedanken in Braille-Schrift festhält. Der Autor hat es immer bei sich (für komplette Sicht bitte aufs Bild klicken).  Foto: Diana Fuchs
"Pronto" heißt das Gerät, das Volker Tesars Gedanken in Braille-Schrift festhält. Der Autor hat es immer bei sich (für komplette Sicht bitte aufs Bild klicken). Foto: Diana Fuchs
+4 Bilder
F ügung? Schicksal? Zufall? Der Vorname Volker stammt aus dem Althochdeutschen und lässt sich mit "Volkskämpfer" übersetzen. Gewalt ist nicht Volker Tesars Metier, gar nicht, aber er schreibt für das Volk, für eine friedliche Revolution, für eine bessere Welt. Eine Welt, in der es sich zu leben lohnt, für jeden einzelnen Erdenbewohner.

Ob seine Mutter, eine sehr katholische Frau, eine Vorahnung hatte und ihm bewusst den Namen gab? Jedenfalls freute sie sich, als ihr Sohn den Wunsch äußerte, Priester zu werden, und nach dem Abitur begann, Philosophie und Theologie zu studieren. Doch der damalige Würzburger Bischof Paul-Werner Scheele musterte Volker Tesar aus. Er meinte, ein blinder Priester könne keine unabhängige Seelsorge garantieren. Der junge Mann, der damals noch einen Rest Sehkraft besaß, absolvierte daraufhin ein Praktikum bei der Caritas, in der Aussiedlerbetreuung, studierte schließlich Sozialpädagogik, machte sein Diplom. So richtig glücklich wurde der Literatur-, Musik- und Kunstfreund aber beruflich erst einmal nicht. Heute arbeitet er als Lehrer in der Erwachsenenbildung, gibt EDV-Kurse für Blinde und Sehbehinderte. Und noch lieber ist er Autor: "Geschichten zu schreiben, ist für mich mehr Gottesdienst, als sonntags in die Kirche zu gehen."

Wie war das damals, Anfang der 80er Jahre, als der Bischof Ihren Wunsch, Priester zu werden, ablehnte?
Volker Tesar: Ich war schon ziemlich weit gekommen in meinem Theologiestudium. Es hat mich sehr getroffen, dass ich nicht Priester werden sollte. Ein bisschen hatte der Bischof aber vielleicht recht, denn schließlich bin ich 1987, mit 28 Jahren, ja wirklich vollständig erblindet. Da musste ich mich tatsächlich erst einmal neu arrangieren, die Blindenschrift und das Zehn-Finger-System auf der Tastatur lernen, Mobilitätstraining absolvieren und so weiter.

Haben Sie ganz plötzlich nichts mehr gesehen oder war das ein schleichender Prozess?
Mehrere Jahre lang war mein Sehvermögen immer schlechter geworden, aber ich hatte gelernt, mit der restlichen Sehkraft auszukommen. Meine endgültige Erblindung erlebte ich im Sommer 1987 bei einer Bergtour in den Graubündner Alpen. Ich hatte mein Patenkind in einer Kraxe auf dem Rücken. In 2800 Metern Höhe wurde der Himmel immer dunkler. Obwohl es taghell war. Für mich blieb von nun an alles dunkel. Wir brauchten vier Stunden für den Abstieg, Meine Weggefährten konnten das Kind aufgrund ihrer körperlichen Verfassung nicht tragen und mussten mich nun samt Kraxe einen leichteren Weg hinunterdirigieren. Das am Ende geschafft zu haben, hat mir körperlich gut getan, aber in der Klinik war nichts mehr zu machen.
Besteht die Hoffnung, dass Sie - bedingt durch medizinisch-technischen Fortschritt - irgendwann wieder sehen?
Es gibt mittlerweile die Möglichkeit, sich einen Chip ins Auge operieren zu lassen, um zumindest optische Reize wieder wahrnehmen zu können. Dieser Chip hat über den Sehnerv Verbindung zum Gehirn. Aber ich will nicht an meinem Zentralcomputer herummanipulieren lassen. Das ist mir zu gefährlich. Ich koche selbst - mit Hilfe einer sprechenden Waage - , ich kaufe selbst ein, ich mache sauber - ich kriege vieles hin. Trotzdem muss ich ehrlich sagen, dass mich dann und wann eine Depression überkommt.

Was tun sie, wenn Sie merken, dass die Stimmung sinkt, dass sich im Inneren ein schwarzes Loch auftut?
Ich lese und meditiere. Und schreibe. Auch selbst erzeugte Geschwindigkeit hat einen guten Effekt (grinst). Ich liebe es zum Beispiel, an der Seite meiner Frau mit Inlineskates Gas zu geben.Vor einigen Jahren bin ich auch einmal einen Marathon gelaufen - um mir selbst zu beweisen, dass ich das schaffe. Als ich es geschafft hatte, habe ich wieder aufgehört. War mir zu langweilig.

Was den Glauben angeht, ist ihre Geschichte alles andere als langweilig. Erst Katholik, dann Lutheraner, dann sieben Jahre Erfahrungen mit der Lehre Buddhas, dann wieder evangelischer Christ. Was sind Sie heute?
Ich bin ich, ich bin Christ. Ich war immer schon ein kritischer Geist, habe zum Beispiel nie an die Unfehlbarkeit des Papstes geglaubt, denn er ist trotz allem ein Mensch. Was ich durch den Buddhismus gelernt habe, ist: Wir wissen viel zu wenig über andere Kulturen. Wie aber können wir uns als Wenig-Wissende ein umfassendes Weltbild machen? Für mich selbst habe ich gemerkt: Ohne einen personalisierten Gott komme ich nicht aus. Ich brauche eine Art direkten Ansprechpartner.

Beten Sie manchmal, dass Gott Sie wieder sehen lässt?
Beten würde ich das nicht nennen. Wir sind im Kontakt und die Weltenseele - Gott? - weiß, was mein höchstes und innigstes Anliegen ist. Manchmal verstehe ich das Sehen allerdings auch so, dass ich eben andere Dinge, innere Wahrheiten, sehe, die sonst unsichtbar blieben, sähe ich noch mit den Augen. Es wäre aber gelogen zu sagen, dass es diesen Wunsch des physischen Sehens nicht gibt. Es gab eine Zeit, in der ich mit Geistheilerinnen zu tun hatte und da stand dieser Wunsch an erster Stelle.

Was vermissen Sie als Blinder besonders?
Dass ich nicht spontan etwas unternehmen kann, sondern immer erst planen muss, und dass Dinge, die sonst gern der Mann macht, bei uns die Frau übernimmt - zum Beispiel Auto fahren. Der erste Punkt ist der gravierendere: Ich würde viel darum geben, einfach in eine Bücherei oder Buchhandlung gehen und interessante Bücher aus dem Regal ziehen zu können...
Gibt es nicht die meisten Bücher auch in Blindenschrift beziehungsweise zum Vorlesen?
Da die Übertragung von Büchern, speziell von Fachbüchern, in Braille-Schrift sehr komplex ist, gibt es längst nicht alle Bücher auch für Blinde. Fotos müssen zum Beispiel in tastbare Reliefs umgewandelt werden, Grafiken in Texte. Das ist teuer.
Selbstlesen ist natürlich trotzdem was anderes als Hörbücher zu konsumieren. Vor allem Lyrik, also Gedichte, klingen mit der Computerstimme sehr befremdlich.

In der Bibel haben Sie sicher oft gelesen - unter anderem die Bergpredigt, die Jesus am See Genezareth gehalten hat. Mit dem Appell, den Feind zu lieben und auf Gewalt zu verzichten, ist sie ja quasi eine Handlungsanweisung für ein christliches Leben. Würde der "gütige Meister" diese Regeln unterschreiben?
Die Bergpredigt besagt ja nicht, dass man jeder Gewalt aus dem Weg gehen soll, sondern dass man in Interaktion zu den Mitmenschen treten und versuchen soll, sie zu verstehen und heil zu machen. Davon handeln auch Geschichten im "gütigen Meister". Eine Grundaussage des Buches ist es, dass es ohne mitfühlende Liebe nicht geht. Ich wünsche mir von den Kirchen, aber vor allem von den einzelnen Menschen, dass sie das begreifen.

Ist das die große Hoffnung für die Zukunft?
Ich bin davon überzeugt: Wenn immer mehr Menschen das durchhalten und ihren Mitmenschen mitfühlende Liebe entgegenbringen - ohne altruistisch zu werden - , dann wird sich auf der Erde viel zum Positiven wenden.

"Der gütige Meister" ist nicht nur für Christen gedacht, oder?
Die Geschichten vom Meister und seinem Schüler sind nicht dogmatisch. Sie geben meine philosophische Weltanschauung wieder. Ich wollte meine Aussagen so treffen, dass die Leser - egal, welcher Religion sie angehören - kein Lexikon brauchen, um sie zu verstehen.
Die Schüler-Lehrer-Beziehung erschien mir da sehr passend - zumal jeder von uns im Leben manchmal Lehrer und manchmal Schüler ist.

Haben Sie Pläne für weitere Buchveröffentlichungen?
Ich habe Manuskripte in der Schublade. Einen Krimi, in dem es um einen Blinden geht, der sich in eine Harfenistin verliebt, und einen Roman über eine Violinistin. Das dritte Manuskript ist ein Adventskalender für Jugendliche, bei dem es jeden Tag im Advent ein weiteres Kapitel einer Geschichte zu lesen gibt. Aber zu viel sollte ich noch nicht verraten!


VOLKER TESAR:


Erblindung: Als Drittklässler blieb er in der Schule immer an der Treppe hängen. Seiner Lehrerin fiel das auf. Viele Arztbesuche später war klar: Volker Tesar, Jahrgang 1959, leidet an einer vererbten Augenkrankheit, bei der sich die Netzhaut im Lauf der Zeit selbst zerstört (Goldmann-Favre-Syndrom). Seit 1987 ist Tesar blind.

Werdegang: Der im unterfränkischen Kahl am Main geborene Diplom-Sozialpädagoge, der auch Theologie studiert hat, arbeitet als Dozent bei EDV-Kursen für blinde und sehbehinderte Menschen, zudem engagiert er sich ehrenamtlich im Blinden- und Sehbehindertenbund Bayern. Besonders gerne schreibt er. Nach den Lyrikbänden "Sternenfunken" und "Lebensfunken" sowie dem Roman "Die drei Medaillons" hat er nun den "Gütigen Meister" veröffentlicht. Tesar lebt mit der Künstlerin Maja Issing in Würzburg. Er hat eine Tochter aus einer früheren Ehe und sieht auch die Tochter seiner Partnerin als Kind, das dazugehört, an.

Der gütige Meister: Feinsinnig und mit klarer Sprache erzählt Volker Tesar in seinem Buch "Der gütige Meister", das auch in Blindenschrift erschienen ist, von einem weisen Mann und seinem Schüler. Der Schüler stellt viele Fragen zu großen und kleinen Dingen des Lebens. Der Meister führt den Schüler mit geschickten Rückfragen und Aktionen auf die richtigen Spuren. Tugenden wie Geduld und Mitgefühl, aber auch Güte, Gnade, Frieden, Liebe und Achtsamkeit werden so auf 125 Seiten thematisiert. Ein inspirierendes Buch aus dem Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, ISBN 978-3-7365-0058-7.

Live zu erleben: Volker Tesar führt Interessierte am 15. Oktober 2017 über den Sinneswandelpfad des Walderlebniszentrums Gramschatz. Wer möchte, kann die Führung mit verbundenen Augen erleben. In der Stimmung des Waldes wird Tesar auch eine Geschichte aus seinem Buch vorlesen. Ansonsten hat er, wie er lachend sagt, "noch Kapazitäten für Lesungen frei".
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren